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	<title>Demokratische Philosophie</title>
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	<title>Demokratische Philosophie</title>
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		<title>Skateboarding als Demokratiemodell [#006]</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Croonenbrook]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 15:20:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Notizbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
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					<description><![CDATA[Skateboarding als Demokratiemodell »Es besteht eine Art schöne Symmetrie darin, dass der Grad, in dem wir uns mit einer Gemeinschaft verbinden, im Verhältnis zu unserer Individualität steht, die wir durch unser Handeln zum Ausdruck bringen.« Rodney MULLEN Skateboarding – Meine erste Heterotopie Heute möchte ich mal zu einem ungewöhnlichen und vielleicht recht randständigen Thema der [&#8230;]]]></description>
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<h1 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Skateboarding als Demokratiemodell</mark></h1>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen02.png" alt class="wp-image-2562" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen02.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen02-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen02-768x336.png 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-377991d1b3e3ee5e8035014be44186f4" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">»Es besteht eine Art schöne Symmetrie darin, dass der Grad, in dem wir uns mit einer Gemeinschaft verbinden, im Verhältnis zu unserer Individualität steht, die wir durch unser Handeln zum Ausdruck bringen.«</mark> Rodney <strong>MULLEN</strong></p>



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<div class="wp-block-group is-content-justification-center is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-23441af8 wp-block-group-is-layout-flex">
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<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">20–30&nbsp;Minuten</div>


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<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">4.729&nbsp;Wörter</div></div>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Skateboarding – Meine erste Heterotopie</mark></h2>



<p>Heute möchte ich mal zu einem ungewöhnlichen und vielleicht recht randständigen Thema der Demokratischen Philosophie schreiben. Das Verhältnis von Skateboarding und Demokratie und bin gespannt, wo mich und uns das hinführen mag.<br>Ich stamme aus einer katholisch geprägten Kleinstadt am Niederrhein in Nordrhein-Westfalen. Wie viele andere katholische Kinder vom Lande war ich damals in den 80ern Messdiener, katholischer Pfadfinder und habe Handball gespielt (statt Fußball). Ich durchlief den Normierungs- und Integrationspfad, den mein Heimatstädtchen zur Verfügung gestellt hat. Diese Welt war sportlich, kulturell und politisch sehr klein. Damals gab es dort im Stadtrat nur drei Parteien: CDU (22 Sitze), SPD (9 Sitze) und FDP (2 Sitze). Alle Kinder nahmen am Karneval und am St. Martinsumzug teil. Es gab erst einen und in meiner Jugend zwei (!) bekannte schwule Männer in dem Städtchen, die beide dazu verdammt waren, als verrückte Paradiesvögel zu leben, um sich zwar nicht vor Beleidigungen und Verachtung, aber doch vor dem Großteil der körperlichen Gewalt und der vollständigen Ausgrenzung zu »schützen«. Nachdem ich vom Handball zur Leichtathletik gewechselt war und unaufhörlich im sportlichen Wettstreit auf 1000, 2000 und 3000m eine langweilige Runde nach der anderen auf Asche- und Tartanbahnen in der umliegenden Provinz drehen durfte, kam rechtzeitig für meine Jugend durch zwei Jungs mit »Großstadthintergrund« Skateboarding – oder Skaten, wie wir es damals nannten – in unser beschauliches Nest.</p>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen04_kleinstadt_skater.png" alt class="wp-image-2609" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen04_kleinstadt_skater.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen04_kleinstadt_skater-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen04_kleinstadt_skater-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-8c5d6bfd9841506a132590740472bd11" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Kleinstadt-Idyll auf Rollen</mark></p>



<p>Nachdem ich diese neue, deviante Jugendkultur pflichtgemäß zuerst verhöhnt hatte, schaffte es mein bester Freund, mich zu überreden, der Sache eine Chance zu geben. Das Ergebnis war, dass ich den Großteil meiner freien Zeit vom Ende der 80er bis zur Mitte der 90er (mit ein paar Pausen) mit Skaten verbrachte – bis heute wohl die freieste und glücklichste Zeit in meinem Leben. Diese kleine kulturelle Blase brachte auch die Technokultur in unser Städtchen, leider auch zusammen mit entsprechenden Drogengeschichten. Der technisch beste unter uns Skater*innen outete sich später als homosexuell. Gemeinsam mit meiner späteren Frau gründete ich ein Schüler*innen-Magazin, das die Schüler*innenschaften zweier Gymnasien (ehemals Jungen- und Mädchengymnasium) kulturell und kommunikativ miteinander verbinden wollte. Übrigens gehörte sie zu den wenigen jungen Frauen in der kleinen Skater*innen-Community. Wie damals üblich hatte sie es schwer, dafür anerkannt zu werden, dass sie nicht einfach bewundernd daneben stehen, sondern ernsthaft mitmachen wollte.  Als wir über die Gründung der Grünen in unserer Kleinstadt berichten wollte, stellte sich herau, dass der zweiten Listenplatz noch vakant war.  Da ich bereits 18 war, meine damalige Freundin jedoch noch nicht, erklärte ich mich bereit, das Projekt zu unterstützen. Ich trat also zur Kommunalwahl an und wurde gewählt (Sitze: CDU 22, SPD 9, Grüne 2, FDP 0), der Beginn meiner politischen »Karriere«, die ich Ende der 90er Jahre in Potsdam beendete.<br>Diese kleine soziale Blase brachte viel kulturelle, sportliche und sogar ein wenig politische Innovation hervor und baute Brücken zwischen Normalos wie mir und Jugendlichen, die deutlich mehr von der »Norm« abwichen. Obwohl wir irgendwie immer in einer Art Dauerwettstreit standen, wer die meisten und besten Tricks konnte, brachten wir uns auch geduldig gegenseitig neue Sachen bei und motivierten uns gegenseitig. Kaum etwas hat mich in meinem Leben mehr geprägt als diese »wilde« Zeit.<br>Aber was ist eigentlich Skateboarding? Hier sollte ich vielleicht für einen kleinen erklärenden Einschub innehalten, bevor ich den Spagat zur Demokratie wage. Et voilà!</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Kurze Geschichte des Skatens – Von den Wellen auf den Asphalt</mark></h2>



<p>Skateboarding entstand in den späten 1950er Jahren in Kalifornien, als Surfer eine Möglichkeit suchten, ihr Können auch abseits des Wassers zu trainieren – das sogenannte „Sidewalk Surfing« war geboren. Die ersten Bretter waren schlichte Holzplanken mit Rollschuhrädern, kaum mehr als improvisierte Spielzeuge.</p>



<p>In den 1960ern erlebte Skateboarding einen ersten Boom, begleitet von Zeitschriften und sogar ersten Wettbewerben. Doch das Interesse verebbte schnell, bis die 1970er Jahre eine Revolution brachten: Urethan-Rollen ermöglichten bessere Kontrolle, und in leeren Swimmingpools entstand eine völlig neue Fahrweise – das Pool- und Vertical-Skating. Legenden wie Tony Alva und Stacy Peralta prägten diese Ära.</p>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen06_mullen_airwalk.png" alt class="wp-image-2587" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen06_mullen_airwalk.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen06_mullen_airwalk-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen06_mullen_airwalk-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-e000392218b9e405c59206a7f34b01e0" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Rodney Mullen – Meister des Freestyle und Godfather of Streetskating</mark></p>



<p>Parallel dazu entwickelte sich das Freestyle-Skateboarding – eine Disziplin, die fernab von Pools und Rampen auf flachem Untergrund betrieben wurde und akrobatische Tricks, Fußarbeit und kreative Kombinationen in den Vordergrund stellte. Der überragende Name dieser Richtung ist Rodney Mullen. In den frühen 1980ern erfand er eine atemberaubende Zahl an Grundtricks, die das Skateboarding bis heute prägen: den Flatground Ollie, den Kickflip, den Heelflip, den 360 Flip, den Impossible – Moves, die heute selbstverständlich zum Streetskating gehören, aber ohne Mullen schlicht nicht existieren würden. Als das Street-Skating Mitte der 80er das Freestyle-Skating weitgehend verdrängte, wanderte Mullens Trickrepertoire fast nahtlos auf die Straße – er selbst vollzog diesen Übergang mit und gilt bis heute als einer der einflussreichsten Skater*innen aller Zeiten. Ohne Freestyle, ohne Mullen, kein modernes Street-Skating.</p>



<p>Die 1980er schufen mit dem Street-Skating ohnehin eine zweite Dimension: Treppen, Geländer und Bordsteine wurden zur Spielwiese. Marken wie Powell Peralta und Santa Cruz formten eine eigenständige Jugendkultur mit Musik, Mode und einer ganz eigenen Attitude. Diese Kultur war von Anfang an vielfältiger, als ihr Ruf manchmal vermuten lässt.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<p><strong>Olympia und die Frage der Seele</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen07_hawk_airwalk.png" alt class="wp-image-2589" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen07_hawk_airwalk.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen07_hawk_airwalk-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen07_hawk_airwalk-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-eba2b660985349bb04c4ffb8d985a3c1" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Tony Hawk – Der vielleicht bekannteste Skater der Welt</mark></p>



<p>Nach einem Tief in den frühen 1990ern erlebte die Szene mit Skate-Videos, dem X‑Games-Format und Ikonen wie Tony Hawk , dem nicht zuletzt mit der beliebten Videogames-Reihe »Tony Hawk’s Pro-Skater« der globale Durchbruch gelang und Skateboarding endgültig im Mainstream verankerte.  Die Aufnahme in das Olympia-Programm 2020 in Tokio markierte einen weiteren Wendepunkt. Für viele Skater*innen war es ein zwiespältiger Moment: einerseits globale Aufmerksamkeit und Ressourcen, andererseits die Angst, dass der rebellische, antiinstitutionelle Geist des Skateboarding in einer institutionellen Hülle verblasst.</p>



<p>Doch was die Olympischen Spiele zeigten, war überraschend: Die jungen Athletinnen und Athleten – viele von ihnen Teenager aus Japan, Brasilien, den USA – fuhren mit einer Freude und Unbekümmertheit, die alles andere als steril wirkte. Sie feierten sich gegenseitig, trösteten sich nach Stürzen und schienen sich mehr als Community zu verstehen denn als Konkurrenz. Es war, in gewisser Weise, das Herz des Skateboarding – sichtbar für die ganze Welt.</p>



<p>Von den improvisierten Brettern der kalifornischen Surfer über die leeren Pools der 70er, die Freestyle-Revolutionen Rodney Mullens und Tony Hawks Vert-Magie, die Straßen dieser Welt bis zu den Skateparks Ruandas und den Olympia-Podien Tokios: Skateboarding ist eine der bemerkenswertesten Kulturreisen der modernen Geschichte. Eine Bewegung, die immer wieder totgesagt wurde – und immer wieder neu erfunden hat, was es bedeutet, sich rollend durch die Welt zu bewegen.</p>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen09_momijii.png" alt class="wp-image-2620" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen09_momijii.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen09_momijii-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen09_momijii-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-1028f04ae600e43e2572b8940c2513c1" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Momiji Nishiya – Erste Goldmedaillen-Gewinnerin im Olympischen Streetskating in Tokio 2021.</mark></p>



<p>Der Wandel vollzog sich langsam aber unaufhaltsam. Die 1990er und 2000er brachten erste eigenständige Wettbewerbe für Frauen, und mit dem Internet entstanden Communitys, die Skaterinnen weltweit vernetzten. Heute präsentiert sich die weibliche Skate-Szene als eine der dynamischsten Kräfte im Sport überhaupt. Leticia Bufoni aus Brasilien hat mehrfach die Street-Weltrangliste angeführt und ist eine der bekanntesten Skaterinnen der Welt. Sky Brown, britisch-japanischer Herkunft, wurde bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio mit 13 Jahren zur jüngsten britischen Medaillengewinnerin aller Zeiten. Japanerinnen wie Momiji Nishiya und Funa Nakayama dominieren internationale Wettbewerbe – eine Entwicklung, die zeigt, wie sehr Skateboarding in Asien, besonders in Japan, kulturell verwurzelt ist.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Münster – das deutsche Santa Monica</mark></h2>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen03_dittmann.png" alt class="wp-image-2588" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen03_dittmann.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen03_dittmann-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen03_dittmann-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-3f8f3c4c65781ef4d11d2867a996e892" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Brigitta und Titus Dittmann brachten das Skateboarding nach Deutschland</mark></p>



<p>Nach Deutschland schwappte die Welle in den 70ern. Zwei Namen sind hier untrennbar mit der Bewegung verbunden: <strong>Brigitta</strong> und <strong>Titus Dittmann</strong>. Sie begannen in Münster, Skateboards aus den USA zu importieren, bauten Rampen und gründeten ein Imperium. Münster war eine ganze Zeit lang mit dem <a href="https://skateboardmsm.de/" data-type="link" data-id="https://skateboardmsm.de/">Monster Skateboard Magazine</a> und dem Skateboard World Cup, dem <em>Münster Monster Mastership</em>, das weltweit bekannte Zentrum des deutschen Skateboardings, das Santa Monica Deutschlands.<br>Die Dittmanns machten Skateboarding in Deutschland populär und gesellschaftsfähig, wobei Titus stets das mediale Spotlight bekam. Heute nutzt Titus Dittmann seine Stiftung <a href="https://www.skate-aid.org/" data-type="link" data-id="https://www.skate-aid.org/">skate-aid</a> , um weltweit Kinder in Krisengebieten zu fördern.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><strong><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Diversität im Skateboarding</mark></strong></h2>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen08_barbee-1.png" alt class="wp-image-2617" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen08_barbee-1.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen08_barbee-1-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen08_barbee-1-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-9f5208ff1390d0076f16cef6131f67db" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Ray Barbee – Mein großes Style-Vorbild</mark></p>



<p>Schon die frühe Szene kannte Skater*innen, die nicht ins Klischee des weißen Vorstadtjungen passten. Steve Caballero, Sohn eines mexikanisch-amerikanischen Vaters, wurde in den 1980ern als Powell-Peralta-Teamfahrer zur Legende – sein „Caballerial«, ein blinder 360-Grad-Ollie, ist bis heute nach ihm benannt. Er zeigte, dass Skateboarding keine ethnischen Grenzen kannte, auch wenn die Industrie und Medien das nicht immer widerspiegelten.</p>



<p>Noch deutlicher wurde dies mit Ray Barbee, der Ende der 1980er in die Powell-Peralta-Videoserie „Public Domain« einstieg und als schwarzer Skater in einer überwiegend weißen Szene sichtbare Pionierarbeit leistete. Barbee brachte einen unverwechselbaren, fließenden Stil mit, der von Jazz und Kreativität durchdrungen war – und er tat dies zu einer Zeit, als schwarze Skater*innen in Magazinen und Videos kaum vorkamen. Sein Einfluss war stilistisch und symbolisch zugleich: Er öffnete Türen und inspirierte eine Generation von Skater*innen, die sich in der Szene bis dahin kaum repräsentiert sahen.</p>



<p>Seitdem hat sich Skateboarding kulturell massiv geöffnet. Heute sind Skater*innen wie Rayssa Leal, Nyjah Huston oder Momiji Nishiya Weltstars – und ihre Herkunft aus Brasilien, den USA oder Japan ist selbstverständlicher Teil der globalen Skate-Identität.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p><strong>Frauen im Skateboarding: Von der Ausnahme zur Bewegung</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen05_peggy_oki.png" alt class="wp-image-2586" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen05_peggy_oki.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen05_peggy_oki-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen05_peggy_oki-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-f4a752f4c45190de966b344d7861309e" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Peggy Oki – Skateboard-Pionierin und Aktivistin für Wale und Delfine</mark></p>



<p>Die Geschichte der Frauen im Skateboarding ist eine Geschichte des Behauptens gegen Widerstände. Peggy Oki war 1975 das einzige weibliche Mitglied des legendären Zephyr-Skate-Teams – der Crew, die den modernen Surf- und Skatestil miterfand und durch den Film „Lords of Dogtown« unsterblich wurde. Oki war technisch brillant und mutig, doch die Industrie interessierte sich kaum für sie. Frauen, die skaten wollten, wurden oft als „Bettys« abgetan – ein Begriff, der sie auf die Rolle der Freundinnen am Rand des Skateparks reduzierte, nicht als ernstzunehmende Fahrerinnen.</p>



<p>Jahrzehntelang blieb die weibliche Präsenz im Skateboarding marginal. Wettbewerbe für Frauen gab es kaum, Sponsoren noch weniger, und in Skate-Videos kamen Frauen wenn überhaupt als Dekoration vor. Wer als Frau skatete, tat es oft trotz der Szene, nicht mit ihr.</p>



<p>Brasilianische Skaterinnen wie Rayssa Leal, die in Tokio mit 13 Jahren Silber gewann und den Spitznamen „Fadinha« – kleines Feenwesen – trägt, verkörpern eine neue Generation: jung, furchtlos, technisch auf Weltklasseniveau und mit einer riesigen Fangemeinde in den sozialen Medien. Die Olympia-Bühne hat den Frauen im Skateboarding eine Sichtbarkeit verschafft, die ihr jahrzehntelang verweigert wurde.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h1 class="wp-block-heading">Inklusion und Skateboarding</h1>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen14_nunes.png" alt class="wp-image-2649" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen14_nunes.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen14_nunes-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen14_nunes-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-ac52bfa96f264841df06fe7b8e2a39d2" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Felipe Nunes – Brasilianischer Pro-Skater, der seine Beine bei einem Unfall verloren hat</mark></p>



<p>Skateboarding hat von Anfang an eine Kultur des Scheiterns kultiviert. Wer skatet, stürzt – und steht wieder auf. Diese Grundlogik macht das Skateboarding zu einem Sport, der Menschen mit Behinderungen auf eine besondere Weise anspricht: Nicht trotz der körperlichen Herausforderung, sondern oft gerade wegen ihr entsteht ein tiefes Verhältnis zum Brett.</p>



<p>Die bekannteste Verkörperung dieser Haltung ist <strong>Felipe Nunes</strong> aus Curitiba, Brasilien. Mit sechs Jahren verlor er bei einem Unfall auf Bahngleisen beide Beine. Er verbrachte fünf Jahre im Rollstuhl, bis er ein Longboard als Fortbewegungsmittel entdeckte – und von dort war es nur ein kleiner Schritt zum Skateboard. Was folgte, ist eine Geschichte, die das Skateboarding neu definiert hat. Nunes entwickelte eine eigene Technik: Kickflips mit den Händen, Grinds an Geländern – ohne Beine, ohne Prothesen, aber mit einem Stil und einer Konsequenz, die ihn zu Wettkampfsiegen und Titeln im <a href="https://adaptiveskateboard.com/" data-type="link" data-id="https://adaptiveskateboard.com/">Adaptive Skateboarding</a> führte.</p>



<p>Dabei besteht Nunes selbst darauf, dass diese Kategorisierung ihn nicht vollständig beschreibt. Er betrachtet sich schlicht als Skateboarder – Punkt. Dieses Bestehen auf Normalität ist politisch: Es verweigert die Reduktion auf die Behinderung und behauptet die Zugehörigkeit zur Skate-Community ohne Vorbehalt. Als Tony Hawk ihn 2017 auf Instagram entdeckte und Kontakt aufnahm, begannen für Nunes die großen Schritte: Er vollendete den berüchtigten Full Loop als erster doppelter Beinamputierter – beim ersten Versuch – und sicherte sich damit einen Guinness-Weltrekord. Er ist heute Profi-Skateboarder bei Tony Hawks Firma <em>Birdhouse Skateboards</em> und erschien 2019 auf dem Cover des Thrasher Magazine – eine Auszeichnung, die im Skateboarding als Ritterschlag gilt.</p>



<p><strong>Adaptive Skateboarding</strong> hat sich in den letzten Jahren von einer Nische zu einer eigenständigen Bewegung entwickelt. Die Community umfasst heute Athleten mit Sehbehinderungen, Amputationen, Rückenmarksverletzungen, Zerebralparese und kognitiven oder körperlichen Beeinträchtigungen. Was das Skateboarding dabei von anderen Sportarten unterscheidet: Es gibt kein „richtiges« Fahren. Jeder Körper entwickelt seine eigene Technik, seinen eigenen Stil – und das macht die Sportart strukturell inklusiver als viele andere.</p>



<p><strong>Frauen mit Behinderungen im Skateboarding</strong> sind in dieser Entwicklung bislang seltener sichtbar – und das ist kein Zufall. Behinderte Skaterinnen berichten, dass sie zwar Unterstützung aus der Adaptive-Community erhalten, insgesamt aber weniger Anerkennung, Förderung und Chancen bekommen als behinderte männliche Skater. Die Doppelmarginalisierung – als Frau und als behinderte Person in einer Szene, die historisch von nicht-behinderten Männern dominiert wurde – macht Sichtbarkeit schwerer zu erringen. Namentlich prominente weibliche Adaptive Skateboarderinnen, die eine ähnliche öffentliche Präsenz wie Felipe Nunes erreicht haben, sind bis heute kaum vertreten – das ist eine Leerstelle, die die Szene selbst benennt und die zukünftige Förderung adressieren muss.</p>



<p><strong>Die Paralympics</strong> sind das nächste große Ziel der Adaptive-Skateboarding-Bewegung – und der Weg dorthin ist in Bewegung. USA Skateboarding, der nationale Dachverband, verfolgte aktiv die Initiative, <em>Adaptive Skateboarding</em> in die Paralympics 2028 in Los Angeles zu bringen. Das wäre nicht nur sporthistorisch bedeutsam – Los Angeles gilt als Geburtsort des modernen Skateboarding –, sondern würde der gesamten Bewegung eine institutionelle Sichtbarkeit verschaffen, die Fördergelder, Nachwuchsarbeit und mediale Aufmerksamkeit nach sich zieht. Für die Klassifizierungen im Wettkampf waren eine Rollstuhlklasse, mehrere Klassen für Beinprothesen, eine Klasse für Armamputierte und möglicherweise eine Sehbehindertenklasse geplant – jeweils in den Disziplinen Street und Park.</p>



<p>Es scheint bisher so, dass Adaptive Skateboarding 2028 nicht Teil des Paralympischen Programms wird. Dennoch hat die Bewegung eine Eigendynamik entwickelt, die über institutionelle Anerkennung hinausgeht. Skateboarder wie Felipe Nunes haben bewiesen, dass das Brett keine Voraussetzungen kennt – nur den Willen, es erneut zu versuchen.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><strong><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Skateboarding in Afrika: Eine wachsende Szene</mark></strong></h2>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen16_africa.png" alt class="wp-image-2661" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen16_africa.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen16_africa-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen16_africa-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-9f44edbf84c3e6bf3a3dbf361a82a581" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die afrikanische Skate-Szene ist keine Kopie westlicher Vorbilder, sondern eine eigenständige Stimme in einem globalen Diskurs.</mark></p>



<p>Während Europa, Nordamerika, Asien und Südamerika seit Jahrzehnten etablierte Skate-Kulturen besitzen, ist Afrikas Szene jünger – aber sie wächst, und sie wächst auf ihre eigene Weise.</p>



<p>In Ländern wie Südafrika, Marokko, Ägypten, Kenia und Ghana entstehen Skateparks und Communities, oft unter schwierigen Bedingungen. Skater*innen in Accra oder Nairobi bauen sich Spots aus dem, was vorhanden ist – Betonplatten, improvisierte Rampen, städtische Infrastruktur. Die Energie und Kreativität dieser Szenen erinnert an die frühen Tage des Street-Skatings in den USA: Es geht ums Fahren, um Gemeinschaft, ums Sichtbarmachen einer Jugend, die in der globalen Popkultur oft unsichtbar bleibt.</p>



<p>Bei der Entwicklung von Skateboarding in Afrika und anderen Regionen des Globalen Südens spielen auch Organisationen wie <a href="https://www.skate-aid.org/" data-type="link" data-id="https://www.skate-aid.org/">skate-aid</a> eine Rolle. Die deutsche NGO, gegründet von Titus Dittmann, baut Skateparks in sozial benachteiligten Regionen weltweit – in Afghanistan, Kambodscha, Ruanda, Tansania und anderen Ländern. Das Konzept geht dabei über Sport hinaus: Skateboarding wird als pädagogisches Werkzeug eingesetzt, um Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen und soziale Integration zu fördern. Kinder und Jugendliche, die oft wenig Perspektiven haben, finden im Skatepark einen Raum, der ihnen gehört – einen Ort des Ausdrucks und des Miteinanders.</p>



<p>In Ruanda etwa hat <em>skate-aid</em> in Kigali eine lebendige Community mitaufgebaut. Junge Skater*innen dort orientieren sich an internationalen Vorbildern, entwickeln aber gleichzeitig einen eigenen Stil und ein eigenes Selbstverständnis. Skateboarding wird so zum transkulturellen Bindeglied – ein globales Vokabular, das lokal gesprochen wird.</p>



<p>Auch ohne NGO-Unterstützung entstehen in Afrika organische Szenen. In Kairo fahren Jugendliche an den Ufern des Nils, in Casablanca und Johannesburg gibt es aktive Skateparks und lokale Wettkämpfe. Die afrikanische Skate-Szene ist keine Kopie westlicher Vorbilder, sondern eine eigenständige Stimme in einem globalen Diskurs.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die Politik des Skateboarding</mark></h2>



<p>Natürlich gibt es in der Kultur des Skateboarding, prominente Menschen, die sich öffentlich zu Wort melden oder Charity-Projekte betreiben oder unterstützen. <strong>Peggy Oki</strong>, engagiert sich für Wale und Delfine, <strong>Rodney Mullen</strong> ist ein beliebter Keynote-Speaker in der Wirtschaft, <strong>Tony Hawks</strong> <a href="https://skatepark.org/" data-type="link" data-id="https://skatepark.org/">The Skatepark Project</a> fördert in den USA den Bau und Erhalt öffentlicher Skateparks (bisher 700), <strong>Titus Dittmanns</strong> <a href="https://www.skate-aid.org/" data-type="link" data-id="https://www.skate-aid.org/">skate-aid</a> operiert weltweit, vor allem im globalen Süden. Doch das ist nicht das, was ich mit der <em>Politik des Skateboarding</em> meine. Ich denke dabei eher an das Skateboarding selbst.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Skateboarding als urbane Praxis und Kritik am Kapitalismus</mark></h2>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen11_iain_borden.png" alt class="wp-image-2633" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen11_iain_borden.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen11_iain_borden-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen11_iain_borden-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-99ac3fb63f0918b9ca566400d856691e" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Iain Borden – Professor für Architektur und urbane Kultur am Bartlett School of Architecture, UCL</mark></p>



<p><strong>Iain Borden</strong> ist einer der einflussreichsten akademischen Denker, die sich mit Skateboarding als kulturellem und politischem Phänomen befasst haben. Sein 2001 erschienenes Buch <em>Skateboarding, Space and the City: Architecture and the Body</em> ist bis heute ein Referenzwerk der Skateboarding-Theorie – und wurde 2019 in einer erweiterten Fassung unter dem Titel <em>Skateboarding and the City</em> neu aufgelegt. Bordens Ansatz ist tief in der kritischen Theorie verwurzelt, er verbindet Architekturtheorie, Phänomenologie und marxistische Raumtheorie zu einer Analyse, die Skateboarding als eine Form des gelebten Widerstands gegen kapitalistische Stadtplanung versteht.</p>



<p><strong>Henri Lefebvre und das Recht auf die Stadt</strong></p>



<p>Das theoretische Fundament von Bordens Arbeit bildet <strong>Henri Lefebvres</strong> Konzept des „Rechts auf die Stadt« sowie seine Unterscheidung zwischen dem geplanten, repräsentierten Raum der Architekten und Stadtplaner einerseits und dem gelebten Raum der Bewohner andererseits. Für Lefebvre ist der urbane Raum kein neutrales Terrain, sondern ein sozial produzierter Ort, der von kapitalistischen Interessen durchdrungen ist: Er wird geplant, verwaltet und kontrolliert, um Konsum, Effizienz und Eigentumsordnung zu dienen.</p>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen14_lefebvre.png" alt class="wp-image-2641" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen14_lefebvre.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen14_lefebvre-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen14_lefebvre-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-1b439430b0b4c1a18ea8116b6b4b23b9" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Henry Lefebvre (1901–1991) – Französischer Soziologe</mark></p>



<p>Borden sieht im Skateboarding genau jene Praxis, die Lefebvres „gelebten Raum« in Aktion zeigt. Skater*innen nehmen die Stadt und verwandeln sie: Eine Treppe ist keine Treppe, ein Geländer kein Geländer, ein Betonabsatz keine Architektur – sie werden zu Materialien einer eigenen körperlichen Praxis, die nichts mit der Zweckbestimmung des Architekten zu tun hat. Diese Umwertung ist für Borden kein Vandalismus, sondern eine Form der produktiven Aneignung: Skateboarding produziert einen neuen Raum aus dem vorhandenen, ohne ihn physisch zu verändern.</p>



<p><strong>Der Körper als politisches Instrument</strong></p>



<p>Bordens Analyse ist stark phänomenologisch geprägt. Im Zentrum stehen die Körper der Skater*innen – nicht als bloße Sportgeräte, sondern als erkenntnistheoretische und politische Instrumente. Durch das Skateboarding, argumentiert Borden, entwickelt der Körper ein spezifisches Wissen über den urbanen Raum, das rational-abstrakt nicht erfasst werden kann. Man fährt eine Kante nicht, weil man sie vermessen hat, sondern weil der Körper sie kennt – durch Wiederholung, Sturz, Anpassung und schließlich Beherrschung. Dieses körperliche Wissen steht quer zu dem verwalteten, kartierten, bewirtschafteten Stadtraum.</p>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen13_merleau_ponty.png" alt class="wp-image-2639" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen13_merleau_ponty.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen13_merleau_ponty-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen13_merleau_ponty-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-96ab175095791da5c45b9700663ab0de" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) – Französischer Philosoph und Phänomenologe</mark></p>



