Macht + Haltung. Der Podcast.

Laut denken

Macht + Haltung