<p>Borden lehnt sich hier an <strong>Maurice Merleau-Pontys</strong> Phänomenologie der Wahrnehmung an: Der Körper ist nicht im Raum, er konstituiert ihn mit. Für die*den Skater*in gilt das in besonders radikaler Weise – sie*er „liest« die Stadt mit den Füßen, findet in ihr Texturen, Winkel und Rhythmen, die dem normalen Stadtbenutzer verborgen bleiben. Skateboarding ist insofern nicht nur eine Subkultur, sondern eine alternative Epistemologie des Städtischen.</p>



<p><strong>Widerstand gegen Kontrolle und Kommodifizierung</strong></p>



<p>Politisch deutet Borden Skateboarding als permanenten, wenn auch oft unreflektierten Widerstand gegen die Ordnung der neoliberalen Stadt. Öffentliche Plätze werden zunehmend privatisiert, überwacht und von unerwünschten Nutzungen gesäubert – Anti-Skate-Maßnahmen wie angeschraubte Metallbolzen an Kanten, geschwungene Bordsteine oder Verbotsschilder sind für Borden symptomatisch für eine Stadt, die den Körper des Bürgers kontrollieren und normieren will. Jedes Mal, wenn ein*e Skater*in einen solchen Spot trotzdem nutzt, eine alternative Route findet oder einen neuen Spot entdeckt, ist das eine Geste der Weigerung.</p>



<p>Borden ist sich bewusst, dass diese Geste ambivalent ist. Skateboarding ist längst auch eine Industrie: Boards, Schuhe, Clothing-Lines, Videospiele, Energie-Drinks – die subversive Praxis wird als Lifestyle vermarktet und in den Konsumzyklus reintegriert. Borden beschreibt dieses Spannungsverhältnis ohne falsche Auflösung. Die Kommodifizierung ist real, aber sie erschöpft die Praxis nicht. Solange Skater*innen Städte mit dem eigenen Körper neu beschreiben, bleibt ein Rest von Widerstand bestehen, der sich der Vereinnahmung entzieht – nicht weil Skater*innen revolutionäre Subjekte wären, sondern weil die körperliche Praxis selbst eine Logik hat, die sich nicht restlos in Markenidentität übersetzen lässt.</p>



<p><strong>Skateboarding und Architektur: Eine wechselseitige Geschichte</strong></p>



<p>Ein origineller Aspekt von Bordens Arbeit ist seine Aufmerksamkeit für die konkrete Architekturgeschichte des Skateboarding. Er zeichnet nach, wie bestimmte städtebauliche Entwicklungen – der brutalistische Beton der Nachkriegsmoderne, die großzügigen Freiflächen der Civic-Architecture der 1960er und 70er Jahre – ideale Bedingungen für Skateboarding schufen, oft ohne dass die Architekten das beabsichtigten. Der Undercroft des Queen Elizabeth Hall auf der Londoner South Bank, die Esplanade des Palais de Tokyo in Paris – von Skater*innen schlicht „Le Dôme« genannt –, die Civic Center Plazas amerikanischer Städte: Sie wurden zu Ikonen der Skate-Geschichte, weil ihre Geometrie und ihr Material mit den Bedürfnissen des Skateboarding korrespondierten.</p>



<p>Borden sieht darin kein Paradox, sondern ein Lehrstück über die Eigensinnigkeit von Räumen: Architektur wird nicht nur so genutzt, wie sie gedacht wurde. Skateboarding macht diese Eigensinnigkeit sichtbar und feiert sie – es ist, in Bordens Worten, eine Praxis, die die Differenz zwischen geplantem und gelebtem Raum produktiv macht.</p>



<p>In seiner 2019er Neuauflage erweitert Borden seine Analyse auf die digitale Gegenwart: YouTube, Instagram und Skate-Videos haben eine globale visuelle Kultur geschaffen, die die Aneignung urbaner Räume weltweit dokumentiert und teilt. Auch das ist für ihn Teil einer politischen Ökonomie des Blicks – wer welche Skate-Spots zeigt, wie die Stadt im Skatevideo erscheint, welche urbanen Räume sichtbar werden und welche nicht.</p>



<p>Bordens Werk ist ein Plädoyer dafür, Skateboarding ernst zu nehmen – nicht als Jugendsport oder Marketingphänomen, sondern als gelebte Theorie der Stadt, die uns etwas über Körper, Macht und Raum lehrt, das in keinem Stadtplanungslehrbuch steht.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Skateboarding, Politik und die Geschichte des öffentlichen Raums</mark></h2>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen12_ocean_howell.png" alt class="wp-image-2636" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen12_ocean_howell.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen12_ocean_howell-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen12_ocean_howell-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-cf85ea75d49ccdb7fe8cbe40d0610871" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Ocean Howell – Associate Professor für Geschichte an der University of Oregon und ehemaliger Profi-Skater</mark></p>



<p>Ocean Howell hat mit seiner Forschung einen Ansatz zur Kulturgeschichte des Skateboardings entwickelt, der sich in entscheidender Weise von Iain Bordens theoretisch-phänomenologischem Zugang unterscheidet. Während Borden von der kritischen Theorie ausgeht und Skateboarding primär als Widerstandspraxis deutet, betreibt Howell historische Archivarbeit: Er fragt nicht, was Skateboarding theoretisch bedeuten könnte, sondern was es historisch bedeutet hat – und kommt dabei zu Befunden, die das romantisierende Bild der rebellischen Skater*innen erheblich komplizieren.</p>



<p><strong>Die politische Geschichte des Skateparks</strong></p>



<p>Howells bekanntester Aufsatz, <em>The Poetics of Security: Skateboarding, Urban Design, and the New Public Space</em> (2001), ist eine historische Untersuchung der Skatepark-Bewegung in den USA der 1970er Jahre. Seine zentrale These ist provokant: Skateparks wurden nicht gebaut, um Skater*innen zu ermächtigen – sie wurden gebaut, um sie zu kontrollieren und zu separieren. Die erste Welle amerikanischer Skateparks entstand nicht aus einer progressiven Stadtpolitik, sondern aus dem Wunsch der Stadtplaner und Kommunalpolitiker, eine störende Jugendpraxis aus dem öffentlichen Raum zu verbannen und in designierte Zonen umzuleiten.</p>



<p>Howell belegt das mit konkretem Archivmaterial: Stadtratsprotokolle, Planungsdokumente, Korrespondenz zwischen Bürgermeistern, Polizei und Stadtplanern. Was dabei zum Vorschein kommt, ist eine Geschichte, in der Skateparks funktional äquivalent zu anderen Maßnahmen der Jugendsegregation sind – ähnlich wie Basketballplätze oder Jugendzentren wurden sie als Ventile konzipiert, die potenzielle Konflikte räumlich entschärfen sollten. Der Skatepark als Reservat, nicht als Freiheit.</p>



<p><strong>Neoliberale Stadtplanung und das Ende des öffentlichen Raums</strong></p>



<p>In späteren Arbeiten weitet Howell seine historische Analyse auf die Beziehung zwischen Skateboarding und dem Wandel des öffentlichen Raums im neoliberalen Zeitalter aus. Er zeichnet nach, wie ab den 1980er und besonders den 1990er Jahren öffentliche Plätze in amerikanischen Städten systematisch umgestaltet wurden: nicht mehr als demokratische Räume der Begegnung, sondern als verwaltete Konsumzonen im Dienst privater Immobilieninteressen. Business Improvement Districts, privatisierte Plazas, Überwachungskameras und Anti-Obdachlosen-Architektur sind Elemente dieser Transformation.</p>



<p>Skateboarding taucht in dieser Geschichte als Indikator auf – ein Frühwarnsystem für die Verdrängung des Unkontrollierbaren aus dem Stadtraum. Skater*innen waren oft die Ersten, die an neuen Orten auftauchten, wo interessante Architektur entstand, und sie waren oft die Ersten, die aktiv durch neue Sicherheitsmaßnahmen verdrängt wurden. Howells historische Pointe: Anti-Skate-Maßnahmen sind keine Reaktion auf Skateboarding allein, sie sind Teil einer umfassenden Restrukturierung des städtischen Raums, die viele andere Nutzergruppen – Obdachlose, Händler, Protestierende – gleichermaßen trifft.</p>



<p><strong>Skater*innen als unbeabsichtigte Verbündete der Gentrifizierung</strong></p>



<p>Einer der unbequemsten Aspekte von Howells Forschung ist die These, dass Skater*innen in der Geschichte der Gentrifizierung eine ambivalente, mitunter kontraproduktive Rolle gespielt haben. Skater*innen suchen Spots in vernachlässigten Stadtteilen, in brachliegenden Arealen, an Orten, die noch nicht durch Sicherheitsinfrastruktur durchdrungen sind. Ihre Präsenz macht diese Orte sichtbar, produziert Bilder und Videos, erzeugt kulturelles Kapital – und kann damit, unbeabsichtigt, zur Attraktivität von Vierteln für Investor*innen beitragen.</p>



<p>Howell ist hier kein kulturpessimistischer Moralist. Er will keine Schuld zuweisen, sondern historische Mechanismen sichtbar machen. Die Ironie ist strukturell: Eine Praxis, die oft als Widerstand gegen Kommodifizierung verstanden wird, kann in bestimmten städtischen Kontexten als Avantgarde der Aufwertung funktionieren. Das bedeutet nicht, dass Skater*innen für Gentrifizierung verantwortlich sind, aber es bedeutet, dass die Erzählung vom politisch unschuldigen Rebell der historischen Realität nicht standhält.</p>



<p><strong>Rasse, Klasse und die blinden Flecken der Skate-Geschichte</strong></p>



<p>Howell hat sich auch mit der Frage beschäftigt, wie Rasse und Klasse die Geschichte des Skateboarding strukturiert haben – und wie die gängige Erzählung dieser Geschichte diese Dimensionen systematisch ausblendet. Die ikonischen Spots des Skateboarding, die in Magazinen und Videos gefeiert wurden, lagen oft in städtischen Räumen, die von anderen marginalisierten Gruppen bevölkert waren. Die Freiheit, die weiße, männliche Skater*innen in diesen Räumen erlebten, war nicht unabhängig von ihrer sozialen Position – sie konnten sich in solchen Räumen bewegen und Risiken eingehen, die für andere Gruppen ganz andere Konsequenzen gehabt hätten.</p>



<p>Diese Perspektive ergänzt und korrigiert die kulturellen Fortschrittsnarrative um schwarze oder lateinamerikanische Skate-Ikonen: Deren Sichtbarkeit in der Szene war und ist real, aber sie fand und findet in strukturellen Bedingungen statt, die historisch gewachsen sind und die individuelle Repräsentation allein nicht auflöst.</p>



<p><strong>Geschichte gegen Theorie</strong></p>



<p>Der tiefste Unterschied zwischen Howell und Borden liegt in der erkenntnistheoretischen Haltung. Borden entwickelt eine normative Theorie: Skateboarding <em>ist</em> Widerstand, <em>ist</em> alternative Raumproduktion, <em>ist</em> Kritik am Kapitalismus – in der körperlichen Praxis selbst sind diese Bedeutungen angelegt. Howell fragt demgegenüber: Was <em>war</em> Skateboarding historisch? Was haben konkrete Akteure – Stadtplaner*innen,  Politiker*innen, Investor*innen, Skater*innen selbst – damit gemacht, gewollt, bewirkt?</p>



<p>Die Antworten, die er findet, sind widersprüchlicher und ernüchternder – aber vielleicht gerade deshalb politisch wertvoller. Eine Bewegung, die ihre eigene Geschichte kennt, kann bewusster handeln. Howells Skateboarding-Geschichte ist kein Angriff auf die Skate-Kultur, sondern ein Angebot: Versteht euch nicht als spontane Rebellen, sondern als historische Subjekte, die in Strukturen agieren – und die diese Strukturen verändern könnten, wenn sie sie erkennen.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Skateboarding als demokratische Kultur</mark></h2>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen17_nunes2.png" alt class="wp-image-2668" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen17_nunes2.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen17_nunes2-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_006_mullen17_nunes2-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-6dfbfa92dd1f0690f3b5a4e796a95914" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Skateboarding ist eine Philiatopie, ein freundschaftliches Bündnis mit gegenseitigen Förder- und Schutzversprechen.</mark></p>



<p>Skateboarding ist als Bewegung – im mehrfachen Sinne des Wortes – im öffentlichen urbanen Raum politisch interessant, ob sie nun als rebellische, politische Kultur gelesen wird oder als tatsächlich auch ambivalente urbane Praxis. Wie jede Kultur hatte sie zudem Anteil an den Auseinandersetzungen der Moderne – Feminismus, Kampf gegen Rassismus oder Ableismus, Auseinandersetzung mit der Vereinnahmung durch den Kapitalismus.<br>Mir ist jedoch ein anderer Punkt wichtig.<br>Skateboarding lebt einerseits davon, dass sich die Skater*innen einem gespielten <strong>Wettbewerb (Agon)</strong> stellen, um sich gegenseitig zu pushen. Dafür benötigt es keine »echten«, professionellen Wettbewerbe. Diese sind nur wichtig für die Vermarktung des Skateboardings. Historisch gehören sie von Anfang zur Geschichte des Skateboardings, weil Contests ein wesentliches Element in der US-amerikanischen Sportkultur sind. Im Skateboarding wird aber der Agon aber eingebettet in eine wertschätzende Community (die sich hier auch weiterentwickelt hat), in der es darum geht, sich <strong>kooperativ</strong> gegenseitig zu verbessern und anzutreiben. Gerade die Entwicklung des Frauen-Skateboardings haben auch die Kultur der Wertschätzung in der Szene insgesamt verbessert. Früher wurden viele Skateboarder als <em>Poser</em> oder<em> Lamer</em> , ausgegrenzt, weil der Leistungsgedanke und das männliche Dominanzgebahren eine größere Rolle gespielt hat, heute ist die Community deutlich offener und kooperativer.</p>



<p>Obwohl beim Skateboarding alle ihr eigenes Ding machen und jenseits von Wettbewerben Skaten mehr als eine urbane Kunstform begreifen, die mit dem Tanz verwandt ist, gehört das Gemeinsame immer dazu. Alle sind Zuschauer*innen und Darstellende zugleich, alle helfen sich gegenseitig besser zu werden, man schließt sich zusammen, um Spots zu erschließen, Rampen zu bauen und sorgt dafür, dass alle zusammen ein gutes urbanes Leben haben – auf der Straße oder im Park, also in selbst gemachten Heterotopien (nach Michel Foucault).<br><br>Skateboarding ist eine demokratische Kunstform, wie ich sie mir vorstelle, eine die nicht nur zeigt, nicht nur präsentiert, nicht nur ein Statement macht, sondern die auch einschließt und ermächtigt. Sie lädt dazu ein, selbst an der Kunst teilzunehmen, nicht etwa nur flüchtig, sondern als Teil einer beständigen kreativen Community. Das nenne ich Philiatopie, eine Heterotopie, die auf einem freundschaftlichen Bündnis und gegenseitigen Förder- und Schutzversprechen basiert.</p>



<p>Hier liegt für mich das demokratische Modell. Ich misstraue politischen Kollektiv-Fantasien, die aus den extrem individualisierten Menschen unserer Gegenwart eine ideologisch gerahmte Gemeinschaft herstellen wollen. Das ginge nicht ohne Gewalt, Unterdrückung und das Aufgeben vieler individueller Besonderheiten, die es wert sind, erhalten zu bleiben.</p>



<p>In einer Demokratie hingegen können heterogene, diverse Menschen zusammenfinden, um sich gegenseitig zu stützen und zu fördern und gemeinsam etwas aufzubauen, das ihnen auch einen festen Platz in einer Community sichert. Hier möchte ich noch einmal auf das Anfangszitat von Rodney Mullen zurückkommen. </p>



<p class="is-style-text-annotation is-style-text-annotation--2">»Es besteht eine Art schöne Symmetrie darin, dass der Grad, in dem wir uns mit einer Gemeinschaft verbinden, im Verhältnis zu unserer Individualität steht, die wir durch unser Handeln zum Ausdruck bringen.« </p>



<p>Nur eine demokratische Kultur schafft es, individuelle Besonderheiten zu fördern und dennoch immer wieder sozial zu reintegrieren. Skateboarding ist dafür ein zwar ungewöhnliches, aber nichtsdestotrotz spannendes Modell.</p>



<p></p>
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		<title>Aristoteles: Prototypen der Macht [#005]</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Croonenbrook]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 28 Mar 2026 03:54:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Notizbuch]]></category>
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					<description><![CDATA[Für die Scholastik war Aristoteles der Superstar der Philosophie. Thomas von Aquin nannte ihn DEN PHILOSOPHEN. Er entwickelte das philosophische Begriffspaar dynamis und energeia, um Veränderung und Werden zu erklären. Es prägt über den Umweg der Scholastik bis heute die westliche Machttheorie und -sprache – manchmal explizit, manchmal implizit.
Dynamis bedeutet das Vermögen, das Potenzial, das einer Sache innewohnt, bevor es sich entfaltet. Energeia ist die Verwirklichung dieses Vermögens, das Tätigsein selbst. Aristoteles dachte diese Begriffe nicht als bloße Gegensätze, sondern als gerichtetes Verhältnis: Das Potenzial drängt zur Verwirklichung. Der Witz dabei: Die Wirklichkeit ist dem Begriff nach früher, weil wir ein Vermögen nur verstehen, wenn wir wissen, wozu es dient.
Die Etymologie der Machtbegriffe aller westlichen Sprachen führt auf dieselbe Wurzel zurück – Macht ist ursprünglich Können. Das griechische dynasthai, das lateinische potentia, das germanische magan – überall dasselbe: Macht ist kein Ding, sondern ein Vermögen.
Aristoteles hat in seinem Konzept zwei Fallen umgangen, in die spätere Denker*innen regelmäßig tappen: die Substanzialisierung von Macht als besitzbares Ding – und den reinen Aktualismus, der Macht nur dort sieht, wo sie sichtbar ausgeübt wird. Latente, ruhende Macht ist nicht weniger real.
Neuzeitliche und moderne Machttheoretiker*innen operieren alle auf die eine oder andere Weise mit mit dem aristotelische Begriffswerkzeug, z. B. Hobbes, Arendt und Foucault.
Mit Aristoteles können wir fragen, welche Potenziale in Institutionen und Menschen schlummern und warum sie sich nicht verwirklichen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h1 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Aristoteles: Prototypen der Macht</mark></h1>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_005_aristoteles_01.png" alt class="wp-image-2480" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_005_aristoteles_01.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_005_aristoteles_01-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_005_aristoteles_01-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-c36079cdeb478cb0b7497b3faa19d24f" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">»Mit <em>energeia</em> und <em>dynamis</em> nahm Aristoteles spätere Machtbegriffe vorweg. Er war der Diskursjockey, der mit »<em>Akt</em> und <em>Potenz</em>« einen nachhaltigen Hit landete.</mark></p>



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<div class="wp-block-group is-content-justification-center is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-23441af8 wp-block-group-is-layout-flex">
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<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">12–17&nbsp;Minuten</div>


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<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">2.719&nbsp;Wörter</div></div>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Energeia und Dynamis</mark></h2>



<p>Es gibt Begriffe, die so tief in das Denken einer Epoche eingegraben sind, dass spätere Generationen nicht mehr wissen, woher ihre eigenen Grundkategorien stammen. Macht ist so ein Begriff. Wenn heute Politolog*innen von struktureller Macht sprechen, wenn Soziolog*innen zwischen Potenzial und Ausübung unterscheiden, wenn Philosophen fragen, was es heißt, etwas zu können, ohne es zu tun – dann bewegen sie sich, oft ohne es zu ahnen, in einem Gedankenraum, den Aristoteles vor mehr als zweitausend Jahren abgesteckt hat. Zwar formulierte er selbst nie eine Theorie der Macht. aber er führte zwei Begriffe in die Philosophie ein, die auch in der Machttheorie ihre Spuren hinterließen: <em>dynamis</em> und <em>energeia</em>.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Zwei Worte, die die Welt erklären sollten</mark></h2>



<p>Aristoteles lebte in einer Zeit, in der eine Frage die gesamte griechische Philosophie in Atem hielt: Wie ist Veränderung möglich? Sein Lehrer Platon hatte auf die unveränderlichen Ideen gesetzt – das Ewige, das Stabile, das Wahre. Die sichtbare Welt der Veränderungen war für Platon ein Abglanz, fast eine Täuschung. Aristoteles drehte diesen Gedanken um. Er wollte nicht hinter die Welt blicken, sondern sie selbst verstehen – in ihrer Bewegung, ihrem Werden, ihrem Wandel. Und für dieses Unternehmen brauchte er neue Begriffe.</p>



<p>Den ersten fand er nicht weit: <strong>dynamis</strong> kannte die griechische Sprache längst. Das Wort stammt vom Verb <em>dynasthai</em>, das so viel bedeutet wie »können«, »vermögen«, »imstande sein«. Im Alltag bezeichnete dynamis die Fähigkeit eines Menschen, körperliche Stärke, aber auch das Vermögen eines Arzneimittels zu heilen oder eines Fürsten zu regieren. Aristoteles übernahm dieses Alltagswort und füllte es mit philosophischer Präzision. In seiner »Metaphysik« macht er daraus einen Grundbegriff seiner Seinsphilosophie: <strong>dynamis</strong> ist die Möglichkeit, das noch nicht realisierte Potenzial, das Vermögen, das einer Sache innewohnt, noch bevor es sich entfaltet hat. Ein Samenkorn besitzt <strong>dynamis</strong> – das Vermögen, zum Baum zu werden. Ein Musiker, der schläft, besitzt <strong>dynamis</strong> – die Fähigkeit, Klavier zu spielen, auch wenn er es gerade nicht tut.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Etymologie</mark></h2>



<p>Das altgriechische <em>δύναμις</em> (dynamis) wird abgeleitet von <em>δύνασθαι</em> (dynasthai) — »können«, »vermögen«. Es ist verwandt mit <em>δυνάστης</em> (dynastes, »Herrscher«). Unseren Wörter  »Dynamo«, »Dynastie« gehen und natürlich »dynamisch/Dynamik« darauf zurück. Die Wurzel lebt im Lateinischen als <em>potentia</em> weiter, woraus unsere Wörter »Potenzial«, »Potenz« entstanden sind. In der lateinischen Übertragung beginnt die Begriffsgeschichte der <em>Macht</em>. Das lateinische Wort <em>potentia</em>, mit dem die Römer dynamis übersetzten, wurde zur Wurzel fast aller westlichen Machtbegriffe. Französisch <em>pouvoir</em>, englisch <em>power</em>, spanisch <em>poder</em> – alles Kinder des lateinischen <em>potere</em>, »können«, das selbst eine Übersetzung von <em>dynasthai</em> ist. Das deutsche »Macht« geht zwar auf eine germanische Wurzel zurück (<em>magan</em>, »können«, »vermögen«), trifft aber dieselbe Grundbedeutung: Macht ist ein Können. Ein Vermögen. Eine <strong>dynamis</strong>.</p>



<p>Den zweiten Begriff – <strong>energeia</strong> – prägte Aristoteles stärker selbst. <strong>Energeia</strong> ist in der Alltagssprache weniger verankert als <strong>dynamis</strong>; es ist ein philosophisches Kunstwort, das Aristoteles offenbar selbst geformt oder zumindest entscheidend geprägt hat. Es setzt sich zusammen aus <em>en</em> (»in«) und <em>ergon</em> (»Werk«, »Tat«, »Tätigkeit«). Energeia bedeutet also wörtlich so etwas wie »Im-Werk-Sein«, das Tätigsein, die Verwirklichung. Wenn der Musiker spielt, ist er in seiner energeia; wenn der Baum wächst, verwirklicht sich sein Wesen. Das deutsche Wort »Energie« und das englische Wort »energy« sind direkte Erben – aber in einer stark verblassten, physikalisch verengten Form. Bei Aristoteles ist <strong>energeia</strong> nicht bloß Kraft oder Energie im modernen Sinne, sondern die vollständige Verwirklichung eines Wesens in seiner eigentümlichen Tätigkeit.</p>



<p>Das altgriechische <em>ἐνέργεια</em> (energeia), gebildet aus <em>ἐν</em> (en, »in«) und <em>ἔργον</em> (ergon, »Werk«, »Handlung«) wir im Lateinischen als <em>actualitas</em> oder <em>actus</em> wiedergegeben — woraus unserer Wörter »Aktualität«, »Aktion«, »Akt« entstammen.</p>



<p>Wenn wir die Etymologie der Machtbegriffe durch die Sprachen verfolgen, stoßen wir immer wieder auf dieselbe Wurzel: Macht ist ursprünglich Können. Im Deutschen führt die Linie von <em>magan</em> (althochdeutsch, »können«, »vermögen«) über mittelhochdeutsch <em>maht</em> zum heutigen »Macht«. Im Lateinischen mündet <em>potere</em> in <em>potentia</em>, und von dort in alle romanischen Sprachen. Im Griechischen ist es <em>dynasthai</em>, das zur dynamis wird. Überall dasselbe: Macht ist kein Ding, das jemand besitzt wie ein Werkzeug. Macht ist zunächst ein Vermögen – eine Möglichkeit des Handelns, die noch nicht verwirklicht ist.</p>



<p>Diese etymologische Übereinstimmung ist kein Zufall. Sie zeigt, dass die aristotelische Unterscheidung nicht eine willkürliche philosophische Konstruktion war, sondern an etwas heranreichte, das von Menschen oft in dieser doppelten Form wahrgenommen und erfahren wird: als Vermögen, das wir jemandem zuschreiben, bevor er handelt – und als Wirklichkeit, die sich in der konkreten Handlung zeigt und bestätigt.</p>



<p>Aristoteles hat diese doppelte Form mit begrifflicher Schärfe herausgearbeitet und ihr eine philosophische Tiefe gegeben, die über die alltägliche Beobachtung weit hinausging. Sein entscheidender Schritt war die Einsicht, dass das Verhältnis zwischen Potenzial und Wirklichkeit nicht symmetrisch ist. Das Potenzial ist nicht einfach »weniger« als die Wirklichkeit – es ist eine andere, eigene Seinsweise. Ein Mensch, der schlafen kann, ist nicht weniger wirklich als einer, der gerade schläft. Und ein Herrscher, dessen Macht gerade nicht ausgeübt wird, ist nicht machtlos – er ist Inhaber einer<strong> dynamis</strong>, einer strukturell anderen, aber vollgültigen Form von Wirklichkeit. Wir werden an anderer Stelle, das diese wirkmächtige aristotelische Dichotomie auch ihre Grenzen hat und uns den Blick verstellt auf ein neues Verständnis von Macht im Anschluss, das wir im Anschluss an Michel Foucault entwickeln können: Macht als neutrale soziale Kraft, die wir niemandem individuell zuschreiben.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Das Verhältnis der beiden Begriffe – mehr als ein Gegensatz</mark></h2>



<p><strong>Dynamis</strong> und <strong>energeia</strong> bilden bei Aristoteles kein einfaches Gegensatzpaar wie »schwarz und weiß« oder »kalt und warm«. Sie stehen in einem lebendigen, gerichteten Verhältnis zueinander: Die <strong>dynamis </strong>drängt zur <strong>energeia</strong>; das Potenzial sucht seine Verwirklichung. Die Natur, so Aristoteles, arbeitet nicht ziellos – sie entfaltet, was in den Dingen angelegt ist. Dieser Gedanke einer inneren Zielgerichtetheit, für die er den Begriff <em>telos</em> (Ziel, Zweck, Vollendung) prägte, durchzieht seine gesamte Naturphilosophie.</p>



<p class="is-style-text-annotation is-style-text-annotation--3">»Die Wirklichkeit ist früher als die Möglichkeit – nicht der Zeit nach, wohl aber dem Begriff und dem Wesen nach.« Aristoteles, Metaphysik IX, 8</p>



<p>Das ist ein radikaler Gedanke, den man leicht überliest. Aristoteles behauptet, dass die Verwirklichung in gewisser Weise »ursprünglicher« ist als das bloße Vermögen. Warum? Weil wir ein Vermögen immer nur verstehen, wenn wir wissen, wozu es dient. Was heißt es, Pianist zu sein? Wir begreifen es nur, wenn wir wissen, was Klavierspielen ist – also die realisierte Tätigkeit. Das Potenzial ist definiert durch die Wirklichkeit, die es anstrebt, nicht umgekehrt.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Warum das alles mit Macht zu tun hat</h2>



<p>Aristoteles selbst hat das Wortpaar dynamis / energeia nicht zu einer Theorie der politischen Macht ausgebaut. In seiner »Politik« – dem einzigen Werk, das tatsächlich von Herrschaft, Bürgerschaft und staatlicher Ordnung handelt – tauchen diese Begriffe kaum in machttheoretischem Zusammenhang auf. Und dennoch: Die Struktur, die er beschreibt, ist genau die Struktur, die spätere Denker als »Macht« identifizieren werden.</p>



<p>Was ist Macht, wenn man sie mit aristotelischen Augen betrachtet? Sie ist zunächst ein Vermögen – eine <strong>dynamis</strong>. Jemand hat Macht, bevor er sie ausübt. Ein König schläft und ist dennoch König; seine Macht ruht, ist aber nicht verschwunden. Das ist kein Paradox, sondern genau das, was Aristoteles mit der schlafenden Fähigkeit des Musikers beschreibt. Die Macht besteht als Potenzial, als strukturelles Vermögen, das der Ausübung vorausgeht. Zugleich drängt dieses Vermögen zur Verwirklichung – zur <strong>energeia</strong>. Wer Macht hat, ohne sie je zu nutzen, stellt die ganze Bedeutung seines Vermögens in Frage. Macht will sich zeigen, bestätigen, reproduzieren.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die Scholastik als Scharnierstelle: Potentia und Actus</mark></h2>



<p>Es waren die mittelalterlichen Denker*innen – allen voran Thomas von Aquin –, die das aristotelische Begriffspaar in das Zentrum der Philosophie rückten und damit zugleich die Brücke zur Machttheorie bauten. Thomas übersetzte <strong>dynamis</strong> konsequent als <em>potentia</em> und <strong>energeia</strong> als <em>actus</em>. Diese Unterscheidung – zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, zwischen Anlage und Vollzug – wurde zur Grundlage der gesamten scholastischen Philosophie, also der philosophisch-theologischen Denkschule des christlichen Mittelalters.</p>



<p>Was dabei geschah, ist für unsere Frage entscheidend: <em>Potentia</em> bezeichnete nicht mehr nur das natürliche Vermögen des Wachsens und Werdens, sondern auch das Vermögen Gottes, der Herrscher und der Institutionen. Die <em>potentia Dei absoluta</em> – die absolute Macht Gottes – wurde zum philosophischen Grundbegriff einer Theologie der Herrschaft. Und <em>actus</em>, die Verwirklichung, wurde zur Norm: Vollkommen ist, was vollständig verwirklicht ist. Gott ist <em>actus purus</em>, reine Wirklichkeit, ohne jede Unverwirklichtheit – das Gegenteil von <strong>dynamis</strong>. Dieser Gedanke ist aristotelisch in seiner Struktur, aber seine politischen und theologischen Implikationen gehen weit über das hinaus, was Aristoteles selbst formuliert hatte.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Der griechische Unterton im neuzeitlichen Machtdenken</mark></h2>



<p>Die großen Machttheoretiker der Neuzeit haben selten explizit auf Aristoteles verwiesen, wenn sie ihre Grundbegriffe entwickelten – und doch lassen sich ihre Kernunterscheidungen als Variationen des aristotelischen Themas lesen.</p>



<p>Thomas Hobbes, der im 17. Jahrhundert die Grundlagen des modernen Staatsdenkens legte, definiert Macht im »Leviathan« schlicht als »die gegenwärtigen Mittel, einen künftigen scheinbaren Nutzen zu erlangen«. Das ist eine <strong>dynamis</strong>-Definition: Macht als Vermögen, als Ressource, als Potenzial. Die Ausübung dieser Macht, ihre<strong> energeia</strong>, ist demgegenüber das, was der Staat durch sein Gewaltmonopol kanalisiert und bändigt. Bei Hobbes ist die Spannung zwischen Potenzial und Wirklichkeit zum Fundament einer ganzen politischen Ordnung geworden.</p>



<p>Hannah Arendt, die im 20. Jahrhundert den Machtbegriff gründlichst analysierte, kommt von einer ganz anderen Seite – und landet dennoch in derselben Struktur. Für Arendt ist Macht nicht das Vermögen eines Einzelnen, sondern entsteht nur im gemeinsamen Handeln: »Macht entspringt dem menschlichen Vermögen, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.« Diese Macht ist wesentlich <strong>energeia</strong>: Sie existiert nur in ihrer Verwirklichung, im tatsächlichen gemeinsamen Tun. Sie kann nicht gehortet, gelagert oder wie ein Rohstoff vorrätig gehalten werden. Eine Gruppe, die aufhört zu handeln, verliert ihre Macht – sie hatte bloß noch ein Potenzial, das sich auflöst, sobald es sich nicht mehr verwirklicht.<br></p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Michel Foucaults Revolution der Machttheorie mit und gegen Aristoteles</mark></h2>



<p>Michel Foucault schließlich, der das gesamte gesellschaftliche Leben als Netz von Machtbeziehungen beschrieb, arbeitet implizit mit einer Unterscheidung, die der aristotelischen strukturell verwandt ist: zwischen der Macht, die als Potenzial in Institutionen, Normen und Wissensstrukturen eingelassen ist, und der Macht, die sich in konkreten Handlungen, Gesten, Blicken, Beziehungen verwirklicht. Foucault hat die aristotelischen Begriffe nie benutzt – er war ein expliziter Kritiker des scholastischen Denkens –, aber die Tiefenstruktur seiner Analyse entspricht der aristotelischen Spannung zwischen <strong>dynamis</strong> und <strong>energeia</strong>. Michel Foucault setzt sich von der Geschichte der neuzeitlichen Theorie der Macht geradezu revolutionär ab, indem er versucht, die Macht physikalisch zu denken, als neutrale, soziale Kraft, die unsere soziale Wirklichkeit hervorbringt. Damit landet er wiederum erstaunlich nah an der relativen Physik, die Aristoteles begründet hat. Zudem wertet Foucault in seinem Spätwerk zudem auch mit der Ästhetik der Existenz wieder das Subjekt auf und entwickelt auch eine schwache Form des <em>telos</em>. Gerade diese <em>telos</em>-Frage ist ganz interessant und soll daher hier kurz eingeschoben werden (und weil mich niemand daran hindern kann <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f609.png" alt="😉" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> ).</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Das <em>telos</em> bei Michel Foucault</mark></h2>



<p>Foucault fügt in seinem Spätwerk ein schwaches <em>telos</em> in sein Theoriegebäude ein.</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>Foucaults Techniken des Selbst im Spätwerk – <em>askēsis</em>, Tagebuchschreiben, Gewissensüberprüfung, Freundschaft als philosophische Praxis – sind nicht beliebig. Sie sind auf eine Transformation des Selbst gerichtet. Sie haben eine Richtung, wenn auch kein feststehendes Ziel. </li>



<li>In späten Interviews spricht er explizit davon, dass Freiheit nicht Beliebigkeit ist, sondern eine Praxis, die sich an einer – wenn auch immer wieder zu befragenden – Haltung orientiert. Das hat eine evaluative Dimension. </li>



<li>Foucaults Ästhetik der Existenz ist nicht wertfrei. Die Idee, das eigene Leben als Kunstwerk zu gestalten, setzt voraus, dass manche Gestaltungen gelungener sind als andere – auch wenn Foucault keine Kriterien expliziert.</li>
</ol>



<p>Aber diese Annäherung ans <em>telos</em> hat auch Grenzen, die einen Unterschied zu Aristoteles markieren.</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>Bei Aristoteles ist das <em>telos</em> in der <em>physis</em> des Menschen verankert: Der Mensch ist von Natur aus auf die Polis und auf das gute Leben hin angelegt. Foucaults Selbstsorge kennt keine solche naturale Fundierung. Es gibt kein <em>ergon</em> des Menschen, das aufgedeckt werden müsste. Das Ziel ist nicht vorgegeben, sondern selbst Gegenstand der Praxis.</li>



<li>Aristoteles‹ Teleologie ist universalistisch: Was das gute Leben ist, gilt – zumindest für freie Männer – allgemein. Foucaults Ästhetik der Existenz ist <strong>radikal partikularistisch und kontingent</strong>. Es gibt keine allgemein verbindliche Form des gelungenen Lebens, nur die je eigene Arbeit an sich selbst.</li>



<li>Foucaults Selbstsorge führt nicht auf einen Endpunkt hin, der den Prozess abschließt. Die aristotelische <strong>energeia</strong> kann zur vollständigen Verwirklichung kommen – etwa in der <em>theōria</em>, der theoretischen Kontemplation als höchster Form des Lebens. Bei Foucault gibt es kein solches Ankommen. Die Selbstsorge ist eine permanente, nie abgeschlossene Praxis.</li>



<li>Aristoteles‹ <em>telos</em> ist politisch eingebettet: Der Mensch verwirklicht sich in der Gemeinschaft der Polis. Foucaults Selbstsorge scheint demgegenüber merkwürdig unpolitisch – oder genauer: das Verhältnis zur Gemeinschaft bleibt unterbestimmt, was ihm viele Kritiker, etwa von Habermas, als politischen Quietismus ausgelegt haben. Mit Platon (und nicht mit Aristoteles) versucht Foucault aus der Regierung des Selbst die Regierung der anderen abzuleiten: Nur wer sich um sich selbst sorgt, kann auch erfolgreich für andere sorgen.</li>
</ol>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Zwei Fallen, die Aristoteles vermeidet – und wir oft nicht</mark></h2>



<p>Foucault ist also nicht Aristoteles 2.0. Nichtsdestotrotz muss man Props an Aristoteles geben, dessen Denken bis zu Foucault wirksam bleibt. Dabei umgeht <strong>DER PHILOSOPH</strong>, wie ihn Thomas von Aquin nannte,  in seiner Konzeption zwei Fallen, in die spätere Machtdenker*innen, die sich begrifflich bei ihm bedient haben, immer wieder getappt sind.</p>



<p>Die erste Falle ist die Substanzialisierung der Macht – also die Vorstellung, Macht sei ein Ding, eine Substanz, die man besitzen, anhäufen und verlieren kann wie Geld oder Nahrung. Diese Vorstellung liegt vielen populären Machtanalysen zugrunde: Wer hat wie viel Macht? Wie wird sie verteilt? Wer gewinnt, wer verliert? Aristoteles denkt nicht substanziell, sondern relational. Bei ihm geht es um ein Vermögen, das immer auf auf eine mögliche Wirklichkeit ausgerichtet ist.</p>



<p>Die zweite Falle ist der reine Aktualismus – die Idee, dass nur zählt, was sich gerade verwirklicht. Diese Vorstellung führt dazu, Macht nur dort zu sehen, wo sie sichtbar ist: in der Entscheidung, im Befehl, im Zwang. Aristoteles kennt diese Form der Verwirklichung – aber er weiß, dass sie ohne das zugrunde liegende Potenzial nicht möglich wäre. Übersetzt in die postaristotelische Sprache der Macht: Die verborgene, ruhende, latente Macht ist nicht weniger real als die ausgeübte. Sie ist ihre Bedingung.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Aristoteles neu lesen – eine philosophische Einladung</mark></h2>



<p>Was bedeutet es, Aristoteles‹ Begriffe heute ernst zu nehmen, wenn wir über Macht nachdenken? Es bedeutet zunächst, die Frage zu stellen, die er an alle Dinge stellte: Was ist das Vermögen dieser Sache, und was ist ihre Verwirklichung? Bezogen auf Macht: Welche Potenziale sind in einer sozialen Ordnung angelegt – in ihren Institutionen, Normen, Strukturen –, und wie, wann und für wen verwirklichen sie sich? Diese Frage ist nicht nur akademisch. Sie ist politisch.</p>



<p>Wenn wir eine Gesellschaft als Bündel von<strong> dynameis</strong> – von Vermögen – betrachten, dann fragen wir nicht nur, wer gerade Macht ausübt, sondern auch: Welche Möglichkeiten sind vorhanden und werden nicht verwirklicht? Welche Potenziale schlummern in Menschen, Gemeinschaften, Institutionen, die durch strukturelle Hindernisse an ihrer Entfaltung gehindert werden? Das ist eine Frage nach der verborgenen Macht der Möglichkeit – und sie ist aristotelisch durch und durch.</p>



<p>Zugleich erinnert uns der Begriff der <strong>energeia</strong> daran, dass Macht sich bewähren muss. Ein Vermögen, das sich nie verwirklicht, ist zwar real – aber es stellt sich die Frage, ob es auch wirksam ist. Recht ohne Durchsetzung, Autorität ohne Handeln, Kompetenz ohne Anwendung – das sind alles Formen von <strong>dynamis</strong>, die ihrer <strong>energeia</strong> harren. Eine Theorie der Macht, die nur das Potenzial analysiert, ohne nach der Verwirklichung zu fragen, bleibt abstrakt. Eine, die nur die Ausübung betrachtet, ohne das strukturelle Vermögen dahinter, bleibt oberflächlich.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Ein machtvolles Begriffspaar</mark></h2>



<p>Aristoteles hat selbst nie über Macht geschrieben. wie wir sie verstehen. Er hat über Bewegung und Ruhe nachgedacht, über Natur und Form, über das, was Dinge zu dem macht, was sie sind. Dabei hat er zwei Begriffe entwickelt, die – umgeformt, übersetzt, verfeinert und manchmal vergröbert – zur Tiefenstruktur westlicher Machtreflexion wurden. <strong>Dynamis</strong> und <strong>energeia</strong>: das Können und das Im-Werk-Sein, das Potenzial und seine Verwirklichung.</p>



<p>Wer diese Begriffe kennt und ihre Geschichte verfolgt, liest die großen Machttheoretiker anders. Er erkennt in Hobbes‹ »Mitteln« die aristotelische <strong>dynamis</strong>; in Arendts »gemeinsamem Handeln« die <strong>energeia</strong>; in Foucaults Netz von Beziehungen das aristotelische Bild eines Seinszusammenhangs, der aus Vermögen und Verwirklichungen gewoben ist. Er erkennt, dass die etymologischen Wurzeln der Machtbegriffe – Können, Vermögen, Wirksamkeit – nicht zufällig sind, sondern auf eine tiefe Wahrheit zeigen, die Aristoteles als erster mit philosophischer Präzision formuliert hat.</p>



<p>Und vielleicht erkennt er auch, dass das Denken über Macht noch immer von der Frage lebt, die Aristoteles stellte: Was vermögen die Dinge – und was wird aus diesem Vermögen? Was schläft in uns, in unseren Gemeinschaften, in unseren Ordnungen – und was erwacht, wenn die Bedingungen stimmen?</p>
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		<title>Randgruppen [#003]</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Croonenbrook]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Mar 2026 15:31:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Notizbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Bärbel Bas]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Randgruppen]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
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					<description><![CDATA[Ich frage mich gerade ernsthaft, was da politisch passiert. Als Bärbel Bas in den Tagesthemen meinte, es sei falsch, dass der SPD das Image anhänge, sich „nur um Randgruppen zu kümmern“, sollte das wohl die Partei näher an die „Mitte“ rücken. Für mich zeigt das aber vor allem ein tieferes Problem: eine Sprache, die Ausgrenzung normalisiert, statt sie zu hinterfragen.
Der Begriff „Randgruppe“ wirkt harmlos, ist er aber nicht. Er stammt aus der Soziologie der Nachkriegszeit und beschreibt Menschen, die gesellschaftlich ausgeschlossen sind. Doch schon das Bild ist schief: Wer von „Rand“ spricht, setzt ein „Zentrum“ voraus – und entscheidet damit indirekt, wer dazugehört und wer nicht. Genau das widerspricht für mich einer demokratischen Gesellschaft, die eigentlich auf Gleichwertigkeit basiert.
Was mich besonders stört: Diese Wortwahl schafft ein „Wir gegen die anderen“. Plötzlich gibt es die „hart arbeitende Mitte“ – und daneben Menschen, deren Anliegen scheinbar weniger zählen. Politik wird dann nicht mehr nach Gerechtigkeit gemacht, sondern danach, was mehrheitsfähig wirkt. Empathie und Solidarität werden aus PR-Feigheit aufgegeben.
Die SPD schwankt seit Jahrzehnten zwischen sozialem Anspruch und Anpassung an neoliberale Erzählungen – spätestens seit der Agenda 2010 – auf der Suche nach der goldenen politischen Mitte. 
Diese ist jedoch ein Mythos und eine rechte Umdeutung demokratischer Gesellschaft. Eine vielfältige Gesellschaft hat kein klares Zentrum. Trotzdem richtet sich Politik immer wieder an diesem Phantom aus – auf Kosten der Schwächsten.
Sprache ist nicht neutral. Wer von „Randgruppen“ spricht, entscheidet mit darüber, wessen Probleme als legitim gelten. Und genau deshalb erwarte ich von einer sozialdemokratischen Partei das Gegenteil – nämlich eine Sprache, die einschließt statt ausgrenzt.
Am Ende geht es nicht um Image, sondern um Haltung. Nicht darum, wie Politik wirkt, sondern wofür sie steht. Wenn Sozialdemokratie glaubwürdig sein will, muss sie wieder den Mut haben, für Gerechtigkeit einzustehen – auch wenn das unbequem ist. Wie schon Bertolt Brecht schrieb: Wer nicht für seine eigene Sache kämpft, wird am Ende die Niederlage teilen. Die SPD geht nach und nach unter – aus Feigheit?
Wir brauchen wieder ein starkes Bündnis für eine gerechte und nachhaltige demokratische Gesellschaft als echte Alternative zur schwarz-blauen (Noch-)Schattenregierung. Dazu muss es zu einer sozialdemokratischen Erneuerung kommen – innerhalb oder außerhalb der SPD. IN der SPD wird sie mit den aktuellen Gesichtern aber wohl kaum noch gelingen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h1 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">»Randgruppen« – Die rhetorische und politische Aufkündigung Demokratischer Kultur </mark></h1>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_004_randgruppen01.png" alt class="wp-image-2447" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_004_randgruppen01.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_004_randgruppen01-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_blog_004_randgruppen01-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-87063d71fc4371cb4068f006954c71ec" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">»Uns hängt ein Image an, dass wir uns nur um <em>Randgruppen</em> kümmern, was ich falsch finde.«</mark> Bärbel BAS (SPD-Vorsitzende)</p>



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<div class="wp-block-group is-content-justification-center is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-23441af8 wp-block-group-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="512" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock.png" alt class="wp-image-1915" style="width:25px" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock.png 512w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock-300x300.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock-150x150.png 150w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px"></figure>


<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">7–11&nbsp;Minuten</div>


<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="512" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper.png" alt class="wp-image-1916" style="width:25px" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper.png 512w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper-300x300.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper-150x150.png 150w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px"></figure>


<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">1.750&nbsp;Wörter</div></div>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Was ist passiert?</mark></h2>



<p>SPD-Vorsitzende und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas erklärte jüngst in den Tagesthemen:&nbsp;<em>„Uns hängt ein Image an, dass wir uns nur um Randgruppen kümmern, was ich falsch finde.“</em>&nbsp; Was als Versuch gemeint war, die Sozialdemokratie als Partei der „Mitte“ zu profilieren, offenbart ein tief sitzendes Problem: die Rückkehr zu einem Begriff, der demokratische Inklusion untergräbt, soziale Realität verzerrt – und die SPD in eine rhetorische Sackgasse führt.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Herkunft und Wandel des Begriffs „Randgruppe“</mark></h2>



<p>Das Wort „Randgruppe“ klingt zunächst neutral – als handele es sich um eine nüchterne soziologische Kategorie. Tatsächlich stammt der Begriff aus der Sozialforschung der 1950er und 60er Jahre, insbesondere aus der Arbeit deutscher Soziologen wie Helmut Schelsky oder Theodor Geiger. Gemeint waren Bevölkerungsgruppen, die an den „Rändern“ der Gesellschaft lebten, also sozial marginalisierte Menschen: Obdachlose, Suchtkranke, Gefängnisinsassen oder Menschen mit Behinderung.</p>



<p>In dieser frühen Verwendung war „Randgruppe“ analytisch gedacht – als Beschreibung sozialer Exklusion. Doch schon die Metaphorik ist verräterisch: Wer vom „Rand“ spricht, setzt zugleich ein „Zentrum“ voraus, das als normal, legitim und dominant gilt. „Randgruppe“ ist kein wertfreier Begriff; er beschreibt soziale Hierarchien, indem er sie sprachlich festschreibt.</p>



<p>Mit dem gesellschaftlichen Wandel der 1970er und 80er Jahre – Frauenbewegung, ökologische Bewegungen, Antidiskriminierungskämpfe – wurde „Randgruppe“ zunehmend zu einem politischen Kampfbegriff. Rechte und konservative Akteure nutzten ihn, um Engagement für Minderheiten oder sozial Benachteiligte abzuwerten. „Randgruppenpolitik“ wurde zum Synonym für Klientelpolitik, für angeblich übertriebene Rücksichtnahme gegenüber „den anderen“, die vom gesellschaftlichen Mainstream abweichen.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Internationale Vergleiche: Wer redet sonst von „Randgruppen“?</mark></h2>



<p>Interessant ist, dass der Begriff so spezifisch deutsch ist. In anderen Ländern finden sich zwar verwandte Konzepte, aber selten mit derselben normativen Schärfe:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Im Englischen&nbsp;sprechen Politolog*innen und Sozialwissenschaftler*innen eher von&nbsp;<em>marginalized groups</em>&nbsp;oder&nbsp;<em>minorities</em>. Das klingt zwar ähnlich, trägt aber eine andere moralische Bedeutung. „Marginalized“ betont den Prozess der Ausgrenzung – also das aktive Handeln einer Gesellschaft, durch das Menschen an den Rand gedrängt werden. Das nennt den Mechanismus, nicht nur den Zustand.</li>



<li>In Frankreich&nbsp;wird von&nbsp;<em>groupes minoritaires</em>&nbsp;oder&nbsp;<em>exclus sociaux</em>&nbsp;gesprochen – also von „sozial Ausgeschlossenen“, nicht von „Randgruppen“. Auch hier steht im Vordergrund, dass Ausgrenzung eine Konsequenz gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist.</li>



<li>In den USA&nbsp;ist der Begriff der „minorities“ tief in die Bürgerrechtsgeschichte eingebettet. Er ist mit Empowerment verbunden, nicht mit Abwertung: Minderheitengruppen beanspruchen Rechte, Sichtbarkeit und politische Teilhabe.</li>
</ul>



<p>Der deutsche Begriff „Randgruppe“ hingegen bleibt strukturell konservativ. Er suggeriert, dass es einen festen gesellschaftlichen Kern gibt, um den sich die „Ränder“ gruppieren – ein Bild, das Soziologen wie Ulrich Beck später als überholt bezeichneten. In einer pluralen Gesellschaft gibt es keine klar umrissene Mitte, nur Vielstimmigkeit.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Ein problematischer Begriff für Demokratische Kultur</h2>



<p>Demokratie ist per Definition ein System, das die Gleichwertigkeit aller Bürgerinnen und Bürger unterstellt – unabhängig von Herkunft, Status oder Zugehörigkeit. Wer in demokratietheoretischer Sprache von „Randgruppen“ spricht, entwirft implizit ein Zentrum, das über Normalität und Legitimität entscheidet. Diese Sprache erzeugt das Bild unterschiedlicher rechtlicher Teilhabe an der demokratischen Gesellschaft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">a) „Wir“ gegen „die anderen“</h3>



<p>Der Begriff „Randgruppe“ teilt die Gesellschaft in ein „Wir“ und ein „Sie“: Hier die „hart arbeitende Mitte“, dort eine amorphe Masse von „anderen“, mit denen sich Politik nur aus Pflichtgefühl befasst. Das steht im Widerspruch zum inklusiven Anspruch des Grundgesetzes und zu sozialdemokratischen Grundwerten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">b) Diskursive Exklusion</h3>



<p>In demokratischen Gesellschaften spielt Sprache eine konstitutive Rolle. Wer mit bestimmten Begriffen operiert, setzt Grenzen des Sagbaren und Denkbaren. Michel Foucault nannte das »Diskursmacht«. „Randgruppe“ schließt aus, bevor überhaupt politisch gehandelt wird. Wenn Politiker*innen suggerieren, man müsse aufpassen, dass man nicht das „Image“ erhalte, „Randgruppen“ zu sehr zu unterstützen, gibt man den Gedanken von Solidarität auf aus medientaktischer Feigheit. </p>



<h3 class="wp-block-heading">c) Empathieverlust als Politikprinzip</h3>



<p>Der Ausdruck verschiebt den Wertmaßstab politischer Legitimität: Hilfe wird nicht mehr nach Bedarf oder Gerechtigkeit bewertet, sondern nach Mehrheitskompatibilität. Das gefährdet Tugenden Demokratischer Kultur wie Kooperation, Empathie, Gleichbehandlung und Minderheitenschutz. Die Güte einer Demokratie misst sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Sprachwandel als Spiegel ideologischer Verschiebungen</mark></h2>



<p>Die SPD, seit dem Godesberger Programm (1959) auf den Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital verpflichtet, hat in den letzten Jahrzehnten mehrfach versucht, ihre Sprache anzupassen. Der Niedergang traditioneller Arbeiter*innen-Identität, der Aufstieg individueller Lebensstile und die neoliberale Umstrukturierung der 2000er Jahre (Agenda 2010, Hartz IV) führten zu einem Diskurs der „Eigenverantwortung“. Solidarität wich Leistungsrhetorik.</p>



<p>Nun, in einer Zeit wachsender sozialer Ungleichheit, versucht die SPD, beides zu versöhnen: soziale Gerechtigkeit und Anbiederung an die „hart arbeitende Mitte“. Diese Rhetorik ist jedoch doppelt problematisch – sie bleibt unklar und kontraproduktiv, wie Stefan Reinecke in der&nbsp;<em>taz</em>&nbsp;jüngst analysierte: Der Versuch, Politik nur für die „arbeitende Mitte“ zu machen, führt dazu, dass sich weder die Mittelschicht noch prekäre Gruppen ernsthaft vertreten fühlen.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die SPD zwischen Identität und Orientierungslosigkeit</mark></h2>



<p>Nach zahlreichen Wahlniederlagen (zuletzt etwa in Rheinland-Pfalz 2026) sucht die SPD verzweifelt nach einer tragfähigen Erzählung. Bärbel Bas betont, man wolle nicht nur „Randgruppenpolitik“ machen, sondern die „Normalbürger“ ansprechen. Doch damit wiederholt sie einen semantischen Trick, der schon früher nach hinten losging: Sie übernimmt das Framing ihrer Gegner*innen.</p>



<p>Politikwissenschaftler Volker Best nennt diese Strategie riskant, weil sie inhaltlich kaum mit sozialdemokratischen Werten vereinbar ist. Eine Partei, die sich programmatisch als „Partei der Arbeit“ positioniert, könne nicht zugleich die Sprache konservativer Mittelstandspolitik sprechen, ohne ihre Identität zu verlieren.</p>



<p>Seit Jahrzehnten pendelt die SPD zwischen zwei Polen: dem Wunsch, Volkspartei zu bleiben, und der Angst, als Klientelpartei zu gelten. Doch Volkspartei sein bedeutet nicht, jede gesellschaftliche Mehrheit zu imitieren. Es heißt, soziale Gegensätze zu erkennen und solidarisch zu vermitteln – nicht, sie sprachlich zu verschleiern.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die politische Falle der vermeintlichen Mitte</mark></h2>



<p>„Die Mitte“ gilt seit Jahrzehnten als heiliger Gral deutscher Politik. Doch sie existiert nur als Konstruktion. Der Soziologe Andreas Reckwitz beschrieb sie als „Statusgruppe mit kulturellem Distinktionsanspruch“, nicht als soziales Zentrum. Wer Politik auf diese schwammige Zielgruppe ausrichtet, jagt einem Phantom hinterher.</p>



<p>Bärbel Bas’ Aussage spiegelt dieses Missverständnis wider: Sie will das „Image“ korrigieren, die SPD kümmere sich zu sehr um Minderheiten – und übersieht dabei, dass gerade Minderheitenpolitik Kern demokratischer Gleichheit ist. Sozialdemokratie entstand aus der Idee, die Machtlosen zu vertreten. Wenn sie das Image loswerden will, für Schwache da zu sein, verliert sie ihre Existenzberechtigung.</p>



<p>Das zeigt sich auch empirisch: Die SPD verliert Stimmen sowohl an die Grünen (bei urbanen Akademiker*innen) als auch an die AfD (bei Arbeiter*innen). Eine „Mitte“, die beide Gruppen einschließt, gibt es schlicht nicht. Wer allen gefallen will, verprellt am Ende alle.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Sprachpolitik als Machtpolitik</mark></h2>



<p>Sprache prägt Wahrnehmung. Wer von „Randgruppen“ redet, signalisiert, dass manche gesellschaftlichen Anliegen legitim, andere aber exotisch oder zweitrangig sind. In der politischen Kommunikation ist das keine Nebensache – es ist strategische Positionsarbeit.</p>



<h3 class="wp-block-heading">a) Der moralische Bias des Begriffs</h3>



<p>Der Ausdruck „Randgruppe“ ist moralisch asymmetrisch. Niemand bezeichnet Reiche, Konzernlobbys oder verbeamtete Besserverdiener als „Randgruppe“, obwohl sie zahlenmäßig kleiner sind als viele Minderheiten. Damit wird Ausgrenzung nicht nach Macht, sondern nach Sichtbarkeit definiert – ein klassischer blinder Fleck bürgerlicher Politik.</p>



<h3 class="wp-block-heading">b) Diskursive Verantwortung der Sozialdemokratie</h3>



<p>Von einer sozialdemokratischen Vorsitzenden darf man mehr sprachliche Sensibilität erwarten. Statt sich gegen ein „Randgruppenimage“ zu wehren, müsste sie das Gegenteil tun: den Begriff problematisieren und durch solidarische Sprache ersetzen. Doch sie entschied sich für Ab- und Ausgrenzung statt Integration.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Von Godesberg bis Agenda 2010</mark></h2>



<p>Die SPD hat sich schon mehrfach an der Frage gespalten, wer zur „Kernklientel“ gehöre:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>1959 – Godesberger Programm:&nbsp;Abkehr vom Klassenkampf, Hinwendung zur „Volkspartei“. Ziel: breitere Wählerschichten, weniger ideologische Abgrenzung.</li>



<li>1990er Jahre:&nbsp;Umarmung des Dritten Wegs (Blair, Schröder). Ergebnis: neoliberale Umgestaltung, aber nachhaltige Erosion des Vertrauens ehemaliger Stammwähler*innen.</li>



<li>Nach 2010:&nbsp;Versuch der Re-Sozialdemokratisierung. Mit Themen wie Mindestlohn oder sozialer Gerechtigkeit gewann die SPD zeitweise Vertrauen zurück, das nun wieder verspielt wird.</li>
</ul>



<p>Heute, 2026, steht sie an einem ähnlichen Punkt: Zwischen sozialstaatlicher Verteidigung und Anpassung an ein Umfeld, das Solidarität zunehmend als „Klientelpolitik“ diskreditiert.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">„Randgruppenpolitik“ als Symbol sozialer Spaltung</mark></h2>



<p>Wenn SPD-Politikerinnen wie Bärbel Bas sich gegen ein bestimmtes Image wehren, verrät das weniger über die Realität der Parteiarbeit als über die Wahrnehmung gesellschaftlicher Machtverhältnisse. „Randgruppenpolitik“ meint in Wahrheit: Politik für Menschen ohne Lobby.</p>



<p>Das Problem liegt nicht im Engagement für Minderheiten, sondern in der gesellschaftlichen Zuschreibung, dass ihre Anliegen weniger legitim seien. Eine demokratische Partei darf diese Zuschreibung nicht verstärken – sie muss sie aufbrechen. Statt sich von „Randgruppen“ zu distanzieren, sollte die SPD den Begriff entwaffnen, indem sie seinen normativen Kern umdreht: Am Rand stehen jene, die vom Zentrum verdrängt wurden. Solidarität heißt, sie zurückzuholen und für eine demokratische Gesellschaft ohne Ränder zu streiten.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Zwischen „Klassenkampf“-Rhetorik und einer Sprache der sozialen Abwertung und Ausgrenzung</mark></h2>



<p>Bas hatte zuvor beim Juso-Bundeskongress mit kämpferischen Worten Aufsehen erregt. Sie sprach von der Auseinandersetzung zwischen „Arm und Reich“ statt „Jung und Alt“ – eine Rückbesinnung auf klassische Gerechtigkeitsfragen. Prompt wurde ihr „Klassenkampfrhetorik“ vorgeworfen. Diese Episode zeigt, wie sehr gerade wieder ein intensiver diskursiver Kampf darüber läuft, was öffentlich sagbar ist. Die SPD sollte den Kampf annehmen und nicht gleich die weiße Fahne schwenken, um sich dem rechten Diskurs zu unterwerfen.</p>



<p class="is-style-text-annotation is-style-text-annotation--4">»<em>WER ZU HAUSE BLEIBT</em>,<em>&nbsp;WENN DER KAMPF BEGINNT</em><br>Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt<br>Und läßt andere kämpfen für seine Sache<br>Der muß sich vorsehen: denn<br>Wer den Kampf nicht geteilt hat<br>Der wird teilen die Niederlage.<br>Nicht einmal den Kampf vermeidet<br>Wer den Kampf vermeiden will: denn<br>Es wird kämpfen für die Sache des Feinds<br>Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.«<br><em>(Bertolt Brecht, Kolomann Wallisch Kantate)</em></p>



<p>Die SPD muss endlich verstehen, dass die Zeiten der Klientelpolitik vorbei sind und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Es geht nicht darum mediale Blasen zu produzieren und ein »Image« zu pflegen, sondern ein glaubhaftes Konzept von »Sozialdemokratie« zu vertreten. Dazu gehört ein neuer Begriff von Demokratischer Kultur, der den Sozialdemokrat*innen offenbar abhanden gekommen ist. Dazu gehört auch, einen authentischen Anspruch auf eine gerechtere Gesellschaft zu erheben und diesen nachhaltig zu verteidigen und in den politischen Kampf zu tragen. Kurzfristig mag es sein, dass rechte Rhetorik und Lügen der SPD zu schaffen machen, langfristig zahlt es sich aus, wieder ein Projekt der sozialdemokratischen Reform aufzubauen, das kompatibel ist mit den Grünen und der Linken. Das Problem des Mitte-Links-Lagers ist, das es derzeit den Menschen vermittelt: Wir stehen nicht zusammen als Alternative für die rechte Übernahme der Republik zur Verfügung. Schuld daran ist vor allem die SPD, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten sich in eine Position manövriert hat, aus der es kaum noch einen Ausweg gibt. Sie haben sich an einen rechtskonservativen Kurs der CDU/CSU verkauft, um eine rechte Regierung um ein paar Jahre zu verschieben. Dabei hätte man diese Entwicklung frühzeitig verhindern können.<br>Nun muss es entweder außerhalb der SPD eine sozialdemokratische Erneuerung geben oder innerhalb der SPD. Mir fehlt allerdings die Fantasie, dass Klingbeil und Bas die Gesichter dieser Erneuerung sein könnten.</p>
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		<title>Was »Demokratie« (uns) bedeutet (LM)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Croonenbrook]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 01:05:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denkerei221b_Lesemodus]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Witz von »DEMOKRATIE« ist, dass sie allen »BETEILIGTEN« etwas anderes BEDEUTET. DEMOKRATISCHE WIRKLICHKEIT entsteht erst im ZUSAMMENSPIEL dieser POSITIONEN. Grafikmodus »Studie in Pink« Demokratische Philosophie – eine theoretische Quest Nachdem ich mir meine sorgenvollen, aber optimistischen Gedanken zur Krise der formalen Demokratie im letzten Artikel von der – fast hätte ich Seele gesagt – [&#8230;]]]></description>
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<p class="has-custom-schwarz-color has-text-color has-link-color has-x-large-font-size wp-elements-53a645af46d0a42925b3e4e1f2805bb6" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0">Der Witz von <strong>»DEMOKRATIE</strong>« ist, dass sie allen »<strong>BETEILIGTEN</strong>« etwas anderes <strong>BEDEUTET</strong>. <strong>DEMOKRATISCHE WIRKLICHKEIT</strong> entsteht erst im <strong>ZUSAMMENSPIEL</strong> dieser <strong>POSITIONEN</strong>.</p>



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<div class="wp-block-group is-content-justification-center is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-23441af8 wp-block-group-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="512" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock.png" alt class="wp-image-1915" style="width:25px" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock.png 512w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock-300x300.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock-150x150.png 150w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px"></figure>


<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">14–22&nbsp;Minuten</div>


<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="512" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper.png" alt class="wp-image-1916" style="width:25px" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper.png 512w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper-300x300.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper-150x150.png 150w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px"></figure>


<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">3.413&nbsp;Wörter</div>


<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="512" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/spray-pink.png" alt class="wp-image-1925" style="width:25px" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/spray-pink.png 512w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/spray-pink-300x300.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/spray-pink-150x150.png 150w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px"></figure>



<p class="has-small-font-size"><a href="/was-demokratie-uns-bedeutet">Grafikmodus »Studie in Pink«</a></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Demokratische Philosophie – eine theoretische Quest</h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-48373919be0a739a7a7539d857be4845" style="color:#000000">Nachdem ich mir meine sorgenvollen, aber optimistischen Gedanken zur Krise der formalen Demokratie im letzten Artikel von der – fast hätte ich Seele gesagt – geschrieben habe, kümmere ich mich nun um eine erste skizzenhafte Bestimmung von dem, was ich ich unter Demokratischer Philosophie verstehe.</p>



<p><strong>Demokratische Philosophie</strong> ist übrigens kein selbstverständlicher Begriff. Philosoph*innen waren in der Geschichte meistens nicht auf der Seite der Demokratie, allen voran der oft als totalitär verschriene <strong>Platon</strong>, auf den ich mich paradoxer Weise im Laufe meiner Untersuchungen immer wieder beziehen werde. Philosophie und Demokratie passen nicht gut zusammen, so lange man unter Philosophie die Suche nach der einen Wahrheit über die Welt und allem darin versteht, während Demokratie immer eine Aushandlung zwischen vielen verschiedenen Meinungen, Ansätzen und Perspektiven impliziert. Dabei kann kaum eine ähnliche »reine Lehre« herauskommen wie durch die Denkarbeit eines genialen – ja, sagen wir es doch – Mannes. Denn auch das systematische Ausschließen nichtmännlicher Perspektiven verhinderte in der Philosophiegeschichte meist einen wirklichen demokratischen Ansatz.</p>



<p>Meine <strong>Theorie-Quest</strong>, die auf eine Grundlegung Demokratischer Philosophie zielt, möchte ich heute mit einer Anschau des Bedeutungsfeldes des Begriffs der Demokratie beginnen.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading">Begriffsgeschichte – ein philosophischer Zaubertrick</h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-096cde9f9869fa418c9b01dbf79f9cd5" style="color:#000000">Es ist eine übliche Herangehensweise, solche Artikel mit einem Blick in die <strong>Begriffsgeschichte</strong> zu beginnen und ein wenig <strong>Etymologie (Wortherkunft)</strong> einfließen zu lassen. Das vermittelt den Leser*innen das Gefühl, die Autor*innen wüssten ganz genau, worüber sie reden. Dabei jubeln die Autor*innen im besten Fall gleich einem Zaubertrick den Leser*innen bereits die Prämissen unter, die den Artikel am Ende plausibel machen werden. Wenn die Begriffsbestimmung dann auch noch auf das Altgriechische zurückgeht, dann frohlocken viele philosophisch interessierte Leser*innen geradezu. Die alte Sprache der Philosophie und der Tragödie, erstes Idiom europäischer Demokratie! Geheimnisvoll, klassisch, antik! Der Dan Brown unter den Sprachen! Kaum jemand kann es, aber viele mögen es. Griechische Antike! Sokrates, Platon, Aristoteles, Pythagoras, Perikles, Sparta!, 300!, Alexander, der Große, Aischylos, Sophokles, Euripides, Homer, Odysseus, Achilles und … ach ja – der ständige Krieg und die wütende Pest. Wundervolle, längst vergessene Zeiten. Vielleicht mögen wir hier die griechische Antike auch so sehr, weil sie uns so weiß radiert überliefert worden ist, statt in diesen quietschbunten Farben, die ursprünglich Tempel, Stelen, Statuen und Büsten verunzierten. Die klassische Antike hat unsterbliche Wahrheiten hervorgebracht, denken wir manchmal, obwohl die Texte von einst immer fremder werden, je näher wir sie uns besehen.</p>



<p>Nun, nachdem ich mir meinen philosophischen Eröffnungszug ausreichend verdorben habe, möchte ich tatsächlich eine kurze Bestimmung des Begriffs der Demokratie vornehmen – ausgehend vom Altgriechischen! <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f609.png" alt="😉" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Der Begriff der Demokratie</h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-a7f6cd6c73f9bb896cb87438a79a4839" style="color:#000000">»Demokratie« ist ein zusammengefügtes, altgriechisches Wort aus <strong>δῆμος</strong> (demos) und <strong>κράτος</strong> (kratos).</p>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-c99dd2f1ceb66ef407379dd72f355d9c" style="color:#000000">Der erste Wortteil <strong>δῆμος</strong> bezeichnete ursprünglich ein Gebiet oder Land und erst später ein Volk, das dort lebt. Früh hatte es einen abwertenden Beigeschmack wie »das einfache Volk« oder »das gewöhnliche Volk« oder »der Pöbel« – aus Sicht der damaligen Aristokrat*innen, was wohl auch heute eine im <strong>Kapitaladel</strong> weit verbreitete Sicht auf die »einfachen Menschen« sein dürfte. Demos war schließlich – im Unterschied zu&nbsp;<strong>ἔθνος</strong>&nbsp;(ethnos), was das Volk auf Basis von Verwandtschaftsverhältnissen bezeichnete – das Staatsvolk, die Gruppe von Menschen, die über die Geschicke der polis entschieden.</p>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-dda14369c269438406a03b3d68f0bb6a" style="color:#000000">Der zweite Wortteil <strong>κράτος</strong> (kratos) bedeutet soviel wie Macht oder Stärke. Im Bedeutungsfeld Macht, Gewalt und Stärke gibt es im Altgriechischen viele verschiedene Wörter, wie wir weiter unten noch sehen werden.<br>Kratos ist das Ergebnis von Durchsetzungskraft, also eine Herrschaft oder Dominanz, die durch einen Sieg (ob durch Gewalt oder andere Mittel) errungen wurde.</p>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-94c600b7e04807d52317e1350d5fddb9" style="color:#000000">Demokratie bedeutete also ursprünglich etwas ähnliches wie in der Moderne die »<strong>Diktatur des Proletariats</strong>«, das erfolgreiche Ergebnis eines Klassenkampfes – in diesem Fall zwischen dem einfachen Volk und der Aristokratie. So fantastisch das klingt, sollten wir uns aber erinnern, dass die Herrschaft des Volkes hier einige Gruppen ausschloss: Frauen waren aus der öffentliche Sphäre weitgehend verbannt. Ihre Sphäre war der <strong>οἶκος</strong> (oikos, dt. Haushalt). Daher stammt unser heutiger Begriff der Ökonomie. Auch Nicht-Bürger*innen und Sklav*innen waren ausgeschlossen. Ja, richtig gelesen. Die Attische Demokratische war eine Sklavenhalter*innengesellschaft. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f625.png" alt="😥" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-5b06d3d79a70198680e966e5fc3a388f" style="color:#000000">Abgesehen von den Unterschieden zwischen antiker und gegenwärtiger Gesellschaft: Inwiefern taugt der Begriff für unsere Zeit? Es wäre ein <strong>revolutionärer Begriff</strong>, der besagt, dass wahre Demokratie dann erreicht ist, wenn das »einfache Volk« im Kampf gegen die Aristokratie nachhaltig die Herrschaft erringt. Es ist nicht schwer, dies auf unsere Gegenwart zu übertragen. Die Demokratie kann nur wirklich funktionieren, wenn die <strong>Kapital-Aristokratie</strong> besiegt bzw. zumindest sehr stark eingeschränkt wird. Sie darf nicht mehr die Geschicke unserer formalen Demokratie entscheidend beeinflussen. Das ist nun keine besonders erhellende Erkenntnis, sondern eine Selbstverständlichkeit, ähnlich der antiken Handballweisheit: »Wenn unser Team mehr Tore wirft als das andere, dann werden wir wohl gewinnen.«</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading has-text-color has-link-color wp-elements-8fe60400056bd2ed313dec98fc7c332f" style="color:#000000">»Hypytynä« oder doch einfach »Demokratie«?</h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-cddeeec5f66aad5751fe69168256a450" style="color:#000000">Auf diesen revolutionären Demokratiebegriff komme ich vielleicht später noch einmal zu sprechen. Im Moment suche ich aber erst einmal nach einem Begriff, der auch außerhalb von Klassenkampfszenarien mehr aussagt als: Das einfache Volk herrscht. Ich werde also einen anderen Zaubertrick aus dem Repertoire der Philosophie versuchen: Die Umdeutung bestehender Begriffe. Da unsere Sprache zwar ständig in Bewegung ist und auch regelmäßig neue Wörter hinzukommen, so ist doch die Anzahl der Wörter, die den Menschen irgendetwas sagen, abzählbar. Nun ist es recht mühsam, neue Wörter viral gehen zu lassen. Wenn ich als alternativen Begriff zu »Demokratie« zum Beispiel das wunderschöne neue und deshalb noch unbelegte Wort »Hypytynä« etablieren möchte, dann wird das den Menschen zuerst einmal gar nichts sagen. Also müsste es immer und immer wieder lang und breit erklärt werden und wahrscheinlich würden selbst dann die Leute ständig vergessen, wie das Wort noch einmal genau heißt. Hüpütünü?<br>Da ist es viel leichter, einen der bereits bestehenden Begriffe zu wählen. Diese sind ohnehin selten klar definiert, sondern haben mit der Zeit eher ein ungefähres Bedeutungsfeld um sich herum angesammelt. Nun nehme ich einen solchen Begriff und verschiebe seine Bedeutung oder kombiniere bestehende Bedeutungen neu. So kann ich sagen: »Ich meine Demokratie, aber eben etwas anders, nämlich …« Dann haben alle direkt zu Beginn eine Vorstellung und damit ist die folgende <strong>Kommunikation</strong> deutlich leichter. Leider müssen wir dann aber auf »Hypytynä« verzichten, aber vielleicht finden wir ja später noch einmal eine schöne Bedeutung für dieses mögliche Kleinod unserer Sprache.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading has-text-color has-link-color wp-elements-30641fa9948d739b2fd4b15271836a10" style="color:#000000">Das komplizierte Geschäft der Philosophie</h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-03ae258e1acb4a3148e8b9fc7a5b21a4" style="color:#000000">Die <strong>Philosophie</strong> ist leider ein <strong>kompliziertes Geschäft</strong> – wenn man sie ernsthaft betreibt. Das führt dazu, dass sie heutzutage eher ein nerdiges Nischendasein fristet. Eine gute Freundin meinte einmal zu mir: »Du wirkst auf mich manchmal wie aus der Zeit gefallen, als wärst du ein Mensch aus dem 19. Jahrhundert, der sich in unsere Zeit verirrt hat.« Das 19. Jahrhundert war eine echt tolle Zeit für die Philosophie, vor allem für die deutsche – ich sage nur »Dichter und Denker«! Auch das 20. Jahrhundert war noch ziemlich ok: Philosoph*innen wie Wittgenstein, Foucault, Sartre, Adorno, Heidegger, Derrida, Deleuze, Arendt, Popper, Dewey, Rawls, Rorty, Habermas oder Butler waren zum Teil mediale Popstars. Naja, Wittgenstein sicherlich nicht. Über den bemerkte der berühmte Ökonom John Maynard Keynes: »Nun ja, Gott ist angekommen. Ich habe ihn im Zug um 17:15 Uhr getroffen.«</p>



<p>Zum komplizierten Geschäft der Philosophie gehört es, dass man für am Ende recht simple Aussagen oft große Umwege gehen muss. Ein wenig liegt das natürlich auch daran, dass manche Philosoph*innen es als Teil ihrer <strong>Attraktivität</strong> ansehen, weitschweifig, kaum verständlich und tiefgründig zu wirken und – natürlich – dicke Bücher zu veröffentlichen. Das sollte man ihnen aber nachsehen. Erstens sind sie irgendwie halt auch nur Nerds und wissen nicht so recht, wie man das Wort »Attraktivität« sinnvoll auf sich selbst anwendet (,denn als rücksichtsvolle Zeitgenoss*innen wollen sie ja auch nicht eine der wichtigsten Tropen der Pop-Kultur zerstören). Zweitens schaffen sie dadurch Arbeitsplätze. Denn Geisteswissenschaftler*innen sind in gewisser Weise die Jurist*innen der Geisteswelt. Sie lesen für andere Menschen Philosoph*innen, weil diesen die Zeit dazu fehlt und sie auch kaum etwas davon verstehen würden (allerdings sind sie oft nicht verständlicher, was sie ebenfalls mit Jurist*innen gemein haben). Drittens berechtigen Philosoph*innen damit aber auch ihre eigene Existenz. Wenn alle denken würden: »Ah, achso, na, das habe ich mir auch letztens auf dem Klo sitzend ausgedacht«, dann wäre der nächste Gedanke: »Ähm, wofür brauchen wir dich noch gleich?« Das wäre natürlich eine Katastrophe!<br>Daher machen wir es philosophisch kompliziert. Ich werde eine ganze Weile brauchen, einen neuen Demokratiebegriff zu entwickeln, der im besten Falle auch nur ein <strong>Angebot</strong> und eine <strong>Hilfe</strong> sein kann, um die eigene Position im <strong>Demokratischen Feld</strong> besser zu verorten und von dort aus <strong>Verbindungen</strong> zu ganz anderen Positionen herzustellen.<br><br> Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit anderen Theoretiker*innen. Das würde jedoch den Rahmen dieses Blogartikels sprengen – was übrigens in der Geisteswissenschaft die Standardtarnfloskel dafür ist, dass man keine Lust / Zeit hat, sich mit einem bestimmten Themenkomplex zu beschäftigen. Ich verspreche, mich später in einzelnen Artikeln damit zu beschäftigen. An dieser Stelle befasse ich mich jetzt nur mit den <strong>Bedeutungsfeldern</strong> von <strong>Demos</strong> und <strong>Kratos</strong>.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Demos = Volk?</h2>



<p>Demokratie heißt übersetzt so etwas wie »Herrschaft des Volkes« (siehe oben), wobei δήμος (Demos) hier zugleich zwei Dinge bedeutet:</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>Die einfachen Menschen haben nachhaltig die Herrschaft errungen. Das ist also ein <strong>politischer Kampfbegriff</strong>.</li>



<li>Nun sind – politisch gesehen – alle Menschen »einfache Menschen«. Es ist also ein <strong>egalisierender Begriff</strong>, der die Aristokratie aus dem politischen Prozess ausschließt und deren Mitglieder als »einfache Menschen« wieder einschließt.</li>
</ol>



<p>Um mir einen Überblick zu verschaffen oder doch zumindest Inspiration zu holen, was hier alles unter »Demos« oder »Volk« gemeint sein kann, möchte ich einmal ein wenig in ihrem Bedeutungs(um)feld herumstochern.</p>



<p>Beginnen wir mit dem Altgriechischen, denn da kommt das Wort »Demokratie« nun einmal her – und … du weißt schon – siehe oben.</p>



<p><strong>δήμος (Demos)</strong> bezeichnete ursprünglich gar keine Ansammlung von Menschen, sondern einen Ort, an dem Menschen leben, zum Beispiel einen Stadtbezirk. Daraus leitete sich dann die Bezeichnung für eine spezifische Menschengruppe ab, die aus einem Demos stammte. Damit sind mit Demos immer Menschen und ihr Ort gleichzeitig gemeint – eine <strong>verortete Bevölkerung</strong>. Somit ist auch klar, worüber ein Demos herrscht: über den eigenen Ort.</p>



<p>Wie bereits gesagt, kam auch früh die abfällige Bedeutung von Demos auf: »einfache Menschen«, »einfaches Volk« oder »<strong>Pöbel</strong>«. Aus diesem Grund wurde die Demokratie immer wieder von Philosoph*innen angegriffen, die selbst meist im Bunde mit Aristokratie, Tyrannis und Monarchie standen – wie zum Beispiel der »Godfather of Philosophy« Platon (vielleicht auch Godfather II). Seit Platon und seiner halb realen, halb erfundenen Dramenfigur Sokrates herrscht in der Philosophie eine besondere Verbindung zwischen dem Streben nach dem Guten durch tugendhaftes Verhalten und einer entsprechenden Elite, die durch philosophische Erziehung – wenn nicht hervorgebracht, so doch – veredelt und legimitiert werden sollte. Das »einfache Volk« muss nichts können oder wissen, es muss auch keinen besonderen Ethos haben, es ist einfach nur da und darf trotzdem mitentscheiden! Ein wert(e)loser Haufen menschlichen Fleisches. Wenn Platon davon spricht, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist, dann schwingt hier auch ein politischer Unterton mit. Das einfache Volk in all seiner plumpen Körperhaftigkeit erstickt den Geist und die Seele der nach dem Guten strebenden »Besten« (Aristokraten). Das ist nicht ganz ohne Ironie, denn einige der Schüler des Sokrates, die Platon in seinen philosophischen Dramen vortanzen lässt, haben in Wirklichkeit in der Politik ziemlichen S****ß gebaut, um es vorsichtig auszudrücken (vor allem Kritias, Charmides und Alkibiades).</p>



<p>Übrigens hatten die Griechen noch ein anderes abwertendes Wort für den Pöbel:<strong> ὄχλος</strong> (<strong>óchlos</strong>, Menschenmenge, Masse, Pöbel). Das wird später bei Polybios zur Ehrenrettung der Demokratie einspringen müssen (Ochlokratie).</p>



<p>Anders als Demos bezieht sich ἔθνος (éthnos) auf ein Volk, das auf Verwandtschaftsbeziehungen basiert, also das, was wir abgeleitet von diesem Wort heute nicht mehr »Volk«, sondern »Ethnie« nennen. Das Wort bezeichnete ursprünglich einfach eine Gruppe gleichartiger Tiere oder Menschen, also einen Schwarm, eine Herde oder eine Schar.  Im Unterschied zu Demos steht hier die Gleichartigkeit im Vordergrund.</p>



<p>Dann gibt es noch <strong>λαός (laós)</strong>, wovon sich unser Begriff der »Laien« ableitet. Ein Laos ist das Volk oder Heer, das einem βασιλεύς (basileus, König) verpflichtet ist. Es ist also kein Volk, das aus sich heraus existiert und es ist nicht an einen Ort, sondern an eine anführende Person gebunden.</p>



<p>Zu guter Letzt schauen wir uns noch die <strong>πολῖται (politai, Bürger der Polis)</strong> an. Im Prinzip sind sie deckungsgleich mit dem Demos, denn der Demos bestand ausschließlich aus freien männlichen Bürgern der Polis, also den Politai. Demos ist der Kollektivausdruck für diese Gruppe, unterstellt aber in seinen Nebenbedeutungen den Gruppenmitgliedern damit auch Attribute, die auf alle politai anwendbar sind. Daher ist es ein Unterschied, wenn Platon und Aristoteles über die Politai oder den Demos sprechen. Aristoteles entwickelte sogar eine Regierungsform, die πολιτεία (politeia, Staat, Verfassung), was gewöhnlich in diesem Kontext mit »Politie« übersetzt wird.</p>



<p>Zum Abschluss mache ich im Bedeutungsfeld einen kleinen Sprung, den ich mir als Theaterphilosoph einfach mal selbst gestatte.</p>



<p>Wie beim Demos in der Politik gibt es im Bereich des Theaters einen Zusammenhang zwischen <strong>Ort</strong> und <strong>Gruppe</strong>, nämlich beim Ursprung der antiken Tragödie (Props gehen raus an Friedrich <strong>Nietzsche</strong>), dem <strong>Chor: χορός (chorós)</strong>. Ursprünglich bezeichnete Choros den Tanzplatz bei dionysischen Festen, auf dem Menschen berauscht im Reigen tanzten und sangen. Später ging der Name auf den Reigen und auf die tanzenden Menschen selbst über. Daraus entstand dann der Chor, der in unterschiedlicher Stärke das Rückgrat von Tragödie und Komödie bildete. Es gibt noch ein entfernt verwandtes Wort: χώρα (chora, Land, Festung). Beide gehen wahrscheinlich auf die gleiche indogermanische Wurzel zurück, die einen Raum bezeichnet, den man einnimmt. Leider würde es an dieser Stelle zu weit führen, den genauen Zusammenhang zwischen Politik und Theater in der griechischen Antike darzustellen. Das werde ich in einem eigenen Artikel ausführen.</p>



<p>An dieser Stelle sei nur so viel angedeutet: Das Theater war die wirksamste Art, auf die gesamte Öffentlichkeit der Polis direkten, körperlichen Einfluss zu nehmen und darum hatte Platon das Theater noch vor den Sophisten zum Hauptfeind der Philosophie erklärt, da er davon ausging, dass die körperliche Einflussnahme dem geistigen Diskurs der Philosophie in der Wirkung überlegen war. Das war für Platon eine Katastrophe, denn er glaubte, dass dabei ein falsches Ethos bei der Jugend entstand. Klingt wie eine Sorge aus der Gegenwart. Platon war aber auch übrigens ironischer Weise ein Gegner der Schrift. Wäre er damals einflussreicher gewesen, hätten wir niemals etwas von ihm gehört, denn seine Lehren sind nur durch die schriftliche Überlieferung seiner Dialoge erhalten.</p>



<p>Ich selbst bin ganz anderer Meinung als Platon. Ich glaube, dass das Theater eine wesentliche Rolle dabei spielt, Philosophie und auch Demokratie neu zu denken. Doch dazu später mehr. Nach diesem mysteriösen kurzen Theorieteaser springe ich wieder zurück zur Politik.</p>



<p>Im Deutschen haben wir das Wort »<strong>Volk</strong>« in Volksherrschaft. Es kommt aus dem Altgermanischen: mhd. volc »Leute, Volk; Kriegsschar«, ahd. folc »Haufe, Kriegerschar; Volk. Erst in der Neuzeit im Zuge der Entstehung des modernen Nationalbewusstseins erhält das Wort die Bedeutung von »Gesamtheit aller Menschen, die durch Sprache, Kultur und Geschichte verbunden sind« und daher durch einen Staat vereint sein sollten. Auch die abwertende Bedeutung von Demos findet sich bei Volk: das (einfache) Volk in Abgrenzung zur Oberschicht.</p>



<p>Da hier nur ein einziger Begriff immer wieder überschrieben worden ist, bedeutet <strong>Volk</strong> also <strong>Demos</strong>, <strong>Ethnos</strong> und <strong>Laos</strong> in einem. Die Nazis verwendeten den Begriff des Volkes, um den Nationalstaatsgedanken des 19. Jahrhunderts ins Extreme zu übersteigern: ein Volk, ein Reich, ein Führer. Volk bedeutet hier die Fiktion einer Art reinen Ethnie (Ethnos), die über ihren Führer (Laos) mit dem Staat verbunden ist (Demos). Durch den exzessiven Gebrauch des Wortes »Volk« bei den Nazis ist es schwierig geworden, ihn heute zu benutzen, ohne seine völkischen Konnotationen mit anklingen zu lassen. Daher redet man auch nicht mehr von Völkern und Völkerkunde, sondern von Ethnien und Ethnologie.</p>



<p>Wenn wir Demokratie sinnvoll neu fassen wollen, dann müssen wir wahrscheinlich irgendwie Alternativen zum Begriff des Volkes finden, denn dieser bildet in keiner Weise die vielfältige Gesellschaft ab, die ihre politischen Geschicke demokratisch aushandelt.  Auch die zusammengesetzten Begriffe »Wahlvolk« oder »Staatsvolk« sind keine Alternative.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Kratos – Macht statt Herrschaft</h2>



<p>Im Altgriechischen finden wir neben κράτος (<strong>kratos</strong>, »Stärke, Kraft, Macht, Gewalt, Herrschaft, Oberbefehl, Übermacht, Oberhand, Sieg, Gewalttat«)noch einige verwandte Wörter, deren Bedeutungen familienverwandt sind.<br>ἐνέργεια (<strong>energeia</strong>, »Tätigkeit, Wirksamkeit, Wirkung, Kraft, Macht, Aktualität«), δύναμις (<strong>dynamis</strong>, »(körperliche) Kraft, Stärke, Streitmacht, Streitkäfte, Hilfsmittel, Fähigkeit, Talent, Wunderkraft, Möglichkeit, Macht, Einfluss, Ansehen, Geltung, Machtmittel, Wert, Betrag, Vermögen, Sinn«), ἰσχύς (<strong>ischus</strong>, »Stärke, Kraft, Festigkeit, Dauer, Tüchtigkeit, Gewalt, Zwang, Macht, Heeresmacht«), ῤώμη (<strong>rhome</strong>, »Kraft, Stärke, (politische) Macht, Streitmacht, Kolonne, Mut, Entschlossenheit«), ἐξουσία (<strong>exousia</strong>, »Erlaubnis, Recht, Befugnis, Vollmacht, Freiheit, Belieben, Willkür, Macht, Gewalt, Obrigkeit, Behörde, Amt, Machthaber, Reichtum, Überfluss«) und schließlich ἀρχή (<strong>archē</strong>, »Anfang, Beginn, Ursprung, Ende, Zipfel, Ursache, Grund, Prinzip, Element, Oberbefehl, Herrschaft, Regierung, Amt, Behörde, Obrigkeit, Reich, Gebiet, Statthalterschaft, Provinz, (himmlische) Mächte«).</p>



<p>Neben »Herrschaft« finden wir also auch Bedeutungen wie »Macht«, »Stärke«, »Kraft«, »Vermögen«, »Amt« oder »Möglichkeit«(und viele mehr). Das ist ein reichhaltiges Bedeutungsangebot, aus dem man schöpfen kann, wenn man Demokratie neu fassen möchte.</p>



<p>Das deutsche Wort »<strong>Herrschaft</strong>« kommt aus dem Germanischen: hērscaf bzw. hērscaft (althochdeutsch): Würde, Hoheit, Obrigkeit, ehrenvolles Amt; hērschaft (mittelhochdeutsch): Amt, Hoheit, Obrigkeit, Stolz, Recht und Besitz eines Herrn, Herrenmacht, Herrenwürde, Herrlichkeit, vornehme Gesellschaft. Zusammengesetzt ist das Wort aus den althochdeutschen Bestandteilen »hēr« (ehrwürdig) und »scaft« (Erschaffung).</p>



<p>Nun, die offensichtliche Ableitung vom »ehrwürdigen« Mann und seinen unglaublichen Attributen verbietet uns spätestens seit der Einführung des Frauenwahlrechts um 1918, den Begriff der Herrschaft mit dem Begriff der Demokratie zusammenzubringen. Suchen wir nach einem besseren Kandidaten im Bedeutungsfeld.</p>



<p>Das deutsche Wort „<strong>Macht</strong>“ kommt vom althochdeutschen Wort „maht“, das um das 8. Jahrhundert herum gebraucht worden ist, um Bedeutungen wie „Anstrengung“, „Gewalt“, „Vollmacht“, „Menge“ oder „Fülle“ auszudrücken. Zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert findet sich noch die Bedeutung „männliche Genitalien“, was wir heute immer noch mit Gemächt ausdrücken. Das englische Wort „might“ kommt vom gleichen indogermanischen Wortstamm (altenglisch: miht, angelsächsisch: maht). Der Duden weist „Macht“ als Verbalabstraktum zu „mögen“ aus. Dieses gemeingermanische Verb findet sich im Mittelhochdeutschen (mügen), Althochdeutschen (mugan), Gotischen (magan), Englischen (may) und Schwedischen (må). All diese Formen gehen zusammen mit verwandten Wörtern aus anderen indogermanischen Sprachen auf die Wurzel magh- (»können, vermögen«) zurück. Von dieser alten Bedeutung leiten sich die Wörter „Macht“, „möglich“ (»ausführbar, erreichbar«, mittelhochdeutsch: müg[e]lich) und „Möglichkeit“ (mittelhochdeutsch: müg[e]lichkeit) ab.</p>



<p>Macht ausüben scheint also (im Indogermanischen) von jeher zwei Bedeutungsaspekte zu haben. Der eine ist das reine <strong>Können</strong>, <strong>Vermögen</strong> zu etwas, die <strong>Möglichkeit</strong> zu handeln. Der andere ist die Verwirklichung dieses Vermögens in Form von Gewalt oder durch rechtliche Handlungen („Vollmacht“, s.o.). Diese beiden Aspekte durchkreuzen einander bis hinein in den philosophischen Diskurs der Gegenwart.</p>



<p>Ich schlage vor, den Wortteil »<strong>Kratos</strong>« in »Demokratie« als »<strong>Macht</strong>« zu übersetzen, was zunächst einmal legitim ist, da es zum Bedeutungsspektrum gehört. »Macht« deckt in sich ein viel weiteres Bedeutungsfeld ab, das wir rund um »Kratos« gefunden haben, ist anschlussfähig an moderne Sozialtheorien und lässt sich daher auch für eine progressive Lesart von Demokratie verwenden</p>



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<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading">Bedeutung, Familienähnlichkeiten und Mannigfaltigkeiten</h2>



<p>Mit <strong>Wittgenstein</strong> kann man in den Bedeutungsfelder »Kratos« und »Macht« von <strong>Familienähnlichkeiten</strong> der Wörter sprechen. Sie sind nicht alle auf eine Bedeutung zurückzuführen, überschneiden sich jedoch jeweils immer wieder, wie ein langes, geknüpftes Seil aus vielen kleineren Strängen (auch ein Bild von Wittgenstein). Nun möchte ich diesen Exkurs nicht nutzen, um eine heideggerianische Sprachmeditation über das Wesen der Macht durchzuführen. Auch geht es mir nicht darum, hier eine vollständige Etymologie vorzulegen. So habe ich zum Beispiel die romanischen Sprachen bisher ausgeblendet, obwohl dieses für <strong>Bourdieu</strong> und <strong>Foucault</strong> natürlich bestimmend sind (die wiederum zu meinen Haupteinflüssen bei der Macht-Theorie gehören). Hier nur einige Andeutungen in dieser Sache: Im Lateinischen gibt es die potestas (Macht) und potentia (Können, Möglichkeit), damit verwandt pouvoir (Macht, Können) und puissance (Macht) im Französischen, possibility (Möglichkeit) im Englischen. Das lateinische fortis (stark) bzw. Fortia (Stärke) führt zu force (Macht etc.) im Englischen und Französischen.</p>



<p>Ich möchte lediglich darauf aufmerksam zu machen, dass die Macht in den Sprachpraktiken immer schon eine Vielfalt von miteinander verwandten Aspekten beinhaltete, auf die ich immer wieder zurückkommen werde. Gerade in philosophischen Auseinandersetzungen erscheinen verschiedene Interpretationen eines Begriffes oft als unvereinbar. Im Deutungskampf soll zumeist die Deutung des anderen negiert werden. Meist handelt es sich aber nicht um gegensätzliche Interpretationen, sondern um verschiedene Perspektiven auf einzelne Aspekte eines Begriffs.</p>



<p>Klar ist: Aus der bedeutungsgeschichtlichen Herleitung kann keine <strong>eigentliche Bedeutung</strong> eines Begriffs oder eine präzise Definition begründet werden, sie deckt im Gegenteil eher <strong>historische und semantische Mannigfaltigkeiten</strong> auf, die unser Denken in Bewegung bringen.</p>



<p>Der Witz von »<strong>Demokratie</strong>« ist, dass sie allen »<strong>Beteiligten</strong>« etwas anderes <strong>bedeutet</strong>. <strong>Demokratische Wirklichkeit</strong> entsteht erst im <strong>Zusammenspiel</strong> dieser <strong>Positionen</strong>.</p>



<p>Damit möchte ich diese kurze etymologische Fingerübung beenden. Was hat sie mir gebracht? Für Demos habe ich noch keine gute Übertragung in die deutsche Sprache gefunden, die meinem Bedürfnis, eine progressive Lesart der Demokratie zu finden, entspräche. Bei Kratos habe ich mit »Macht« einen guten Kandidaten gefunden, mit dem ich weiterarbeiten kann.</p>
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		<title>Die Demokratie wird siegen! (LM)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Croonenbrook]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Feb 2026 15:01:26 +0000</pubDate>
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<h2 class="wp-block-heading">Eine Einführung, die zu ihrem eigenen Artikel wurde</h2>



<p>Eigentlich wollte ich einen Einführungsartikel zum Thema »Was ist Demokratische Philosophie?« schreiben und merkte dann nach einigen Absätzen, dass ich offenbar zuerst über die <strong>Sorge</strong> schreiben wollte, die mich und viele Menschen, die ich kenne umtreibt, nämlich, dass die <strong>Demokratie</strong> in Deutschland <strong>in Gefahr</strong> ist. Da ich keine ewige Abhandlung schreiben wollte, die erst nach unzähligen einführenden Absätzen zur »aktuellen Situation« ihr eigentliches Thema zu behandeln beginnt, habe ich entschieden, diese Einführung auszugliedern, damit sie mich nicht weiter in meinem anderen Artikel stören möge. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f642.png" alt="🙂" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>



<p>Grundsätzlich mag ich es nicht, wenn sich Philosoph*innen, die nur über eine höchstens amateurhafte »<strong>Expertise</strong>« auf einem Feld verfügen, sich mit dem Habitus von Expert*innen zu Themen jenseits ihres Feldes äußern. Nun, ich hoffe, dass mir das nicht passieren kann – schon deshalb, weil ich unbewusst allzu leicht durchblicken lasse, dass ich kein Experte bin. Tatsächlich ist es eine der Bürden von Philosoph*innen, dass sie meist über Themen sprechen, über die sie nicht viel mehr wissen als andere interessierte Menschen und ganz sicher viel weniger als echte Expert*innen. Da ich aber nicht die grandiose Rolle eines flamboyanten <strong>universellen Intellektuellen</strong> anstrebe, sondern nur die demütige Arbeit eine ETHIKERS leiste, kann ich damit leben, denn für das Expertentum gibt es zum Glück ja bereits die echten Expert*innen, denen ich als skeptischer Freund der Aufklärung für ihre unermüdliche, präzise Arbeit sehr zu Dank verpflichtet bin. Nun merke ich, dass ich beginne, für die ausgelagerte Einführung eine neue Einführung zu schreiben und ich schon im Hinterkopf zu denken beginne, dass diese vielleicht ausgelagert werden sollte. Daher breche ich hier abrupt ab und fange mit der ehemaligen Einführung eines anderen Textes an – die Demuts-Anführungszeichen des <strong>Amateurs</strong> immer mitgedacht. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f609.png" alt="😉" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /><br></p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Die Sorge um UNSERE Demokratie</h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-c5105df4e899311ab1439111da8f33be" style="color:#000000">Heute liest man überall und ständig vom »Angriff auf die Demokratie« oder dem »Niedergang der Demokratie« und überall macht sich die <strong>Sorge</strong> breit, dass bei uns – in Deutschland – und in der sogenannten »<strong>Westlichen Welt</strong>« eine »<strong>friedliche Ära</strong>« zu Ende gehen und die Demokratie durch einen neuen <strong>Autoritarismus</strong> oder <strong>Faschismus</strong> ersetzt werden könnte.</p>



<p>Dabei muss zunächst einmal festgehalten werden, dass wir auf die eine oder andere Art während der friedlichen demokratischen Ära in Europa und in den USA immer billigend in Kauf genommen haben oder gar darauf hingewirkt haben, dass in <strong>anderen Teilen der Welt</strong> gerade <strong>unfriedliche, undemokratische Zustände herrschen</strong> – im Dienste unseres Wohlstands und Friedens. Die besondere Verfasstheit unserer kapitalistischen Demokratien bringt es mit sich, dass wir alle uns – als Bürger*innen, Arbeitende, Kund*innen – ständig die Hände schmutzig machen oder diese gar in Blut tauchen (sie baden gerade ihre Hände drin), selbst wenn wir das Gegenteil wünschen.</p>



<p>Doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Ich komme an anderer Stelle aber sicher noch einmal darauf zu sprechen. Hier geht es mir um den derzeitigen Zustand unserer Demokratie in Deutschland. Was ist da los?</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Der Zustand der formalen Demokratie</h2>



<p>Formal scheint sich auf den ersten Blick wenig geändert zu haben. Parteien treten zu Wahlen an und werden gewählt. Koalitionen werden vereinbart, eine Regierung wird gewählt. Die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2025 lag bei 82,5%, ein Wert, der zuletzt 1987 übertroffen worden ist. Unsere <strong>formale Demokratie</strong> ist also (noch) <strong>intakt</strong> – oder?<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Wer hat denn die Wahl?</h3>



<p>Formale Demokratie dient vor allem der <strong>Legitimierung</strong> einer Regierung durch das Volk, bzw. durch diejenigen, die abstimmen dürfen, was ein erheblicher Unterschied ist. So dürfen <strong>junge Menschen</strong> meist nicht wählen, da hier davon ausgegangen wird, dass ihnen die Reife für eine Entscheidung fehle, was eine problematische Annahme sein kann, da es auch die Frage zulässt, welche Reife einige Menschen über 18 aufweisen. Auch werden so <strong>Familien</strong> unterrepräsentiert – oder? Obwohl hier der Hauptteil der Last zur Erneuerung der Gesellschaft (Kinder erziehen und finanzieren) geleistet wird, erscheinen Familien im Wahlrecht meist als Paare – richtig oder falsch? Aber das ist ein anderes Thema.<br>Frauen dürfen erst seit 1918 wählen. Die NSdAP hat dafür gesorgt, dass Frauen zwischenzeitig aus dem politischen Leben verschwunden sind, ihr passives Wahlrecht war faktisch erloschen. Merke: Frauenfeindliche Handlungen sind ein Grundpfeiler sogenannter rechter Politik – damals wie heute.<br>In den USA sind z. B. Gefängnisinsassen und Vorbestrafte je nach bundesstaatlicher Regelung von Wahlen ausgeschlossen, was dazu führt, dass die rassistisch motivierte Masseninhaftierung vieler <strong>Black, Indigenous, and other People of Color (BIPoC)</strong> dazu führt, dass diese aus der Demokratie ausgeschlossen werden. Hier in Deutschland herrschen diese Zustände nicht (Gefängnisinsassen dürfen wählen), doch viele Menschen, die hier leben, haben keinen Zugang zur Demokratie, weil sie nicht Bürger*innen unseres Staates sind. <strong>Migration</strong> ist seit jeder einer der blinden Flecken bzw. bewussten Ausschlüsse unserer formalen Demokratie. <mark style="background-color:rgba(0, 0, 0, 0)" class="has-inline-color has-custom-wei-color">MIGRATION</mark></p>



<h3 class="wp-block-heading">Legitimieren und repräsentieren</h3>



<p>Bei uns herrscht, wie in modernen nationalen Flächenstaaten üblich, eine repräsentative Demokratie. Wir <strong>legimitieren</strong> bei der Wahl also nicht direkt die Regierung, sondern wir wählen ein Parlament, das uns <strong>repräsentieren</strong> soll. Dabei ist natürlich auch hier fraglich, auf welche Weise die Mitglieder des Parlaments die Bevölkerung repräsentieren. Statistisch entsprechen die Parlamentarier*innen der Bevölkerung in keiner Weise, was Bildungsstand, Beruf, Vermögen etc. angeht. Vereinfacht und ein klein wenig euphemistisch könnte man sagen, dass sich ein Teil der privilegierteren Bevölkerungsschichten sich zur Verfügung stellt auch die Menschen der weniger privilegierten Bevölkerungsschichten zu repräsentieren, weil Menschen aus diesen Schichten es selten schaffen, selbst ins Parlament zu kommen, da ihnen Voraussetzungen und Ressourcen fehlen. Ein großer Teil der Bevölkerung ist also nicht theoretisch, aber schon de facto vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen. All das stimmt natürlich nicht für jeden Einzelfall, sondern statistisch und ist nur eine der vielen Nebenbemerkungen zur formalen Demokratie.</p>



<p>Seit den 70er Jahren werden zunehmend politische Konstrukte geschaffen, die Parlamente aus der politischen Willensbildung ausschließen oder sie zumindest weiter davon entfernen. So gibt es Treffen mächtiger Nationen wie die <strong>G7</strong> (bzw. G8) und das Treffen der größten Unternehmen wie das <strong>Weltwirtschaftsforum</strong> in Davos, wo die ganz große Wirtschaft die große Politik zum Vortanzen einlädt. In der EU und in anderen bi- oder multilateralen Zusammenhängen werden die meisten wichtigen Entscheidungen von den Regierungsführer*innen getroffen, was übrigens auch zum Bedeutungsverfall des deutschen Außenministeriums beigetragen hat. Die eigentlichen politischen Entscheidungen werden also immer weiter vom <em>demos</em>, dem Wahlvolk entfernt.</p>



<p>Aber auch die Parlamente selbst sind weit entfernt vom <strong>Wahlvolk</strong>. So hat das Volk nur einen sehr <strong>geringen Einfluss</strong> auf das politische Tagesgeschehen, anders als <strong>Unternehmen</strong> und <strong>Lobbyverbände</strong>, die tagtäglich Einfluss auf Entscheidungen nehmen können – durch Meetings, »bedingungslose« Spenden und Plug-and-Play-Gesetzestexte, die von der eigenen Rechtsabteilung der Regierung großzügig zur Verfügung gestellt werden. Das Ergebnis ist, dass die Politik sehr oft kaum die Bedürfnisse und Wünsche der Bevölkerung im Blick hat, sondern Ziele verfolgt, die diesen oft geradezu entgegengesetzt sind. Das ist nicht immer ein Fehlverhalten einzelner Abgeordnete*r, sondern das ist ein <strong>strukturelles Problem</strong>. Es hat sich dadurch allerdings in der wahlübergreifenden Parlamentsmehrheit anscheinend die Leitidee durchgesetzt, dass das Volk <strong>aktiv</strong> nur <strong>legitimieren</strong> <strong>soll</strong> und <strong>darf</strong> und <strong>passiv</strong> <strong>regiert</strong> werden <strong>möchte</strong> und <strong>muss</strong>, was in enger und vertrauensvoller <strong>Absprache</strong> mit großen <strong>Wirtschaftsakteuren</strong> geschieht, die man als die eigentliche tragende <strong>Säule</strong> unserer <strong>Gesellschaft</strong> ansieht. Das mag etwas überspitzt und polemisch sein, ist aber wohl doch viel zu nahe an der <strong>Wirklichkeit</strong>, um wirklich witzig zu sein.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Blutet die formale Demokratie aus?</h3>



<p>Seit vielen Jahren <strong>entkoppelt</strong> sich in Deutschland die <strong>Zivilgesellchaft</strong> zunehmend von den <strong>Parteien</strong> und <strong>Gewerkschaften</strong>, was man an den Mitgliedszahlen sehen kann: CDU (1990 750.000, Peak nach der »Wiedervereinigung«, jetzt knapp 357.000), SPD (1990 knapp 950.000, jetzt gut 348.000), FDP (1990 179.000, jetzt 69.000), Deutscher Gewerkschaftsbund (11,8 Mio. nach der WV, jetzt knapp 5,6 Mio.). <br>Nur bei Bündnis 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN (ehemals PDS &amp; WASG) ist in den letzten Jahren ein Aufwärtstrend zu erkennen. Die AfD als Neugründung verzeichnet natürlich auch Wachstum (Gründung 2013 10.000 Mitglieder, jetzt 70.000). Allerdings fangen die Zahlen der wachsenden Parteien in keiner Weise die Einbußen der anderen Parteien auf.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung von Alternativen und deren Probleme</h3>



<p>Das <strong>Parteiensystem</strong> verliert also an <strong>personellem Rückhalt</strong> in der Bevölkerung. Das bedeutet, dass ein Teil der politischen Agenda nicht unbedingt in den Parteien verhandelt wird, sondern irgendwo außerhalb von ihnen. So nahm z. B. die Anzahl der <strong>Nichtregierungsorganisationen (NRO bzw. englisch NGO)</strong> seit den frühen 90ern erheblich zu und ihr Einfluss auf die Politik stieg erheblich. Während die politische Willensbildung bei den Parteien eher unspezifischer und allgemeiner wird (die SPD ist keine Arbeiterpartei mehr, die Grünen keine Öko- und Friedenspartei etc.), wird sie außerhalb der Parteien spezifischer. Für jedes politisches Ziel gibt es gleich eine Vielzahl von Organisationen. Auch hier gibt es leider Demokratieprobleme: NGOs des globalen <strong>Nordens</strong> dominieren die NGOs des globalen <strong>Südens</strong> und stechen sie oft bei <strong>Verhandlungen</strong> und in der <strong>Berichterstattung</strong> aus. Zudem sind die Mitglieder und Unterstützer*innen zwar finanziell, aber nicht unbedingt inhaltlich an der Arbeit der NGO beteiligt. Viele NGOs agieren eher wie Unternehmen.</p>



<p>Hinzu kommt der <strong>Umbau der Medienlandschaft</strong>. Fernsehen und Zeitungen verlieren massiv an Einfluss, Online-Medien und Social Media wachsen enorm – vor allem seit der Massenverbreitung des Smartphones. Das bedeutet aber nicht, dass die Meinungsbildung dadurch dezentraler und demokratischer wird. Im Gegenteil: Die Meinungsbildung wird von den Algorithmen einiger weniger Tech-Konzerne bestimmt und diese provozieren immer heftigere Kontroversen, was sich in Falschmeldungen und Hasskommentaren niederschlägt. Der Twitter-Traum des arabischen Frühlings ist ge-X‑t worden. Bestehende Alternativen wie das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fediverse" target="_blank" rel="noreferrer noopener">FEDIVERSE</a> werden von den Menschen leider kaum genutzt, da dahinter kein/kaum Kapital steckt und somit keine große Werbekampagnen möglich sind. Daher bleiben alle Menschen dort, wo auch die anderen Menschen sind – bei den Konzernen. Auch ich biete aus diesem Grund Inhalte über Meta-Plattformen an, obwohl ich das sehr gerne beenden möchte. Doch dafür müssen die Menschen nach und nach dorthin wechseln, wo ihre Rechte respektiert werden und keine Algorithmen vorherrschen, die Hass fördern.</p>



<p>Im Zuge dieser allgemeinen Medien-Entwicklung haben <strong>politische Online-Kampagnen</strong> stark zugenommen (z. B. <a href="https://www.openpetition.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">OpenPetition</a>, <a href="https://weact.campact.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">WeAct</a> von <a href="https://www.campact.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">campact</a>, <a href="https://www.change.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">change.org</a>, <a href="https://secure.avaaz.org/page/de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Avaaz</a>, <a href="https://innn.it/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">innn.it</a>). Sie schaffen es, in Rekordtempo die Zustimmung vieler unterschiedlicher Menschen zu einem politischen Vorhaben einzusammeln. Allerdings ist die Kehrseite dieser <strong>digitalen Leichtigkeit</strong> eine <strong>analoge Unverbindlichkeit</strong>. Das bedeutet, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Klicken einer Seite und dem Einsatz in echten Gesprächen und sozialen Zusammenhängen für eine politische Sache. Ich treffe weder <strong>Verbündete</strong> noch <strong>Gegner*innen</strong> und bleibe <strong>allein</strong> und <strong>privat</strong>. Das ist nicht der Fehler dieser Portale. Sie sind eine tolle Ergänzung politischer Willensbildung, sie können diese aber nicht vollständig ersetzen.<br><br>An dieser Stelle möchte ich die Analyse der formalen Demokratie abbrechen, da hier eine Skizze vollkommen ausreicht. Als skizzenhaftes Fazit würde ich sagen: Die formale Demokratie ist nicht am Ende und erneuert sich sogar an einigen Stellen, hat aber unter dem Strich deutlich an <strong>Verbindlichkeit</strong> und »<strong>analoger</strong>« <strong>Reichweite</strong> verloren.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Rechter Vormarsch?</h2>



<h3 class="wp-block-heading">Politische Handlungen beschreiben statt Identitäten</h3>



<p>Eigentlich halte ich nicht viel davon, das <strong>Politische Feld</strong> in drei Unterfelder bzw. »<strong>Lager</strong>« aufzuteilen: Links, Mitte, <strong>rechts</strong>. Solche Allgemeinbegriffe erleichtern natürlich ungemein die Kommunikation. So kann ich in einem Gespräch schnell erfahren, ob eine andere Person eher zu meinen Ansichten tendiert oder nicht, denn ich kann davon ausgehen, dass ihre Vorstellung des dreiteiligen politischen Feldes große Ähnlichkeit mit der meinen haben wird und so können wir uns beide auf einer groben politischen Mindmap positionieren. Allerdings werden diese Begriffe natürlich auch oft benutzt, um andere Menschen aus einem <strong>Diskurs auszuschließen</strong>: der eine ist zu links, der andere zu rechts, Menschen in der Mitte haben keine Meinung etc. Zudem sind diese Zuweisungen oft auch nicht sehr präzise: <strong>Antisemitismus</strong> kommt zum Beispiel in Deutschland zumindest teilweise in allen drei Lagern vor.</p>



<p>Zudem ist das Zuordnen zu Lagern eine Handlung, die Menschen eine <strong>Identität</strong> zuschreibt, die nachhaltig <strong>ausschließend</strong> und <strong>verurteilend</strong> wirken kann. Das Ziel demokratischer Politik ist es aber, VERBÜNDETE zu finden und nicht Menschen von jeder zukünftigen Zusammenarbeit auszuschließen.</p>



<p>Daher finde ich es wichtig, <strong>Handlungen in Wort und Tat</strong> zu beschreiben, die im politischen Feld vollzogen oder propagiert werden, ohne notwendiger Weise Menschen mit festen Identitäten zu belegen. Warum jemand zum Beispiel gegen Migrant*innen hetzt, kann sehr unterschiedliche Gründe haben, die Handlung ist aber in jedem Fall die gleiche und dieser muss begegnet werden. Auch müssen solche Handlungen <strong>Konsequenzen</strong> haben, doch die Menschen müssen nicht notwendiger Weise auf ewig <strong>verdammt</strong> werden. Das ist eine der schwersten Prämissen demokratischer Politik, denn von <strong>Rachegefühlen</strong> und <strong>Zorn</strong> sind wir angesichts <strong>grausamer Handlungen</strong> alle nicht frei.</p>



<p>Viele der <strong>Handlungen</strong>, die als »<strong>rechte Politik</strong>« beschrieben werden, gehören eher in den Bereich der <strong>Kriminalität</strong> oder doch zumindest der <strong>Gewalt</strong>. Anderen Menschen Schaden zufügen zu wollen ist noch keine Politik, sondern die Ausübung verbaler Gewalt und die Aufforderung zu physischer Gewalt. Diese physische Gewalt nimmt auch faktisch zu (z. B. gegen queer oder jüdisch gelesene Menschen).</p>



<p>Das, was wir als »rechte« politische Handlungen in Wort und Tat verstehen können, scheint stetig zuzunehmen. Allerdings müssen wir hier auch ein wenig aufpassen. Denn – wie oben skizziert – führt der Umbau der Medienlandschaft dazu, dass Hass und Gewalt sich dort schneller und präsenter ausbreiten können als andere Handlungen im digitalen Raum. Zudem muss hier auch angemerkt werden, dass es in dieser Sache immer schon eine Schieflage bei den Medien gab. Sie hat nur weiter zugenommen.</p>



<p>»Inhaltlich« geht es dabei um Forderungen nach <strong>weniger Demokratie</strong>, <strong>weniger Rechten für Frauen</strong>, <strong>weniger Rechten für Minderheiten</strong>, <strong>weniger Miteinander</strong>, mehr <strong>Wettbewerb</strong> und <strong>Existenzkampf</strong>. Es wird eine <strong>starke Führung</strong> gewünscht und die stete <strong>Vermögensumverteilung von unten nach oben verteidigt</strong> und <strong>gefördert</strong>. Man macht sich stark für die <strong>Fiktion</strong> eines <strong>nationalen Volkes</strong> und somit auch für den <strong>Kampf</strong> gegen alle, die diesem Volk nicht angehören.</p>



<p>Diese Handlungen in Wort und Tat, die wir der Einfachheit halber als »rechte« bezeichnen, sind in keiner Weise neu. In der einen oder anderen Form waren sie auch früher im Alltag von Bundesrepublik und DDR immer präsent und nicht nur heute scheint es eine formale Mehrheit im Parlament für einige dieser Forderungen zu geben. Viele rechte Talking Points waren (zumindest in Westdeutschland, wo ich mich etwas besser auskenne) früher ganz normal im konservativen und zum Teil auch im sozialdemokratischen Lager. Hetze gegen »Minderleister*innen«, »Andersartige« (»Gammler«, »Schwule«, »Transmenschen« oder wer gerade zum Ziel gemacht wird) oder sogenannte »Ausländer*innen« hat es immer gegeben und wird es wohl leider auch in Zukunft noch einige Zeit geben.</p>



<p>Gedankenexperiment: Nehmen wir an, die CDU würde sich bei der nächsten Bundestagswahl knapp gegen die AfD durchsetzen und dann eine Koalition mit ihr vereinbaren. Wie groß wäre der Unterschied zur CDU/CSU der 60er Jahre? </p>



<p>Damals haben CDU und CSU ein weites politisches Spektrum eingebunden, das ganz sicher auch die meisten Menschen umfasst hat, die heute AfD wählen würden. Das war auch ein Verdienst, denn so wurden weite Teile der Bevölkerung an der politischen Willensbildung beteiligt. Ob es dazu geführt hat, dass die Menschen in der Breite nach und nach demokratischer geworden sind, muss zumindest bezweifelt werden, wenn man sieht, dass sich die Mentalität in weiten Teilen der Bevölkerung nicht entscheidend verändert hat.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Das politische Spiel ändert sich</h3>



<p>Der Hauptunterschied zwischen damals und heute liegt darin, dass sich das <strong>politische Spiel</strong> geändert hat: <strong>anderes Spielfeld</strong>, <strong>andere Regeln</strong>.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>So gibt es seit der »Wende« (im weitesten Sinne) keine Alliierten und keine Sowjetunion, die mit massiver Militärmacht im Land darüber wachen, was aus Deutschland wird. In Osteuropa ist die Sowjetunion verschwunden, die mit ihren »verbündeten« Staaten formal ein Gegenmodell zum Kapitalismus westlicher Prägung darstellte und somit hier indirekt die Idee einer gemäßigten <strong>Sozialdemokratie</strong> weit über die Grenzen der SPD hinaus förderten, da die natürliche <strong>soziale Kälte</strong> des Kapitalismus die Menschen nicht in die Arme des Kommunismus treiben sollte. Damit einher ging auch ein Rückgang der Behauptungen, man kämpfe im Westen »für Demokratie und Menschenrechte« (unabhängig davon, wie ehrlich das je gemeint war).</li>



<li>Nach dem Untergang der Sowjetunion wurde in den Medien eine Dauerkampagne gefahren, die den Begriff »<strong>Sozialismus</strong>« zum universellen Schimpfwort machte und es kaum möglich machte, Alternativen zum Kapitalismus in seriösen Medien zu diskutieren. Das lag auch an einem Schwenk von liberalen Medien der »Mitte«, die weniger interessiert daran waren, eine bürgerrechtliche Brücke zur sozialdemokratischen oder sozialistischen »Linken« zu bauen, sondern stattdessen die wirtschaftsliberale Brücke zur »Rechten« ausbauten. Die <strong>ZEIT</strong> ist ein gutes Beispiel dafür. In der Politik entspricht dem die Zeit der »<strong>Helmutisierung</strong>«. Unter Helmut Schmidt löste sich Ende der 70er der Begriff des »<strong>Sozialliberalen</strong>« faktisch in Wohlgefallen auf, was schließlich den Weg für die geistig-moralische Wende unter Helmut Kohl frei machte (durch den Wechsel der FDP ins CDU/CSU-Lager), was am Ende dann doch nicht viel anderes war, als die Fortführung des Neoliberalismus unter Helmut Schmidt – mit anderer Ästhetik. Der sozialdemokratische bzw. sozialiberale Zeitgeist wich dem neoliberalen.</li>



<li>In Ostdeutschland, damals noch <strong>DDR</strong>, wurde die <strong>selbst erkämpfte</strong> formale <strong>Demokratie</strong> fast sofort entwertet und entsorgt. Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine kurze Zeit in Ostdeutschland, also der DDR, gab, als dort eine selbstständige Demokratie herrschte. Im sogenannten »Palast der Republik« tagte das erste frei gewählte Parlament der DDR. Davon ist in der Erinnerungskultur wenig übrig geblieben. Das Parlamentsgebäude der DDR wurde aus »Asbestgründen« durch die Fake-Version des preußischen Stadtschlosses ersetzt – eine doch recht fragwürdige Aktion eines demokratischen Staates und zugleich ein ganz gutes Symbol für das, was uns heute solche Sorgen bereitet.</li>



<li>Die Bedingungen des Wirtschaftens haben sich seit den 90ern drastisch verändert. Die <strong>Finanzwirtschaft</strong> entkoppelte sich nach und nach von der <strong>Produktionswirtschaft</strong>. Dadurch wurde der Drang zum Wachstum weiter ins Unermessliche hochgeschraubt und das Risiko von Wirtschaftskrisen wurde deutlich erhöht.</li>



<li><strong>Große Vermögen</strong> wurden aus der Finanzierung des Staates weitgehend ausgeklammert, was den <strong>Staat</strong> nach und nach in Schwierigkeiten brachte. In der rot-grünen Regierung Ende der 90er Jahre sprach der damalige Finanzminister Eichel unablässig vom notwendigen Engerschnallen des Gürtels. Bis heute wird diese staatszersetzende Politik mit einfachen Ablenkungsmanövern und zweifelhaften Argumentationen verteidigt.</li>



<li>Aufgrund des vorgenannten Punktes wurde der <strong>Staat</strong> nach und nach <strong>geschwächt</strong>, teilweise durch <strong>Privatisierung</strong>, teilweise durch <strong>Streichung</strong> öffentlicher Stellen und Dienstleistungen. Das Ergebnis ist, dass wir den Staat als unfähig und überfordert wahrnehmen (Beispiele: Deutsche Bahn, Bürgerämter, Digitalisierung …). Gleichzeitig muss der Staat aber auch immer mehr Aufgaben erfüllen, was am Ende zur Stabilisierung der Beschäftigungsquote des Öffentlichen Dienstes führt, mitunter aber unter deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen.</li>
</ul>



<p>All dies hat den »<strong>Vormarsch der Rechten</strong>« vorbereitet und gefördert. Diesen möchte ich hier nicht verharmlosen. Schon jetzt spüren viele Menschen die <strong>Gewalt</strong>, die damit einhergeht. Doch ich möchte mich auch nicht dem <strong>Defätismus</strong> verschreiben und weiteren Doom-Scrolling-Content produzieren.</p>



<p>Ich glaube nämlich, dass die aktuellen Auswüchse »rechter« Gewalt – ob verbal oder physisch eine Art <strong>Letztes Gefecht</strong> darstellen von einer Gruppe, die wir der Einfachheit halber als »<strong>die weißen Männer</strong>« beschreiben können. Dieser politische Begriff bedarf meiner Meinung nach einer kurzen Erklärung. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass alle Menschen, die als männlich und als weiß gelesen werden, »rechte« Politik machen, unterstützen oder mögen. Viele Menschen, die in diese Kategorie fallen, sind ganz anderer Meinung und setzen sich vehement für ganz andere Ziele ein. Ich selbst zähle mich dazu.<br>Zudem ist es natürlich auch nicht so, dass »rechte« Politik nur von Menschen dieser Kategorie getragen wird. Auch Frauen, nicht-weiße Männer, Schwule etc. finden sich bei den Unterstützer*innen und auch Täter*innen politischer Gewalt.<br>»<strong>Weiße Männer</strong>« ist eine <strong>Verkürzung</strong>, um einen komplexen politischen Sachverhalt auf das Wesentliche zuzuspitzen. Mein alter römischer Kollege Marcus Tullius <strong>Cicero</strong> würde hier zu recht fragen: »Cui bono?« Wer zieht einen Vorteil daraus? Schaut man sich das an, was »rechte« Politik genannt wird (siehe oben), dann müssen wir feststellen, dass es im Kern darum geht, die althergebrachte Hegemonie gegen den Fortschritt zu verteidigen, ja sie dem Fortschritt wieder zu entreißen. Dabei geht es um die Herrschaft des globalen Nordens über den globalen Süden, der Weißen über die Nicht-Weißen, der Männer über die Frauen, der »Normalen« über die »Anderen« etc. Die mächtigste Gruppe und diejenige, die am meisten profitiert, ist die der »weißen (alten) Männer«. Daher ist in der offenen politischen Auseinandersetzung diese <strong>polemische Zuspitzung</strong> völlig in Ordnung. Da dies hier eher ein politischer als ein theoretischer Text ist, verwende auch ich diese Zuspitzung. In anderen Zusammenhängen und auf anderen Ebenen der Reflexion lohnt sich jedoch eine differenzierter Darstellung des Sachverhaltes, auch um zu vermeiden, dass sich Menschen angegriffen fühlen, die sich für die Demokratie engagieren oder sie aufgrund körperlicher Merkmale aus Diskursen auszuschließen oder sie unter Generalverdacht zu stellen.</p>



<p>Die Menschen, die eine Politik der »Weißen Männer« befürworten, unterstützen oder betreiben, haben sich in den letzten Jahren nach und nach <strong>öffentlich</strong> zu erkennen gegeben. Offenkundig waren sie aber schon vorher da, doch sie haben sich nicht öffentlich geäußert und haben sich oftmals neutral verhalten. Das ist nun vorbei. Ihr Aufbegehren erschöpft sich aber auch meiner Meinung nach in dem, was wir sehen. Was derzeit ihre Stärke über ihre eigentlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten hinaus steigert, sind drei Dinge:</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>die Unterstützung durch einige <strong>Unternehmen</strong>, die offenbar die Demokratie als Hürde für die weitere Entfesselung des eigenes Wachstums (nicht etwa dem der Volkswirtschaft) sehen.</li>



<li>die »<strong>politische Ausgeschlossenheit</strong>« der Konservativen gegenüber »rechter« Politik. Bereits jetzt fangen sie an, die Agenda der »Rechten« in Wort und Tat umzusetzen. Zum Teil geschieht das aus Überzeugung, zum Teil aus skrupellosem Opportunismus und zum Teil wird es aus taktischen Gründen geduldet. Die Konservativen der dritten Gruppe, die ich »<strong>konservative Demokrat*innen</strong>« nennen möchte und deren Größe ich derzeit nicht einschätzen kann, ist eventuell bald das Zünglein an der Waage und mit ihr muss geredet werden, statt sie als »Nazis« zu verdammen. Den konservativen Demokrat*innen muss klargemacht werden, dass hier mehr auf dem Spiel steht als Parteikarrieren und Wahlergebnisse. Da sie Demokrat*innen sind, bin ich sicher, dass konstruktive Gespräche möglich sind.</li>



<li>Die <strong>Verunsicherung der Demokrat*innen</strong> jenseits der Konservativen und ihre <strong>Enttäuschung</strong>, die sie angesichts der formalen Demokratie erleben. Ich möchte nicht sagen, dass es keinen Widerstand gibt. Das würde die <strong>energische</strong> und <strong>stetige Demokratiearbeit</strong> so vieler Menschen in diesem Land schmälern und beleidigen. Doch ich glaube, dass sie es leichter hätten, wenn mehr Menschen nicht nur wüssten, <strong>wogegen</strong> sie sind, sondern auch <strong>wofür</strong>. Es fehlt oft eine <strong>Vision</strong>, die über die etwas erschöpfte und ausgehöhlte formale Demokratie hinausgeht. Dadurch fühlen wir uns oft ohnmächtig und dem Zeitgeist ausgeliefert, fühlen uns so, als wären wir irgendwann im »<strong>falschen Universum</strong>« aufgewacht und könnten das <strong>Portal</strong> nicht finden, das uns zurückbringt.<br></li>
</ol>



<p>Wir vergessen bei all der Sorge und Verzweiflung leicht, dass dieser Ausbruch <strong>willkürlicher</strong> und grausamer <strong>politischer Gewalt</strong> ein Rückzugsgefecht ist, ein letztes Aufbäumen angesichts <strong>faktischer Fortschritte</strong>, die es in den letzten Jahren eben auch gegeben hat.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Die helle Seite der Macht</h2>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Die Wahrheit ist: Seit den 90er Jahren hat sich politisch auch ungeheuer viel Gutes getan. Mach dazu gerne ein kleines Experiment. Schau dir beliebte Filme der 80er und 90er Jahre an und achte darauf, wie oft du denkst: »Wow, krass, das ist wirklich gestrig!« Ob es um die fast zwanghaft in Filmen verbaute Homophobie geht oder die Geschlechterrollen: Wie benehmen sich Männer? Kommen Frauen überhaupt vor? Dürfen sie sprechen? Worüber sprechen sie? Sind sie aktiv oder passiv? Kommen nicht-weiße Menschen vor? Wie werden sie dargestellt? Für alle, die – wie ich – alt genug sind, dass diese Filme mal zeitgenössisch für sie waren, ist das Gefühl des Zeitgenössischen erloschen. Wir leben nun in einer anderen Zeit – und das ist gut so! Das, was die »Rechten« als »<strong>Wokeness</strong>« verabscheuen, ist nichts anderes als der <strong>größte und schnellste zivilgesellschaftliche Fortschritt aller Zeiten</strong>. Noch nie zuvor hat es die Menschheit geschafft, sich so <strong>schnell</strong>, <strong>effizient</strong> und vor allem <strong>kooperativ</strong> um globale Herausforderungen zu kümmern. Natürlich sollte es noch schneller gehen und natürlich ist es so, dass die Zustände so sind, dass uns die Zeit davon läuft, doch trotzdem muss man diesen Fakt festhalten. Globale Demokratie kann funktionieren – schnell, effizient und kooperativ.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="100" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/pfeilnachoben_ccc.png" alt class="wp-image-1774" style="width:29px;height:auto"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Die Demokratie wird siegen</h2>



<p>Die Schnelligkeit dieser Veränderungen lässt aber einige Menschen gerade überreagieren. Der Kampf gegen die »Wokeness« ist nichts anderes als ein Last Stand »weißer Männer« und ihrer Verbündeten gegen Frauen, Nicht-Weiße und »Andersartige«, darunter auch viele andere weiße Männer, gegen Umwelt- und Klimapolitik, um einen <strong>Status Quo der Macht</strong> zu verteidigen, der schon längst verloren schien. Was wir gerade sehen und erleben – in all seiner Grausamkeit, Verbissenheit, Hassfülle und Absurdität – ist der wilde Kampf einiger weniger, um eine gestrige Welt zu retten, die es so, wie sie sie sich vorstellen, ohnehin nie gegeben hat. Es ist der Last Stand – das letzte Gefecht – von Menschen, die Angst davor haben, ohne Gewalt mit allen anderen Menschen auskommen zu müssen. Ihre Vehemenz, die Unterstützung durch andere und die Unentschlossenheit ihrer Gegner*innen könnte sie zu einem vorübergehenden Sieg in der Schlacht führen, was für viele Menschen fürchterliche Konsequenzen hätte. Doch die oben skizzierte Entwicklung werden sie letztlich nicht zurückdrehen können.</p>



<p>Gesellschaften funktionieren letztlich nicht durch <strong>Agon</strong>, also Wettkampf oder Wettstreit. Diese können in gesicherten Zonen vorkommen, aber wenn sie zum <strong>Wesen</strong> einer <strong>Gesellschaft</strong> werden, dann wird sie zersetzt. Es ist wie bei dem Spiel mit dem unsäglichen Namen »Reise nach Jerusalem« (oder Stuhltanz). Wenn es nur um <strong>Siegen</strong> oder <strong>Verlieren</strong> geht, dann sitzt am Ende einer oder eine und alle anderen schauen <strong>verletzt</strong> zu. Das ist dann keine Gesellschaft mehr. Gesellschaft lebt von <strong>Kooperation</strong>.<br><strong>Autoritäre Gesellschaften</strong> überleben eine Zeit lang durch unterdrückte, verheimlichte, stille, eingeschränkte und erzwungene Kooperation (über viele Jahrhunderte eine der Hauptaufgaben der Frauen), doch ihre agonistische Grundstruktur bringt nach und nach das gesellschaftliche Leben zum Erliegen.<br><strong>Demokratische Gesellschaften</strong> sind im besten, »idealen« Fall durch freiwillige, offene und freundschaftliche Kooperation geprägt. <br>Das ist der Grund, warum <strong>Demokratien</strong>, so kompliziert sie auch manchmal sein mögen, letztlich <strong>unschlagbar</strong> sind.</p>



<p><br>Max Goldt sagte einmal, dass auch in der Nazi-Zeit zwölfmal Spargelzeit war, um darauf hinzuweisen, dass natürlich das »normale« Leben – soweit möglich – auch dann weitergeht, wenn das Böse regiert. Alltag ist immer. Der Satz sagt aber auch, dass selbst das schlimmste Böse nur eine kurze Zeit hat, um Menschen Leid zuzufügen und niemals das Leben aller vollständig erfassen kann. Die Nazizeit ist kein »Fliegenschiss« in der Geschichte, wie sie AfD-Mitglied (und übrigens früheres CDU-Mitglied) Alexander Gauland zynisch bezeichnet hat. Wir sollten uns daher wirklich Sorgen machen, dass dieses derzeit stattfindende »<strong>Letzte Gefecht</strong>« schreckliche Konsequenzen für viele Menschen haben könnte. Darum ist der <strong>Widerstand</strong> so wichtig, um dies zu verhindern.</p>



<p>Doch es besteht auch kein Anlass, den Mut zu verlieren: <strong>Lügen</strong>, <strong>Gekreische</strong> und <strong>Gebrüll</strong> voller <strong>Hass</strong> und <strong>Gewalt</strong>, die sich als Politik bezeichnen, sind nur der <strong>kakophonische Abgesang</strong> auf die »<strong>Gewaltherrschaft des weißen Mannes</strong>«. <br>Ich weiß nicht, wie viele <strong>Opfer</strong> er fordern wird, aber ich bin gewiss, dass die <strong>Demokratie siegen</strong> wird.</p>
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		<title>Was »Demokratie« (uns) bedeutet [#002]</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Croonenbrook]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 23:22:33 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Wenn man "Demokratie" neu fassen möchte, dann sind Begriffsgeschichte und Etymologie ein guter erster Schritt. Dabei zerlegen wir das Wort in seine Bestandteile: "Demos" und "Kratos".  Im Altgriechischen und im Deutschen loten wir das Bedeutungsfeld rund um "Demokratie" aus, um einen Steinbruch zu gewinnen, den wir in der Theoriebildung nutzen können.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h1 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Was »Demokratie« (uns) bedeutet</mark></h1>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie01.png" alt class="wp-image-2421" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie01.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie01-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie01-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-8fb02cd92ed1528314dfd4e4d77f970e" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Der Witz von »Demokratie« ist, dass sie allen »Beteiligten« etwas anderes bedeutet. Demokratisch Wirklichkeit entsteht erst im Zusammenspiel dieser Positionen.</mark></p>



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<div class="wp-block-group is-content-justification-center is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-23441af8 wp-block-group-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="512" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock.png" alt class="wp-image-1915" style="width:25px" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock.png 512w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock-300x300.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock-150x150.png 150w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px"></figure>


<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">14–22&nbsp;Minuten</div>


<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="512" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper.png" alt class="wp-image-1916" style="width:25px" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper.png 512w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper-300x300.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/paper-150x150.png 150w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px"></figure>


<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">3.413&nbsp;Wörter</div></div>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Demokratische Philosophie – eine theoretische Quest</mark></h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-48373919be0a739a7a7539d857be4845" style="color:#000000">Nachdem ich mir meine sorgenvollen, aber optimistischen Gedanken zur Krise der formalen Demokratie im letzten Artikel von der – fast hätte ich Seele gesagt – geschrieben habe, kümmere ich mich nun um eine erste skizzenhafte Bestimmung von dem, was ich ich unter Demokratischer Philosophie verstehe.</p>



<p><strong>Demokratische Philosophie</strong> ist übrigens kein selbstverständlicher Begriff. Philosoph*innen waren in der Geschichte meistens nicht auf der Seite der Demokratie, allen voran der oft als totalitär verschriene <strong>Platon</strong>, auf den ich mich paradoxer Weise im Laufe meiner Untersuchungen immer wieder beziehen werde. Philosophie und Demokratie passen nicht gut zusammen, so lange man unter Philosophie die Suche nach der einen Wahrheit über die Welt und allem darin versteht, während Demokratie immer eine Aushandlung zwischen vielen verschiedenen Meinungen, Ansätzen und Perspektiven impliziert. Dabei kann kaum eine ähnliche »reine Lehre« herauskommen wie durch die Denkarbeit eines genialen – ja, sagen wir es doch – Mannes. Denn auch das systematische Ausschließen nichtmännlicher Perspektiven verhinderte in der Philosophiegeschichte meist einen wirklichen demokratischen Ansatz.</p>



<p>Meine <strong>Theorie-Quest</strong>, die auf eine Grundlegung Demokratischer Philosophie zielt, möchte ich heute mit einer Anschau des Bedeutungsfeldes des Begriffs der Demokratie beginnen.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie03_quest.png" alt class="wp-image-2431" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie03_quest.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie03_quest-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie03_quest-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Begriffsgeschichte – ein philosophischer Zaubertrick</mark></h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-096cde9f9869fa418c9b01dbf79f9cd5" style="color:#000000">Es ist eine übliche Herangehensweise, solche Artikel mit einem Blick in die <strong>Begriffsgeschichte</strong> zu beginnen und ein wenig <strong>Etymologie (Wortherkunft)</strong> einfließen zu lassen. Das vermittelt den Leser*innen das Gefühl, die Autor*innen wüssten ganz genau, worüber sie reden. Dabei jubeln die Autor*innen im besten Fall gleich einem Zaubertrick den Leser*innen bereits die Prämissen unter, die den Artikel am Ende plausibel machen werden. Wenn die Begriffsbestimmung dann auch noch auf das Altgriechische zurückgeht, dann frohlocken viele philosophisch interessierte Leser*innen geradezu. Die alte Sprache der Philosophie und der Tragödie, erstes Idiom europäischer Demokratie! Geheimnisvoll, klassisch, antik! Der Dan Brown unter den Sprachen! Kaum jemand kann es, aber viele mögen es. Griechische Antike! Sokrates, Platon, Aristoteles, Pythagoras, Perikles, Sparta!, 300!, Alexander, der Große, Aischylos, Sophokles, Euripides, Homer, Odysseus, Achilles und … ach ja – der ständige Krieg und die wütende Pest. Wundervolle, längst vergessene Zeiten. Vielleicht mögen wir hier die griechische Antike auch so sehr, weil sie uns so weiß radiert überliefert worden ist, statt in diesen quietschbunten Farben, die ursprünglich Tempel, Stelen, Statuen und Büsten verunzierten. Die klassische Antike hat unsterbliche Wahrheiten hervorgebracht, denken wir manchmal, obwohl die Texte von einst immer fremder werden, je näher wir sie uns besehen.</p>



<p>Nun, nachdem ich mir meinen philosophischen Eröffnungszug ausreichend verdorben habe, möchte ich tatsächlich eine kurze Bestimmung des Begriffs der Demokratie vornehmen – ausgehend vom Altgriechischen! <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f609.png" alt="😉" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Der Begriff der Demokratie</mark></h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-a7f6cd6c73f9bb896cb87438a79a4839" style="color:#000000">»Demokratie« ist ein zusammengefügtes, altgriechisches Wort aus <strong>δῆμος</strong> (demos) und <strong>κράτος</strong> (kratos).</p>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-c99dd2f1ceb66ef407379dd72f355d9c" style="color:#000000">Der erste Wortteil <strong>δῆμος</strong> bezeichnete ursprünglich ein Gebiet oder Land und erst später ein Volk, das dort lebt. Früh hatte es einen abwertenden Beigeschmack wie »das einfache Volk« oder »das gewöhnliche Volk« oder »der Pöbel« – aus Sicht der damaligen Aristokrat*innen, was wohl auch heute eine im <strong>Kapitaladel</strong> weit verbreitete Sicht auf die »einfachen Menschen« sein dürfte. Demos war schließlich – im Unterschied zu&nbsp;<strong>ἔθνος</strong>&nbsp;(ethnos), was das Volk auf Basis von Verwandtschaftsverhältnissen bezeichnete – das Staatsvolk, die Gruppe von Menschen, die über die Geschicke der polis entschieden.</p>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-dda14369c269438406a03b3d68f0bb6a" style="color:#000000">Der zweite Wortteil <strong>κράτος</strong> (kratos) bedeutet soviel wie Macht oder Stärke. Im Bedeutungsfeld Macht, Gewalt und Stärke gibt es im Altgriechischen viele verschiedene Wörter, wie wir weiter unten noch sehen werden.<br>Kratos ist das Ergebnis von Durchsetzungskraft, also eine Herrschaft oder Dominanz, die durch einen Sieg (ob durch Gewalt oder andere Mittel) errungen wurde.</p>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-94c600b7e04807d52317e1350d5fddb9" style="color:#000000">Demokratie bedeutete also ursprünglich etwas ähnliches wie in der Moderne die »<strong>Diktatur des Proletariats</strong>«, das erfolgreiche Ergebnis eines Klassenkampfes – in diesem Fall zwischen dem einfachen Volk und der Aristokratie. So fantastisch das klingt, sollten wir uns aber erinnern, dass die Herrschaft des Volkes hier einige Gruppen ausschloss: Frauen waren aus der öffentliche Sphäre weitgehend verbannt. Ihre Sphäre war der <strong>οἶκος</strong> (oikos, dt. Haushalt). Daher stammt unser heutiger Begriff der Ökonomie. Auch Nicht-Bürger*innen und Sklav*innen waren ausgeschlossen. Ja, richtig gelesen. Die Attische Demokratische war eine Sklavenhalter*innengesellschaft. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f625.png" alt="😥" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-5b06d3d79a70198680e966e5fc3a388f" style="color:#000000">Abgesehen von den Unterschieden zwischen antiker und gegenwärtiger Gesellschaft: Inwiefern taugt der Begriff für unsere Zeit? Es wäre ein <strong>revolutionärer Begriff</strong>, der besagt, dass wahre Demokratie dann erreicht ist, wenn das »einfache Volk« im Kampf gegen die Aristokratie nachhaltig die Herrschaft erringt. Es ist nicht schwer, dies auf unsere Gegenwart zu übertragen. Die Demokratie kann nur wirklich funktionieren, wenn die <strong>Kapital-Aristokratie</strong> besiegt bzw. zumindest sehr stark eingeschränkt wird. Sie darf nicht mehr die Geschicke unserer formalen Demokratie entscheidend beeinflussen. Das ist nun keine besonders erhellende Erkenntnis, sondern eine Selbstverständlichkeit, ähnlich der antiken Handballweisheit: »Wenn unser Team mehr Tore wirft als das andere, dann werden wir wohl gewinnen.«</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading has-text-color has-link-color wp-elements-7a76b048c77a6d9ee4b9b5ef24bc87ba" style="color:#000000"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">»Hypytynä« oder doch einfach »Demokratie«?</mark></h2>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie02_hypytynae.png" alt class="wp-image-2428" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie02_hypytynae.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie02_hypytynae-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_002_was_bedeutet_demokratie02_hypytynae-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-cddeeec5f66aad5751fe69168256a450" style="color:#000000">Auf diesen revolutionären Demokratiebegriff komme ich vielleicht später noch einmal zu sprechen. Im Moment suche ich aber erst einmal nach einem Begriff, der auch außerhalb von Klassenkampfszenarien mehr aussagt als: Das einfache Volk herrscht. Ich werde also einen anderen Zaubertrick aus dem Repertoire der Philosophie versuchen: Die Umdeutung bestehender Begriffe. Da unsere Sprache zwar ständig in Bewegung ist und auch regelmäßig neue Wörter hinzukommen, so ist doch die Anzahl der Wörter, die den Menschen irgendetwas sagen, abzählbar. Nun ist es recht mühsam, neue Wörter viral gehen zu lassen. Wenn ich als alternativen Begriff zu »Demokratie« zum Beispiel das wunderschöne neue und deshalb noch unbelegte Wort »Hypytynä« etablieren möchte, dann wird das den Menschen zuerst einmal gar nichts sagen. Also müsste es immer und immer wieder lang und breit erklärt werden und wahrscheinlich würden selbst dann die Leute ständig vergessen, wie das Wort noch einmal genau heißt. Hüpütünü?<br>Da ist es viel leichter, einen der bereits bestehenden Begriffe zu wählen. Diese sind ohnehin selten klar definiert, sondern haben mit der Zeit eher ein ungefähres Bedeutungsfeld um sich herum angesammelt. Nun nehme ich einen solchen Begriff und verschiebe seine Bedeutung oder kombiniere bestehende Bedeutungen neu. So kann ich sagen: »Ich meine Demokratie, aber eben etwas anders, nämlich …« Dann haben alle direkt zu Beginn eine Vorstellung und damit ist die folgende <strong>Kommunikation</strong> deutlich leichter. Leider müssen wir dann aber auf »Hypytynä« verzichten, aber vielleicht finden wir ja später noch einmal eine schöne Bedeutung für dieses mögliche Kleinod unserer Sprache.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading has-text-color has-link-color wp-elements-66edaa2f461145b9f0f90cbfdfe151f7" style="color:#000000"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Das komplizierte Geschäft der Philosophie</mark></h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-03ae258e1acb4a3148e8b9fc7a5b21a4" style="color:#000000">Die <strong>Philosophie</strong> ist leider ein <strong>kompliziertes Geschäft</strong> – wenn man sie ernsthaft betreibt. Das führt dazu, dass sie heutzutage eher ein nerdiges Nischendasein fristet. Eine gute Freundin meinte einmal zu mir: »Du wirkst auf mich manchmal wie aus der Zeit gefallen, als wärst du ein Mensch aus dem 19. Jahrhundert, der sich in unsere Zeit verirrt hat.« Das 19. Jahrhundert war eine echt tolle Zeit für die Philosophie, vor allem für die deutsche – ich sage nur »Dichter und Denker«! Auch das 20. Jahrhundert war noch ziemlich ok: Philosoph*innen wie Wittgenstein, Foucault, Sartre, Adorno, Heidegger, Derrida, Deleuze, Arendt, Popper, Dewey, Rawls, Rorty, Habermas oder Butler waren zum Teil mediale Popstars. Naja, Wittgenstein sicherlich nicht. Über den bemerkte der berühmte Ökonom John Maynard Keynes: »Nun ja, Gott ist angekommen. Ich habe ihn im Zug um 17:15 Uhr getroffen.«</p>



<p>Zum komplizierten Geschäft der Philosophie gehört es, dass man für am Ende recht simple Aussagen oft große Umwege gehen muss. Ein wenig liegt das natürlich auch daran, dass manche Philosoph*innen es als Teil ihrer <strong>Attraktivität</strong> ansehen, weitschweifig, kaum verständlich und tiefgründig zu wirken und – natürlich – dicke Bücher zu veröffentlichen. Das sollte man ihnen aber nachsehen. Erstens sind sie irgendwie halt auch nur Nerds und wissen nicht so recht, wie man das Wort »Attraktivität« sinnvoll auf sich selbst anwendet (,denn als rücksichtsvolle Zeitgenoss*innen wollen sie ja auch nicht eine der wichtigsten Tropen der Pop-Kultur zerstören). Zweitens schaffen sie dadurch Arbeitsplätze. Denn Geisteswissenschaftler*innen sind in gewisser Weise die Jurist*innen der Geisteswelt. Sie lesen für andere Menschen Philosoph*innen, weil diesen die Zeit dazu fehlt und sie auch kaum etwas davon verstehen würden (allerdings sind sie oft nicht verständlicher, was sie ebenfalls mit Jurist*innen gemein haben). Drittens berechtigen Philosoph*innen damit aber auch ihre eigene Existenz. Wenn alle denken würden: »Ah, achso, na, das habe ich mir auch letztens auf dem Klo sitzend ausgedacht«, dann wäre der nächste Gedanke: »Ähm, wofür brauchen wir dich noch gleich?« Das wäre natürlich eine Katastrophe!<br>Daher machen wir es philosophisch kompliziert. Ich werde eine ganze Weile brauchen, einen neuen Demokratiebegriff zu entwickeln, der im besten Falle auch nur ein <strong>Angebot</strong> und eine <strong>Hilfe</strong> sein kann, um die eigene Position im <strong>Demokratischen Feld</strong> besser zu verorten und von dort aus <strong>Verbindungen</strong> zu ganz anderen Positionen herzustellen.<br><br> Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit anderen Theoretiker*innen. Das würde jedoch den Rahmen dieses Blogartikels sprengen – was übrigens in der Geisteswissenschaft die Standardtarnfloskel dafür ist, dass man keine Lust / Zeit hat, sich mit einem bestimmten Themenkomplex zu beschäftigen. Ich verspreche, mich später in einzelnen Artikeln damit zu beschäftigen. An dieser Stelle befasse ich mich jetzt nur mit den <strong>Bedeutungsfeldern</strong> von <strong>Demos</strong> und <strong>Kratos</strong>.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Demos = Volk?</mark></h2>



<p>Demokratie heißt übersetzt so etwas wie »Herrschaft des Volkes« (siehe oben), wobei δήμος (Demos) hier zugleich zwei Dinge bedeutet:</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>Die einfachen Menschen haben nachhaltig die Herrschaft errungen. Das ist also ein <strong>politischer Kampfbegriff</strong>.</li>



<li>Nun sind – politisch gesehen – alle Menschen »einfache Menschen«. Es ist also ein <strong>egalisierender Begriff</strong>, der die Aristokratie aus dem politischen Prozess ausschließt und deren Mitglieder als »einfache Menschen« wieder einschließt.</li>
</ol>



<p>Um mir einen Überblick zu verschaffen oder doch zumindest Inspiration zu holen, was hier alles unter »Demos« oder »Volk« gemeint sein kann, möchte ich einmal ein wenig in ihrem Bedeutungs(um)feld herumstochern.</p>



<p>Beginnen wir mit dem Altgriechischen, denn da kommt das Wort »Demokratie« nun einmal her – und … du weißt schon – siehe oben.</p>



<p><strong>δήμος (Demos)</strong> bezeichnete ursprünglich gar keine Ansammlung von Menschen, sondern einen Ort, an dem Menschen leben, zum Beispiel einen Stadtbezirk. Daraus leitete sich dann die Bezeichnung für eine spezifische Menschengruppe ab, die aus einem Demos stammte. Damit sind mit Demos immer Menschen und ihr Ort gleichzeitig gemeint – eine <strong>verortete Bevölkerung</strong>. Somit ist auch klar, worüber ein Demos herrscht: über den eigenen Ort.</p>



<p>Wie bereits gesagt, kam auch früh die abfällige Bedeutung von Demos auf: »einfache Menschen«, »einfaches Volk« oder »<strong>Pöbel</strong>«. Aus diesem Grund wurde die Demokratie immer wieder von Philosoph*innen angegriffen, die selbst meist im Bunde mit Aristokratie, Tyrannis und Monarchie standen – wie zum Beispiel der »Godfather of Philosophy« Platon (vielleicht auch Godfather II). Seit Platon und seiner halb realen, halb erfundenen Dramenfigur Sokrates herrscht in der Philosophie eine besondere Verbindung zwischen dem Streben nach dem Guten durch tugendhaftes Verhalten und einer entsprechenden Elite, die durch philosophische Erziehung – wenn nicht hervorgebracht, so doch – veredelt und legimitiert werden sollte. Das »einfache Volk« muss nichts können oder wissen, es muss auch keinen besonderen Ethos haben, es ist einfach nur da und darf trotzdem mitentscheiden! Ein wert(e)loser Haufen menschlichen Fleisches. Wenn Platon davon spricht, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist, dann schwingt hier auch ein politischer Unterton mit. Das einfache Volk in all seiner plumpen Körperhaftigkeit erstickt den Geist und die Seele der nach dem Guten strebenden »Besten« (Aristokraten). Das ist nicht ganz ohne Ironie, denn einige der Schüler des Sokrates, die Platon in seinen philosophischen Dramen vortanzen lässt, haben in Wirklichkeit in der Politik ziemlichen S****ß gebaut, um es vorsichtig auszudrücken (vor allem Kritias, Charmides und Alkibiades).</p>



<p>Übrigens hatten die Griechen noch ein anderes abwertendes Wort für den Pöbel:<strong> ὄχλος</strong> (<strong>óchlos</strong>, Menschenmenge, Masse, Pöbel). Das wird später bei Polybios zur Ehrenrettung der Demokratie einspringen müssen (Ochlokratie).</p>



<p>Anders als Demos bezieht sich ἔθνος (éthnos) auf ein Volk, das auf Verwandtschaftsbeziehungen basiert, also das, was wir abgeleitet von diesem Wort heute nicht mehr »Volk«, sondern »Ethnie« nennen. Das Wort bezeichnete ursprünglich einfach eine Gruppe gleichartiger Tiere oder Menschen, also einen Schwarm, eine Herde oder eine Schar.  Im Unterschied zu Demos steht hier die Gleichartigkeit im Vordergrund.</p>



<p>Dann gibt es noch <strong>λαός (laós)</strong>, wovon sich unser Begriff der »Laien« ableitet. Ein Laos ist das Volk oder Heer, das einem βασιλεύς (basileus, König) verpflichtet ist. Es ist also kein Volk, das aus sich heraus existiert und es ist nicht an einen Ort, sondern an eine anführende Person gebunden.</p>



<p>Zu guter Letzt schauen wir uns noch die <strong>πολῖται (politai, Bürger der Polis)</strong> an. Im Prinzip sind sie deckungsgleich mit dem Demos, denn der Demos bestand ausschließlich aus freien männlichen Bürgern der Polis, also den Politai. Demos ist der Kollektivausdruck für diese Gruppe, unterstellt aber in seinen Nebenbedeutungen den Gruppenmitgliedern damit auch Attribute, die auf alle politai anwendbar sind. Daher ist es ein Unterschied, wenn Platon und Aristoteles über die Politai oder den Demos sprechen. Aristoteles entwickelte sogar eine Regierungsform, die πολιτεία (politeia, Staat, Verfassung), was gewöhnlich in diesem Kontext mit »Politie« übersetzt wird.</p>



<p>Zum Abschluss mache ich im Bedeutungsfeld einen kleinen Sprung, den ich mir als Theaterphilosoph einfach mal selbst gestatte.</p>



<p>Wie beim Demos in der Politik gibt es im Bereich des Theaters einen Zusammenhang zwischen <strong>Ort</strong> und <strong>Gruppe</strong>, nämlich beim Ursprung der antiken Tragödie (Props gehen raus an Friedrich <strong>Nietzsche</strong>), dem <strong>Chor: χορός (chorós)</strong>. Ursprünglich bezeichnete Choros den Tanzplatz bei dionysischen Festen, auf dem Menschen berauscht im Reigen tanzten und sangen. Später ging der Name auf den Reigen und auf die tanzenden Menschen selbst über. Daraus entstand dann der Chor, der in unterschiedlicher Stärke das Rückgrat von Tragödie und Komödie bildete. Es gibt noch ein entfernt verwandtes Wort: χώρα (chora, Land, Festung). Beide gehen wahrscheinlich auf die gleiche indogermanische Wurzel zurück, die einen Raum bezeichnet, den man einnimmt. Leider würde es an dieser Stelle zu weit führen, den genauen Zusammenhang zwischen Politik und Theater in der griechischen Antike darzustellen. Das werde ich in einem eigenen Artikel ausführen.</p>



<p>An dieser Stelle sei nur so viel angedeutet: Das Theater war die wirksamste Art, auf die gesamte Öffentlichkeit der Polis direkten, körperlichen Einfluss zu nehmen und darum hatte Platon das Theater noch vor den Sophisten zum Hauptfeind der Philosophie erklärt, da er davon ausging, dass die körperliche Einflussnahme dem geistigen Diskurs der Philosophie in der Wirkung überlegen war. Das war für Platon eine Katastrophe, denn er glaubte, dass dabei ein falsches Ethos bei der Jugend entstand. Klingt wie eine Sorge aus der Gegenwart. Platon war aber auch übrigens ironischer Weise ein Gegner der Schrift. Wäre er damals einflussreicher gewesen, hätten wir niemals etwas von ihm gehört, denn seine Lehren sind nur durch die schriftliche Überlieferung seiner Dialoge erhalten.</p>



<p>Ich selbst bin ganz anderer Meinung als Platon. Ich glaube, dass das Theater eine wesentliche Rolle dabei spielt, Philosophie und auch Demokratie neu zu denken. Doch dazu später mehr. Nach diesem mysteriösen kurzen Theorieteaser springe ich wieder zurück zur Politik.</p>



<p>Im Deutschen haben wir das Wort »<strong>Volk</strong>« in Volksherrschaft. Es kommt aus dem Altgermanischen: mhd. volc »Leute, Volk; Kriegsschar«, ahd. folc »Haufe, Kriegerschar; Volk. Erst in der Neuzeit im Zuge der Entstehung des modernen Nationalbewusstseins erhält das Wort die Bedeutung von »Gesamtheit aller Menschen, die durch Sprache, Kultur und Geschichte verbunden sind« und daher durch einen Staat vereint sein sollten. Auch die abwertende Bedeutung von Demos findet sich bei Volk: das (einfache) Volk in Abgrenzung zur Oberschicht.</p>



<p>Da hier nur ein einziger Begriff immer wieder überschrieben worden ist, bedeutet <strong>Volk</strong> also <strong>Demos</strong>, <strong>Ethnos</strong> und <strong>Laos</strong> in einem. Die Nazis verwendeten den Begriff des Volkes, um den Nationalstaatsgedanken des 19. Jahrhunderts ins Extreme zu übersteigern: ein Volk, ein Reich, ein Führer. Volk bedeutet hier die Fiktion einer Art reinen Ethnie (Ethnos), die über ihren Führer (Laos) mit dem Staat verbunden ist (Demos). Durch den exzessiven Gebrauch des Wortes »Volk« bei den Nazis ist es schwierig geworden, ihn heute zu benutzen, ohne seine völkischen Konnotationen mit anklingen zu lassen. Daher redet man auch nicht mehr von Völkern und Völkerkunde, sondern von Ethnien und Ethnologie.</p>



<p>Wenn wir Demokratie sinnvoll neu fassen wollen, dann müssen wir wahrscheinlich irgendwie Alternativen zum Begriff des Volkes finden, denn dieser bildet in keiner Weise die vielfältige Gesellschaft ab, die ihre politischen Geschicke demokratisch aushandelt.  Auch die zusammengesetzten Begriffe »Wahlvolk« oder »Staatsvolk« sind keine Alternative.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Kratos – Macht statt Herrschaft</mark></h2>



<p>Im Altgriechischen finden wir neben κράτος (<strong>kratos</strong>, »Stärke, Kraft, Macht, Gewalt, Herrschaft, Oberbefehl, Übermacht, Oberhand, Sieg, Gewalttat«)noch einige verwandte Wörter, deren Bedeutungen familienverwandt sind.<br>ἐνέργεια (<strong>energeia</strong>, »Tätigkeit, Wirksamkeit, Wirkung, Kraft, Macht, Aktualität«), δύναμις (<strong>dynamis</strong>, »(körperliche) Kraft, Stärke, Streitmacht, Streitkäfte, Hilfsmittel, Fähigkeit, Talent, Wunderkraft, Möglichkeit, Macht, Einfluss, Ansehen, Geltung, Machtmittel, Wert, Betrag, Vermögen, Sinn«), ἰσχύς (<strong>ischus</strong>, »Stärke, Kraft, Festigkeit, Dauer, Tüchtigkeit, Gewalt, Zwang, Macht, Heeresmacht«), ῤώμη (<strong>rhome</strong>, »Kraft, Stärke, (politische) Macht, Streitmacht, Kolonne, Mut, Entschlossenheit«), ἐξουσία (<strong>exousia</strong>, »Erlaubnis, Recht, Befugnis, Vollmacht, Freiheit, Belieben, Willkür, Macht, Gewalt, Obrigkeit, Behörde, Amt, Machthaber, Reichtum, Überfluss«) und schließlich ἀρχή (<strong>archē</strong>, »Anfang, Beginn, Ursprung, Ende, Zipfel, Ursache, Grund, Prinzip, Element, Oberbefehl, Herrschaft, Regierung, Amt, Behörde, Obrigkeit, Reich, Gebiet, Statthalterschaft, Provinz, (himmlische) Mächte«).</p>



<p>Neben »Herrschaft« finden wir also auch Bedeutungen wie »Macht«, »Stärke«, »Kraft«, »Vermögen«, »Amt« oder »Möglichkeit«(und viele mehr). Das ist ein reichhaltiges Bedeutungsangebot, aus dem man schöpfen kann, wenn man Demokratie neu fassen möchte.</p>



<p>Das deutsche Wort »<strong>Herrschaft</strong>« kommt aus dem Germanischen: hērscaf bzw. hērscaft (althochdeutsch): Würde, Hoheit, Obrigkeit, ehrenvolles Amt; hērschaft (mittelhochdeutsch): Amt, Hoheit, Obrigkeit, Stolz, Recht und Besitz eines Herrn, Herrenmacht, Herrenwürde, Herrlichkeit, vornehme Gesellschaft. Zusammengesetzt ist das Wort aus den althochdeutschen Bestandteilen »hēr« (ehrwürdig) und »scaft« (Erschaffung).</p>



<p>Nun, die offensichtliche Ableitung vom »ehrwürdigen« Mann und seinen unglaublichen Attributen verbietet uns spätestens seit der Einführung des Frauenwahlrechts um 1918, den Begriff der Herrschaft mit dem Begriff der Demokratie zusammenzubringen. Suchen wir nach einem besseren Kandidaten im Bedeutungsfeld.</p>



<p>Das deutsche Wort „<strong>Macht</strong>“ kommt vom althochdeutschen Wort „maht“, das um das 8. Jahrhundert herum gebraucht worden ist, um Bedeutungen wie „Anstrengung“, „Gewalt“, „Vollmacht“, „Menge“ oder „Fülle“ auszudrücken. Zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert findet sich noch die Bedeutung „männliche Genitalien“, was wir heute immer noch mit Gemächt ausdrücken. Das englische Wort „might“ kommt vom gleichen indogermanischen Wortstamm (altenglisch: miht, angelsächsisch: maht). Der Duden weist „Macht“ als Verbalabstraktum zu „mögen“ aus. Dieses gemeingermanische Verb findet sich im Mittelhochdeutschen (mügen), Althochdeutschen (mugan), Gotischen (magan), Englischen (may) und Schwedischen (må). All diese Formen gehen zusammen mit verwandten Wörtern aus anderen indogermanischen Sprachen auf die Wurzel magh- (»können, vermögen«) zurück. Von dieser alten Bedeutung leiten sich die Wörter „Macht“, „möglich“ (»ausführbar, erreichbar«, mittelhochdeutsch: müg[e]lich) und „Möglichkeit“ (mittelhochdeutsch: müg[e]lichkeit) ab.</p>



<p>Macht ausüben scheint also (im Indogermanischen) von jeher zwei Bedeutungsaspekte zu haben. Der eine ist das reine <strong>Können</strong>, <strong>Vermögen</strong> zu etwas, die <strong>Möglichkeit</strong> zu handeln. Der andere ist die Verwirklichung dieses Vermögens in Form von Gewalt oder durch rechtliche Handlungen („Vollmacht“, s.o.). Diese beiden Aspekte durchkreuzen einander bis hinein in den philosophischen Diskurs der Gegenwart.</p>



<p>Ich schlage vor, den Wortteil »<strong>Kratos</strong>« in »Demokratie« als »<strong>Macht</strong>« zu übersetzen, was zunächst einmal legitim ist, da es zum Bedeutungsspektrum gehört. »Macht« deckt in sich ein viel weiteres Bedeutungsfeld ab, das wir rund um »Kratos« gefunden haben, ist anschlussfähig an moderne Sozialtheorien und lässt sich daher auch für eine progressive Lesart von Demokratie verwenden</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Bedeutung, Familienähnlichkeiten und Mannigfaltigkeiten</mark></h2>



<p>Mit <strong>Wittgenstein</strong> kann man in den Bedeutungsfelder »Kratos« und »Macht« von <strong>Familienähnlichkeiten</strong> der Wörter sprechen. Sie sind nicht alle auf eine Bedeutung zurückzuführen, überschneiden sich jedoch jeweils immer wieder, wie ein langes, geknüpftes Seil aus vielen kleineren Strängen (auch ein Bild von Wittgenstein). Nun möchte ich diesen Exkurs nicht nutzen, um eine heideggerianische Sprachmeditation über das Wesen der Macht durchzuführen. Auch geht es mir nicht darum, hier eine vollständige Etymologie vorzulegen. So habe ich zum Beispiel die romanischen Sprachen bisher ausgeblendet, obwohl dieses für <strong>Bourdieu</strong> und <strong>Foucault</strong> natürlich bestimmend sind (die wiederum zu meinen Haupteinflüssen bei der Macht-Theorie gehören). Hier nur einige Andeutungen in dieser Sache: Im Lateinischen gibt es die potestas (Macht) und potentia (Können, Möglichkeit), damit verwandt pouvoir (Macht, Können) und puissance (Macht) im Französischen, possibility (Möglichkeit) im Englischen. Das lateinische fortis (stark) bzw. Fortia (Stärke) führt zu force (Macht etc.) im Englischen und Französischen.</p>



<p>Ich möchte lediglich darauf aufmerksam zu machen, dass die Macht in den Sprachpraktiken immer schon eine Vielfalt von miteinander verwandten Aspekten beinhaltete, auf die ich immer wieder zurückkommen werde. Gerade in philosophischen Auseinandersetzungen erscheinen verschiedene Interpretationen eines Begriffes oft als unvereinbar. Im Deutungskampf soll zumeist die Deutung des anderen negiert werden. Meist handelt es sich aber nicht um gegensätzliche Interpretationen, sondern um verschiedene Perspektiven auf einzelne Aspekte eines Begriffs.</p>



<p>Klar ist: Aus der bedeutungsgeschichtlichen Herleitung kann keine <strong>eigentliche Bedeutung</strong> eines Begriffs oder eine präzise Definition begründet werden, sie deckt im Gegenteil eher <strong>historische und semantische Mannigfaltigkeiten</strong> auf, die unser Denken in Bewegung bringen.</p>



<p>Der Witz von »<strong>Demokratie</strong>« ist, dass sie allen »<strong>Beteiligten</strong>« etwas anderes <strong>bedeutet</strong>. <strong>Demokratische Wirklichkeit</strong> entsteht erst im <strong>Zusammenspiel</strong> dieser <strong>Positionen</strong>.</p>



<p>Damit möchte ich diese kurze etymologische Fingerübung beenden. Was hat sie mir gebracht? Für Demos habe ich noch keine gute Übertragung in die deutsche Sprache gefunden, die meinem Bedürfnis, eine progressive Lesart der Demokratie zu finden, entspräche. Bei Kratos habe ich mit »Macht« einen guten Kandidaten gefunden, mit dem ich weiterarbeiten kann.</p>
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		<title>Die Demokratie wird siegen! [#001]</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Croonenbrook]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 09:18:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Notizbuch]]></category>
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					<description><![CDATA[Ich beobachte -- wie viele andere -- mit wachsender Sorge den Zustand unserer Demokratie: Formal funktioniert sie (noch) – Wahlen finden statt, Parlamente tagen, Regierungen werden gebildet –, doch strukturell entfernen sich die Akteure formaler Demokratie immer weiter von den Menschen. Parteien verlieren Rückhalt, wirtschaftliche Akteure gewinnen Einfluss, Techkonzerne polarisieren die digitale Pseudo-Öffentlichkeit auf ihren privaten Plattformen und autoritäre Tendenzen werden lauter.

Gleichzeitig sehe ich in diesem »rechten Vormarsch« kein neues Phänomen, sondern ein Rückzugsgefecht angesichts enormer gesellschaftlicher Fortschritte der letzten Jahrzehnte.
Für mich steht fest: Jede Gesellschaft lebt von Kooperation, nicht von permanentem Kampf jede*r gegen jede*n. Die Gesellschaftsform, in der die Kooperation von freien, unterschiedlichen Menschen am besten gedeiht, ist die demokratische. Gerade deshalb bin ich überzeugt – so gefährlich diese Phase auch sein mag –, dass die Demokratie am Ende stärker sein wird.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h1 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die Demokratie wird siegen!</mark></h1>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_01_demokratie_wird_siegen_01.png" alt class="wp-image-2400" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_01_demokratie_wird_siegen_01.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_01_demokratie_wird_siegen_01-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_01_demokratie_wird_siegen_01-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p class="has-custom-grau-color has-text-color has-link-color has-large-font-size wp-elements-1be87e33971c5d722c46b413310b87fe" style="border-style:none;border-width:0px;margin-top:0;margin-right:var(--wp--preset--spacing--40);margin-bottom:0;margin-left:var(--wp--preset--spacing--40);padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0"><mark style="background-color:#cd2990" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Jede Gesellschaft lebt von Kooperation. Daher ist jeder rein agonistische Versuch, eine neue Gesellschaft zu etablieren, zum Scheitern verurteilt.</mark></p>



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<div class="wp-block-group is-content-justification-center is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-23441af8 wp-block-group-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="512" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock.png" alt class="wp-image-1915" style="width:25px" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock.png 512w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock-300x300.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/clock-150x150.png 150w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px"></figure>


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<div class="wp-block-post-time-to-read has-small-font-size">4.310&nbsp;Wörter</div></div>



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<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Eine Einführung, die zu ihrem eigenen Artikel wurde</mark></h2>



<p>Eigentlich wollte ich einen Einführungsartikel zum Thema »Was ist Demokratische Philosophie?« schreiben und merkte dann nach einigen Absätzen, dass ich offenbar zuerst über die <strong>Sorge</strong> schreiben wollte, die mich und viele Menschen, die ich kenne umtreibt, nämlich, dass die <strong>Demokratie</strong> in Deutschland <strong>in Gefahr</strong> ist. Da ich keine ewige Abhandlung schreiben wollte, die erst nach unzähligen einführenden Absätzen zur »aktuellen Situation« ihr eigentliches Thema zu behandeln beginnt, habe ich entschieden, diese Einführung auszugliedern, damit sie mich nicht weiter in meinem anderen Artikel stören möge. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f642.png" alt="🙂" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>



<p>Grundsätzlich mag ich es nicht, wenn sich Philosoph*innen, die nur über eine höchstens amateurhafte »<strong>Expertise</strong>« auf einem Feld verfügen, sich mit dem Habitus von Expert*innen zu Themen jenseits ihres Feldes äußern. Nun, ich hoffe, dass mir das nicht passieren kann – schon deshalb, weil ich unbewusst allzu leicht durchblicken lasse, dass ich kein Experte bin. Tatsächlich ist es eine der Bürden von Philosoph*innen, dass sie meist über Themen sprechen, über die sie nicht viel mehr wissen als andere interessierte Menschen und ganz sicher viel weniger als echte Expert*innen. Da ich aber nicht die grandiose Rolle eines flamboyanten <strong>universellen Intellektuellen</strong> anstrebe, sondern nur die demütige Arbeit eine ETHIKERS leiste, kann ich damit leben, denn für das Expertentum gibt es zum Glück ja bereits die echten Expert*innen, denen ich als skeptischer Freund der Aufklärung für ihre unermüdliche, präzise Arbeit sehr zu Dank verpflichtet bin. Nun merke ich, dass ich beginne, für die ausgelagerte Einführung eine neue Einführung zu schreiben und ich schon im Hinterkopf zu denken beginne, dass diese vielleicht ausgelagert werden sollte. Daher breche ich hier abrupt ab und fange mit der ehemaligen Einführung eines anderen Textes an – die Demuts-Anführungszeichen des <strong>Amateurs</strong> immer mitgedacht. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f609.png" alt="😉" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /><br></p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die Sorge um unsere Demokratie</mark></h2>



<p class="has-text-color has-link-color wp-elements-c5105df4e899311ab1439111da8f33be" style="color:#000000">Heute liest man überall und ständig vom »Angriff auf die Demokratie« oder dem »Niedergang der Demokratie« und überall macht sich die <strong>Sorge</strong> breit, dass bei uns – in Deutschland – und in der sogenannten »<strong>Westlichen Welt</strong>« eine »<strong>friedliche Ära</strong>« zu Ende gehen und die Demokratie durch einen neuen <strong>Autoritarismus</strong> oder <strong>Faschismus</strong> ersetzt werden könnte.</p>



<p>Dabei muss zunächst einmal festgehalten werden, dass wir auf die eine oder andere Art während der friedlichen demokratischen Ära in Europa und in den USA immer billigend in Kauf genommen haben oder gar darauf hingewirkt haben, dass in <strong>anderen Teilen der Welt</strong> gerade <strong>unfriedliche, undemokratische Zustände herrschen</strong> – im Dienste unseres Wohlstands und Friedens. Die besondere Verfasstheit unserer kapitalistischen Demokratien bringt es mit sich, dass wir alle uns – als Bürger*innen, Arbeitende, Kund*innen – ständig die Hände schmutzig machen oder diese gar in Blut tauchen (sie baden gerade ihre Hände drin), selbst wenn wir das Gegenteil wünschen.</p>



<p>Doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Ich komme an anderer Stelle aber sicher noch einmal darauf zu sprechen. Hier geht es mir um den derzeitigen Zustand unserer Demokratie in Deutschland. Was ist da los?</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Der Zustand der formalen Demokratie</mark></h2>



<p>Formal scheint sich auf den ersten Blick wenig geändert zu haben. Parteien treten zu Wahlen an und werden gewählt. Koalitionen werden vereinbart, eine Regierung wird gewählt. Die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2025 lag bei 82,5%, ein Wert, der zuletzt 1987 übertroffen worden ist. Unsere <strong>formale Demokratie</strong> ist also (noch) <strong>intakt</strong> – oder?<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Wer hat denn die Wahl?</h3>



<p>Formale Demokratie dient vor allem der <strong>Legitimierung</strong> einer Regierung durch das Volk, bzw. durch diejenigen, die abstimmen dürfen, was ein erheblicher Unterschied ist. So dürfen <strong>junge Menschen</strong> meist nicht wählen, da hier davon ausgegangen wird, dass ihnen die Reife für eine Entscheidung fehle, was eine problematische Annahme sein kann, da es auch die Frage zulässt, welche Reife einige Menschen über 18 aufweisen. Auch werden so <strong>Familien</strong> unterrepräsentiert – oder? Obwohl hier der Hauptteil der Last zur Erneuerung der Gesellschaft (Kinder erziehen und finanzieren) geleistet wird, erscheinen Familien im Wahlrecht meist als Paare – richtig oder falsch? Aber das ist ein anderes Thema.<br>Frauen dürfen erst seit 1918 wählen. Die NSdAP hat dafür gesorgt, dass Frauen zwischenzeitig aus dem politischen Leben verschwunden sind, ihr passives Wahlrecht war faktisch erloschen. Merke: Frauenfeindliche Handlungen sind ein Grundpfeiler sogenannter rechter Politik – damals wie heute.<br>In den USA sind z. B. Gefängnisinsassen und Vorbestrafte je nach bundesstaatlicher Regelung von Wahlen ausgeschlossen, was dazu führt, dass die rassistisch motivierte Masseninhaftierung vieler <strong>Black, Indigenous, and other People of Color (BIPoC)</strong> dazu führt, dass diese aus der Demokratie ausgeschlossen werden. Hier in Deutschland herrschen diese Zustände nicht (Gefängnisinsassen dürfen wählen), doch viele Menschen, die hier leben, haben keinen Zugang zur Demokratie, weil sie nicht Bürger*innen unseres Staates sind. <strong>Migration</strong> ist seit jeder einer der blinden Flecken bzw. bewussten Ausschlüsse unserer formalen Demokratie. <mark style="background-color:rgba(0, 0, 0, 0)" class="has-inline-color has-custom-wei-color">MIGRATION</mark></p>



<h3 class="wp-block-heading">Legitimieren und repräsentieren</h3>



<p>Bei uns herrscht, wie in modernen nationalen Flächenstaaten üblich, eine repräsentative Demokratie. Wir <strong>legimitieren</strong> bei der Wahl also nicht direkt die Regierung, sondern wir wählen ein Parlament, das uns <strong>repräsentieren</strong> soll. Dabei ist natürlich auch hier fraglich, auf welche Weise die Mitglieder des Parlaments die Bevölkerung repräsentieren. Statistisch entsprechen die Parlamentarier*innen der Bevölkerung in keiner Weise, was Bildungsstand, Beruf, Vermögen etc. angeht. Vereinfacht und ein klein wenig euphemistisch könnte man sagen, dass sich ein Teil der privilegierteren Bevölkerungsschichten sich zur Verfügung stellt auch die Menschen der weniger privilegierten Bevölkerungsschichten zu repräsentieren, weil Menschen aus diesen Schichten es selten schaffen, selbst ins Parlament zu kommen, da ihnen Voraussetzungen und Ressourcen fehlen. Ein großer Teil der Bevölkerung ist also nicht theoretisch, aber schon de facto vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen. All das stimmt natürlich nicht für jeden Einzelfall, sondern statistisch und ist nur eine der vielen Nebenbemerkungen zur formalen Demokratie.</p>



<p>Seit den 70er Jahren werden zunehmend politische Konstrukte geschaffen, die Parlamente aus der politischen Willensbildung ausschließen oder sie zumindest weiter davon entfernen. So gibt es Treffen mächtiger Nationen wie die <strong>G7</strong> (bzw. G8) und das Treffen der größten Unternehmen wie das <strong>Weltwirtschaftsforum</strong> in Davos, wo die ganz große Wirtschaft die große Politik zum Vortanzen einlädt. In der EU und in anderen bi- oder multilateralen Zusammenhängen werden die meisten wichtigen Entscheidungen von den Regierungsführer*innen getroffen, was übrigens auch zum Bedeutungsverfall des deutschen Außenministeriums beigetragen hat. Die eigentlichen politischen Entscheidungen werden also immer weiter vom <em>demos</em>, dem Wahlvolk entfernt.</p>



<p>Aber auch die Parlamente selbst sind weit entfernt vom <strong>Wahlvolk</strong>. So hat das Volk nur einen sehr <strong>geringen Einfluss</strong> auf das politische Tagesgeschehen, anders als <strong>Unternehmen</strong> und <strong>Lobbyverbände</strong>, die tagtäglich Einfluss auf Entscheidungen nehmen können – durch Meetings, »bedingungslose« Spenden und Plug-and-Play-Gesetzestexte, die von der eigenen Rechtsabteilung der Regierung großzügig zur Verfügung gestellt werden. Das Ergebnis ist, dass die Politik sehr oft kaum die Bedürfnisse und Wünsche der Bevölkerung im Blick hat, sondern Ziele verfolgt, die diesen oft geradezu entgegengesetzt sind. Das ist nicht immer ein Fehlverhalten einzelner Abgeordnete*r, sondern das ist ein <strong>strukturelles Problem</strong>. Es hat sich dadurch allerdings in der wahlübergreifenden Parlamentsmehrheit anscheinend die Leitidee durchgesetzt, dass das Volk <strong>aktiv</strong> nur <strong>legitimieren</strong> <strong>soll</strong> und <strong>darf</strong> und <strong>passiv</strong> <strong>regiert</strong> werden <strong>möchte</strong> und <strong>muss</strong>, was in enger und vertrauensvoller <strong>Absprache</strong> mit großen <strong>Wirtschaftsakteuren</strong> geschieht, die man als die eigentliche tragende <strong>Säule</strong> unserer <strong>Gesellschaft</strong> ansieht. Das mag etwas überspitzt und polemisch sein, ist aber wohl doch viel zu nahe an der <strong>Wirklichkeit</strong>, um wirklich witzig zu sein.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Blutet die formale Demokratie aus?</h3>



<p>Seit vielen Jahren <strong>entkoppelt</strong> sich in Deutschland die <strong>Zivilgesellchaft</strong> zunehmend von den <strong>Parteien</strong> und <strong>Gewerkschaften</strong>, was man an den Mitgliedszahlen sehen kann: CDU (1990 750.000, Peak nach der »Wiedervereinigung«, jetzt knapp 357.000), SPD (1990 knapp 950.000, jetzt gut 348.000), FDP (1990 179.000, jetzt 69.000), Deutscher Gewerkschaftsbund (11,8 Mio. nach der WV, jetzt knapp 5,6 Mio.). <br>Nur bei Bündnis 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN (ehemals PDS &amp; WASG) ist in den letzten Jahren ein Aufwärtstrend zu erkennen. Die AfD als Neugründung verzeichnet natürlich auch Wachstum (Gründung 2013 10.000 Mitglieder, jetzt 70.000). Allerdings fangen die Zahlen der wachsenden Parteien in keiner Weise die Einbußen der anderen Parteien auf.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung von Alternativen und deren Probleme</h3>



<p>Das <strong>Parteiensystem</strong> verliert also an <strong>personellem Rückhalt</strong> in der Bevölkerung. Das bedeutet, dass ein Teil der politischen Agenda nicht unbedingt in den Parteien verhandelt wird, sondern irgendwo außerhalb von ihnen. So nahm z. B. die Anzahl der <strong>Nichtregierungsorganisationen (NRO bzw. englisch NGO)</strong> seit den frühen 90ern erheblich zu und ihr Einfluss auf die Politik stieg erheblich. Während die politische Willensbildung bei den Parteien eher unspezifischer und allgemeiner wird (die SPD ist keine Arbeiterpartei mehr, die Grünen keine Öko- und Friedenspartei etc.), wird sie außerhalb der Parteien spezifischer. Für jedes politisches Ziel gibt es gleich eine Vielzahl von Organisationen. Auch hier gibt es leider Demokratieprobleme: NGOs des globalen <strong>Nordens</strong> dominieren die NGOs des globalen <strong>Südens</strong> und stechen sie oft bei <strong>Verhandlungen</strong> und in der <strong>Berichterstattung</strong> aus. Zudem sind die Mitglieder und Unterstützer*innen zwar finanziell, aber nicht unbedingt inhaltlich an der Arbeit der NGO beteiligt. Viele NGOs agieren eher wie Unternehmen.</p>



<p>Hinzu kommt der <strong>Umbau der Medienlandschaft</strong>. Fernsehen und Zeitungen verlieren massiv an Einfluss, Online-Medien und Social Media wachsen enorm – vor allem seit der Massenverbreitung des Smartphones. Das bedeutet aber nicht, dass die Meinungsbildung dadurch dezentraler und demokratischer wird. Im Gegenteil: Die Meinungsbildung wird von den Algorithmen einiger weniger Tech-Konzerne bestimmt und diese provozieren immer heftigere Kontroversen, was sich in Falschmeldungen und Hasskommentaren niederschlägt. Der Twitter-Traum des arabischen Frühlings ist ge-X‑t worden. Bestehende Alternativen wie das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fediverse" target="_blank" rel="noreferrer noopener">FEDIVERSE</a> werden von den Menschen leider kaum genutzt, da dahinter kein/kaum Kapital steckt und somit keine große Werbekampagnen möglich sind. Daher bleiben alle Menschen dort, wo auch die anderen Menschen sind – bei den Konzernen. Auch ich biete aus diesem Grund Inhalte über Meta-Plattformen an, obwohl ich das sehr gerne beenden möchte. Doch dafür müssen die Menschen nach und nach dorthin wechseln, wo ihre Rechte respektiert werden und keine Algorithmen vorherrschen, die Hass fördern.</p>



<p>Im Zuge dieser allgemeinen Medien-Entwicklung haben <strong>politische Online-Kampagnen</strong> stark zugenommen (z. B. <a href="https://www.openpetition.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">OpenPetition</a>, <a href="https://weact.campact.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">WeAct</a> von <a href="https://www.campact.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">campact</a>, <a href="https://www.change.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">change.org</a>, <a href="https://secure.avaaz.org/page/de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Avaaz</a>, <a href="https://innn.it/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">innn.it</a>). Sie schaffen es, in Rekordtempo die Zustimmung vieler unterschiedlicher Menschen zu einem politischen Vorhaben einzusammeln. Allerdings ist die Kehrseite dieser <strong>digitalen Leichtigkeit</strong> eine <strong>analoge Unverbindlichkeit</strong>. Das bedeutet, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Klicken einer Seite und dem Einsatz in echten Gesprächen und sozialen Zusammenhängen für eine politische Sache. Ich treffe weder <strong>Verbündete</strong> noch <strong>Gegner*innen</strong> und bleibe <strong>allein</strong> und <strong>privat</strong>. Das ist nicht der Fehler dieser Portale. Sie sind eine tolle Ergänzung politischer Willensbildung, sie können diese aber nicht vollständig ersetzen.<br><br>An dieser Stelle möchte ich die Analyse der formalen Demokratie abbrechen, da hier eine Skizze vollkommen ausreicht. Als skizzenhaftes Fazit würde ich sagen: Die formale Demokratie ist nicht am Ende und erneuert sich sogar an einigen Stellen, hat aber unter dem Strich deutlich an <strong>Verbindlichkeit</strong> und »<strong>analoger</strong>« <strong>Reichweite</strong> verloren.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Rechter Vormarsch?</mark></h2>



<h3 class="wp-block-heading">Politische Handlungen beschreiben statt Identitäten</h3>



<p>Eigentlich halte ich nicht viel davon, das <strong>Politische Feld</strong> in drei Unterfelder bzw. »<strong>Lager</strong>« aufzuteilen: Links, Mitte, <strong>rechts</strong>. Solche Allgemeinbegriffe erleichtern natürlich ungemein die Kommunikation. So kann ich in einem Gespräch schnell erfahren, ob eine andere Person eher zu meinen Ansichten tendiert oder nicht, denn ich kann davon ausgehen, dass ihre Vorstellung des dreiteiligen politischen Feldes große Ähnlichkeit mit der meinen haben wird und so können wir uns beide auf einer groben politischen Mindmap positionieren. Allerdings werden diese Begriffe natürlich auch oft benutzt, um andere Menschen aus einem <strong>Diskurs auszuschließen</strong>: der eine ist zu links, der andere zu rechts, Menschen in der Mitte haben keine Meinung etc. Zudem sind diese Zuweisungen oft auch nicht sehr präzise: <strong>Antisemitismus</strong> kommt zum Beispiel in Deutschland zumindest teilweise in allen drei Lagern vor.</p>



<p>Zudem ist das Zuordnen zu Lagern eine Handlung, die Menschen eine <strong>Identität</strong> zuschreibt, die nachhaltig <strong>ausschließend</strong> und <strong>verurteilend</strong> wirken kann. Das Ziel demokratischer Politik ist es aber, VERBÜNDETE zu finden und nicht Menschen von jeder zukünftigen Zusammenarbeit auszuschließen.</p>



<p>Daher finde ich es wichtig, <strong>Handlungen in Wort und Tat</strong> zu beschreiben, die im politischen Feld vollzogen oder propagiert werden, ohne notwendiger Weise Menschen mit festen Identitäten zu belegen. Warum jemand zum Beispiel gegen Migrant*innen hetzt, kann sehr unterschiedliche Gründe haben, die Handlung ist aber in jedem Fall die gleiche und dieser muss begegnet werden. Auch müssen solche Handlungen <strong>Konsequenzen</strong> haben, doch die Menschen müssen nicht notwendiger Weise auf ewig <strong>verdammt</strong> werden. Das ist eine der schwersten Prämissen demokratischer Politik, denn von <strong>Rachegefühlen</strong> und <strong>Zorn</strong> sind wir angesichts <strong>grausamer Handlungen</strong> alle nicht frei.</p>



<p>Viele der <strong>Handlungen</strong>, die als »<strong>rechte Politik</strong>« beschrieben werden, gehören eher in den Bereich der <strong>Kriminalität</strong> oder doch zumindest der <strong>Gewalt</strong>. Anderen Menschen Schaden zufügen zu wollen ist noch keine Politik, sondern die Ausübung verbaler Gewalt und die Aufforderung zu physischer Gewalt. Diese physische Gewalt nimmt auch faktisch zu (z. B. gegen queer oder jüdisch gelesene Menschen).</p>



<p>Das, was wir als »rechte« politische Handlungen in Wort und Tat verstehen können, scheint stetig zuzunehmen. Allerdings müssen wir hier auch ein wenig aufpassen. Denn – wie oben skizziert – führt der Umbau der Medienlandschaft dazu, dass Hass und Gewalt sich dort schneller und präsenter ausbreiten können als andere Handlungen im digitalen Raum. Zudem muss hier auch angemerkt werden, dass es in dieser Sache immer schon eine Schieflage bei den Medien gab. Sie hat nur weiter zugenommen.</p>



<p>»Inhaltlich« geht es dabei um Forderungen nach <strong>weniger Demokratie</strong>, <strong>weniger Rechten für Frauen</strong>, <strong>weniger Rechten für Minderheiten</strong>, <strong>weniger Miteinander</strong>, mehr <strong>Wettbewerb</strong> und <strong>Existenzkampf</strong>. Es wird eine <strong>starke Führung</strong> gewünscht und die stete <strong>Vermögensumverteilung von unten nach oben verteidigt</strong> und <strong>gefördert</strong>. Man macht sich stark für die <strong>Fiktion</strong> eines <strong>nationalen Volkes</strong> und somit auch für den <strong>Kampf</strong> gegen alle, die diesem Volk nicht angehören.</p>



<p>Diese Handlungen in Wort und Tat, die wir der Einfachheit halber als »rechte« bezeichnen, sind in keiner Weise neu. In der einen oder anderen Form waren sie auch früher im Alltag von Bundesrepublik und DDR immer präsent und nicht nur heute scheint es eine formale Mehrheit im Parlament für einige dieser Forderungen zu geben. Viele rechte Talking Points waren (zumindest in Westdeutschland, wo ich mich etwas besser auskenne) früher ganz normal im konservativen und zum Teil auch im sozialdemokratischen Lager. Hetze gegen »Minderleister*innen«, »Andersartige« (»Gammler«, »Schwule«, »Transmenschen« oder wer gerade zum Ziel gemacht wird) oder sogenannte »Ausländer*innen« hat es immer gegeben und wird es wohl leider auch in Zukunft noch einige Zeit geben.</p>



<p>Gedankenexperiment: Nehmen wir an, die CDU würde sich bei der nächsten Bundestagswahl knapp gegen die AfD durchsetzen und dann eine Koalition mit ihr vereinbaren. Wie groß wäre der Unterschied zur CDU/CSU der 60er Jahre? </p>



<p>Damals haben CDU und CSU ein weites politisches Spektrum eingebunden, das ganz sicher auch die meisten Menschen umfasst hat, die heute AfD wählen würden. Das war auch ein Verdienst, denn so wurden weite Teile der Bevölkerung an der politischen Willensbildung beteiligt. Ob es dazu geführt hat, dass die Menschen in der Breite nach und nach demokratischer geworden sind, muss zumindest bezweifelt werden, wenn man sieht, dass sich die Mentalität in weiten Teilen der Bevölkerung nicht entscheidend verändert hat.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Das politische Spiel ändert sich</h3>



<p>Der Hauptunterschied zwischen damals und heute liegt darin, dass sich das <strong>politische Spiel</strong> geändert hat: <strong>anderes Spielfeld</strong>, <strong>andere Regeln</strong>.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>So gibt es seit der »Wende« (im weitesten Sinne) keine Alliierten und keine Sowjetunion, die mit massiver Militärmacht im Land darüber wachen, was aus Deutschland wird. In Osteuropa ist die Sowjetunion verschwunden, die mit ihren »verbündeten« Staaten formal ein Gegenmodell zum Kapitalismus westlicher Prägung darstellte und somit hier indirekt die Idee einer gemäßigten <strong>Sozialdemokratie</strong> weit über die Grenzen der SPD hinaus förderten, da die natürliche <strong>soziale Kälte</strong> des Kapitalismus die Menschen nicht in die Arme des Kommunismus treiben sollte. Damit einher ging auch ein Rückgang der Behauptungen, man kämpfe im Westen »für Demokratie und Menschenrechte« (unabhängig davon, wie ehrlich das je gemeint war).</li>



<li>Nach dem Untergang der Sowjetunion wurde in den Medien eine Dauerkampagne gefahren, die den Begriff »<strong>Sozialismus</strong>« zum universellen Schimpfwort machte und es kaum möglich machte, Alternativen zum Kapitalismus in seriösen Medien zu diskutieren. Das lag auch an einem Schwenk von liberalen Medien der »Mitte«, die weniger interessiert daran waren, eine bürgerrechtliche Brücke zur sozialdemokratischen oder sozialistischen »Linken« zu bauen, sondern stattdessen die wirtschaftsliberale Brücke zur »Rechten« ausbauten. Die <strong>ZEIT</strong> ist ein gutes Beispiel dafür. In der Politik entspricht dem die Zeit der »<strong>Helmutisierung</strong>«. Unter Helmut Schmidt löste sich Ende der 70er der Begriff des »<strong>Sozialliberalen</strong>« faktisch in Wohlgefallen auf, was schließlich den Weg für die geistig-moralische Wende unter Helmut Kohl frei machte (durch den Wechsel der FDP ins CDU/CSU-Lager), was am Ende dann doch nicht viel anderes war, als die Fortführung des Neoliberalismus unter Helmut Schmidt – mit anderer Ästhetik. Der sozialdemokratische bzw. sozialiberale Zeitgeist wich dem neoliberalen.</li>



<li>In Ostdeutschland, damals noch <strong>DDR</strong>, wurde die <strong>selbst erkämpfte</strong> formale <strong>Demokratie</strong> fast sofort entwertet und entsorgt. Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine kurze Zeit in Ostdeutschland, also der DDR, gab, als dort eine selbstständige Demokratie herrschte. Im sogenannten »Palast der Republik« tagte das erste frei gewählte Parlament der DDR. Davon ist in der Erinnerungskultur wenig übrig geblieben. Das Parlamentsgebäude der DDR wurde aus »Asbestgründen« durch die Fake-Version des preußischen Stadtschlosses ersetzt – eine doch recht fragwürdige Aktion eines demokratischen Staates und zugleich ein ganz gutes Symbol für das, was uns heute solche Sorgen bereitet.</li>



<li>Die Bedingungen des Wirtschaftens haben sich seit den 90ern drastisch verändert. Die <strong>Finanzwirtschaft</strong> entkoppelte sich nach und nach von der <strong>Produktionswirtschaft</strong>. Dadurch wurde der Drang zum Wachstum weiter ins Unermessliche hochgeschraubt und das Risiko von Wirtschaftskrisen wurde deutlich erhöht.</li>



<li><strong>Große Vermögen</strong> wurden aus der Finanzierung des Staates weitgehend ausgeklammert, was den <strong>Staat</strong> nach und nach in Schwierigkeiten brachte. In der rot-grünen Regierung Ende der 90er Jahre sprach der damalige Finanzminister Eichel unablässig vom notwendigen Engerschnallen des Gürtels. Bis heute wird diese staatszersetzende Politik mit einfachen Ablenkungsmanövern und zweifelhaften Argumentationen verteidigt.</li>



<li>Aufgrund des vorgenannten Punktes wurde der <strong>Staat</strong> nach und nach <strong>geschwächt</strong>, teilweise durch <strong>Privatisierung</strong>, teilweise durch <strong>Streichung</strong> öffentlicher Stellen und Dienstleistungen. Das Ergebnis ist, dass wir den Staat als unfähig und überfordert wahrnehmen (Beispiele: Deutsche Bahn, Bürgerämter, Digitalisierung …). Gleichzeitig muss der Staat aber auch immer mehr Aufgaben erfüllen, was am Ende zur Stabilisierung der Beschäftigungsquote des Öffentlichen Dienstes führt, mitunter aber unter deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen.</li>
</ul>



<p>All dies hat den »<strong>Vormarsch der Rechten</strong>« vorbereitet und gefördert. Diesen möchte ich hier nicht verharmlosen. Schon jetzt spüren viele Menschen die <strong>Gewalt</strong>, die damit einhergeht. Doch ich möchte mich auch nicht dem <strong>Defätismus</strong> verschreiben und weiteren Doom-Scrolling-Content produzieren.</p>



<p>Ich glaube nämlich, dass die aktuellen Auswüchse »rechter« Gewalt – ob verbal oder physisch eine Art <strong>Letztes Gefecht</strong> darstellen von einer Gruppe, die wir der Einfachheit halber als »<strong>die weißen Männer</strong>« beschreiben können. Dieser politische Begriff bedarf meiner Meinung nach einer kurzen Erklärung. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass alle Menschen, die als männlich und als weiß gelesen werden, »rechte« Politik machen, unterstützen oder mögen. Viele Menschen, die in diese Kategorie fallen, sind ganz anderer Meinung und setzen sich vehement für ganz andere Ziele ein. Ich selbst zähle mich dazu.<br>Zudem ist es natürlich auch nicht so, dass »rechte« Politik nur von Menschen dieser Kategorie getragen wird. Auch Frauen, nicht-weiße Männer, Schwule etc. finden sich bei den Unterstützer*innen und auch Täter*innen politischer Gewalt.<br>»<strong>Weiße Männer</strong>« ist eine <strong>Verkürzung</strong>, um einen komplexen politischen Sachverhalt auf das Wesentliche zuzuspitzen. Mein alter römischer Kollege Marcus Tullius <strong>Cicero</strong> würde hier zu recht fragen: »Cui bono?« Wer zieht einen Vorteil daraus? Schaut man sich das an, was »rechte« Politik genannt wird (siehe oben), dann müssen wir feststellen, dass es im Kern darum geht, die althergebrachte Hegemonie gegen den Fortschritt zu verteidigen, ja sie dem Fortschritt wieder zu entreißen. Dabei geht es um die Herrschaft des globalen Nordens über den globalen Süden, der Weißen über die Nicht-Weißen, der Männer über die Frauen, der »Normalen« über die »Anderen« etc. Die mächtigste Gruppe und diejenige, die am meisten profitiert, ist die der »weißen (alten) Männer«. Daher ist in der offenen politischen Auseinandersetzung diese <strong>polemische Zuspitzung</strong> völlig in Ordnung. Da dies hier eher ein politischer als ein theoretischer Text ist, verwende auch ich diese Zuspitzung. In anderen Zusammenhängen und auf anderen Ebenen der Reflexion lohnt sich jedoch eine differenzierter Darstellung des Sachverhaltes, auch um zu vermeiden, dass sich Menschen angegriffen fühlen, die sich für die Demokratie engagieren oder sie aufgrund körperlicher Merkmale aus Diskursen auszuschließen oder sie unter Generalverdacht zu stellen.</p>



<p>Die Menschen, die eine Politik der »Weißen Männer« befürworten, unterstützen oder betreiben, haben sich in den letzten Jahren nach und nach <strong>öffentlich</strong> zu erkennen gegeben. Offenkundig waren sie aber schon vorher da, doch sie haben sich nicht öffentlich geäußert und haben sich oftmals neutral verhalten. Das ist nun vorbei. Ihr Aufbegehren erschöpft sich aber auch meiner Meinung nach in dem, was wir sehen. Was derzeit ihre Stärke über ihre eigentlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten hinaus steigert, sind drei Dinge:</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>die Unterstützung durch einige <strong>Unternehmen</strong>, die offenbar die Demokratie als Hürde für die weitere Entfesselung des eigenes Wachstums (nicht etwa dem der Volkswirtschaft) sehen.</li>



<li>die »<strong>politische Ausgeschlossenheit</strong>« der Konservativen gegenüber »rechter« Politik. Bereits jetzt fangen sie an, die Agenda der »Rechten« in Wort und Tat umzusetzen. Zum Teil geschieht das aus Überzeugung, zum Teil aus skrupellosem Opportunismus und zum Teil wird es aus taktischen Gründen geduldet. Die Konservativen der dritten Gruppe, die ich »<strong>konservative Demokrat*innen</strong>« nennen möchte und deren Größe ich derzeit nicht einschätzen kann, ist eventuell bald das Zünglein an der Waage und mit ihr muss geredet werden, statt sie als »Nazis« zu verdammen. Den konservativen Demokrat*innen muss klargemacht werden, dass hier mehr auf dem Spiel steht als Parteikarrieren und Wahlergebnisse. Da sie Demokrat*innen sind, bin ich sicher, dass konstruktive Gespräche möglich sind.</li>



<li>Die <strong>Verunsicherung der Demokrat*innen</strong> jenseits der Konservativen und ihre <strong>Enttäuschung</strong>, die sie angesichts der formalen Demokratie erleben. Ich möchte nicht sagen, dass es keinen Widerstand gibt. Das würde die <strong>energische</strong> und <strong>stetige Demokratiearbeit</strong> so vieler Menschen in diesem Land schmälern und beleidigen. Doch ich glaube, dass sie es leichter hätten, wenn mehr Menschen nicht nur wüssten, <strong>wogegen</strong> sie sind, sondern auch <strong>wofür</strong>. Es fehlt oft eine <strong>Vision</strong>, die über die etwas erschöpfte und ausgehöhlte formale Demokratie hinausgeht. Dadurch fühlen wir uns oft ohnmächtig und dem Zeitgeist ausgeliefert, fühlen uns so, als wären wir irgendwann im »<strong>falschen Universum</strong>« aufgewacht und könnten das <strong>Portal</strong> nicht finden, das uns zurückbringt.<br></li>
</ol>



<p>Wir vergessen bei all der Sorge und Verzweiflung leicht, dass dieser Ausbruch <strong>willkürlicher</strong> und grausamer <strong>politischer Gewalt</strong> ein Rückzugsgefecht ist, ein letztes Aufbäumen angesichts <strong>faktischer Fortschritte</strong>, die es in den letzten Jahren eben auch gegeben hat.</p>



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<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die helle Seite der Macht</mark></h2>



<figure class="wp-block-image size-full" style="margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="350" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_01_demokratie_wird_siegen_02.png" alt class="wp-image-2406" srcset="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_01_demokratie_wird_siegen_02.png 800w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_01_demokratie_wird_siegen_02-300x131.png 300w, https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/02/web_blog_01_demokratie_wird_siegen_02-768x336.png 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px"></figure>



<p>Die Wahrheit ist: Seit den 90er Jahren hat sich politisch auch ungeheuer viel Gutes getan. Mach dazu gerne ein kleines Experiment. Schau dir beliebte Filme der 80er und 90er Jahre an und achte darauf, wie oft du denkst: »Wow, krass, das ist wirklich gestrig!« Ob es um die fast zwanghaft in Filmen verbaute Homophobie geht oder die Geschlechterrollen: Wie benehmen sich Männer? Kommen Frauen überhaupt vor? Dürfen sie sprechen? Worüber sprechen sie? Sind sie aktiv oder passiv? Kommen nicht-weiße Menschen vor? Wie werden sie dargestellt? Für alle, die – wie ich – alt genug sind, dass diese Filme mal zeitgenössisch für sie waren, ist das Gefühl des Zeitgenössischen erloschen. Wir leben nun in einer anderen Zeit – und das ist gut so! Das, was die »Rechten« als »<strong>Wokeness</strong>« verabscheuen, ist nichts anderes als der <strong>größte und schnellste zivilgesellschaftliche Fortschritt aller Zeiten</strong>. Noch nie zuvor hat es die Menschheit geschafft, sich so <strong>schnell</strong>, <strong>effizient</strong> und vor allem <strong>kooperativ</strong> um globale Herausforderungen zu kümmern. Natürlich sollte es noch schneller gehen und natürlich ist es so, dass die Zustände so sind, dass uns die Zeit davon läuft, doch trotzdem muss man diesen Fakt festhalten. Globale Demokratie kann funktionieren – schnell, effizient und kooperativ.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full is-resized"><a href="#oben"><img loading="lazy" decoding="async" width="90" height="100" src="https://demokratischephilosophie.de/wp-content/uploads/2026/03/web_panda_zeigt_nach_oben.png" alt class="wp-image-2442" style="width:40px"></a></figure>



<div style="height:10px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:#000" class="has-inline-color has-custom-wei-color">Die Demokratie wird siegen</mark></h2>



<p>Die Schnelligkeit dieser Veränderungen lässt aber einige Menschen gerade überreagieren. Der Kampf gegen die »Wokeness« ist nichts anderes als ein Last Stand »weißer Männer« und ihrer Verbündeten gegen Frauen, Nicht-Weiße und »Andersartige«, darunter auch viele andere weiße Männer, gegen Umwelt- und Klimapolitik, um einen <strong>Status Quo der Macht</strong> zu verteidigen, der schon längst verloren schien. Was wir gerade sehen und erleben – in all seiner Grausamkeit, Verbissenheit, Hassfülle und Absurdität – ist der wilde Kampf einiger weniger, um eine gestrige Welt zu retten, die es so, wie sie sie sich vorstellen, ohnehin nie gegeben hat. Es ist der Last Stand – das letzte Gefecht – von Menschen, die Angst davor haben, ohne Gewalt mit allen anderen Menschen auskommen zu müssen. Ihre Vehemenz, die Unterstützung durch andere und die Unentschlossenheit ihrer Gegner*innen könnte sie zu einem vorübergehenden Sieg in der Schlacht führen, was für viele Menschen fürchterliche Konsequenzen hätte. Doch die oben skizzierte Entwicklung werden sie letztlich nicht zurückdrehen können.</p>



<p>Gesellschaften funktionieren letztlich nicht durch <strong>Agon</strong>, also Wettkampf oder Wettstreit. Diese können in gesicherten Zonen vorkommen, aber wenn sie zum <strong>Wesen</strong> einer <strong>Gesellschaft</strong> werden, dann wird sie zersetzt. Es ist wie bei dem Spiel mit dem unsäglichen Namen »Reise nach Jerusalem« (oder Stuhltanz). Wenn es nur um <strong>Siegen</strong> oder <strong>Verlieren</strong> geht, dann sitzt am Ende einer oder eine und alle anderen schauen <strong>verletzt</strong> zu. Das ist dann keine Gesellschaft mehr. Gesellschaft lebt von <strong>Kooperation</strong>.<br><strong>Autoritäre Gesellschaften</strong> überleben eine Zeit lang durch unterdrückte, verheimlichte, stille, eingeschränkte und erzwungene Kooperation (über viele Jahrhunderte eine der Hauptaufgaben der Frauen), doch ihre agonistische Grundstruktur bringt nach und nach das gesellschaftliche Leben zum Erliegen.<br><strong>Demokratische Gesellschaften</strong> sind im besten, »idealen« Fall durch freiwillige, offene und freundschaftliche Kooperation geprägt. <br>Das ist der Grund, warum <strong>Demokratien</strong>, so kompliziert sie auch manchmal sein mögen, letztlich <strong>unschlagbar</strong> sind.</p>



<p><br>Max Goldt sagte einmal, dass auch in der Nazi-Zeit zwölfmal Spargelzeit war, um darauf hinzuweisen, dass natürlich das »normale« Leben – soweit möglich – auch dann weitergeht, wenn das Böse regiert. Alltag ist immer. Der Satz sagt aber auch, dass selbst das schlimmste Böse nur eine kurze Zeit hat, um Menschen Leid zuzufügen und niemals das Leben aller vollständig erfassen kann. Die Nazizeit ist kein »Fliegenschiss« in der Geschichte, wie sie AfD-Mitglied (und übrigens früheres CDU-Mitglied) Alexander Gauland zynisch bezeichnet hat. Wir sollten uns daher wirklich Sorgen machen, dass dieses derzeit stattfindende »<strong>Letzte Gefecht</strong>« schreckliche Konsequenzen für viele Menschen haben könnte. Darum ist der <strong>Widerstand</strong> so wichtig, um dies zu verhindern.</p>



<p>Doch es besteht auch kein Anlass, den Mut zu verlieren: <strong>Lügen</strong>, <strong>Gekreische</strong> und <strong>Gebrüll</strong> voller <strong>Hass</strong> und <strong>Gewalt</strong>, die sich als Politik bezeichnen, sind nur der <strong>kakophonische Abgesang</strong> auf die »<strong>Gewaltherrschaft des weißen Mannes</strong>«. <br>Ich weiß nicht, wie viele <strong>Opfer</strong> er fordern wird, aber ich bin gewiss, dass die <strong>Demokratie siegen</strong> wird.</p>
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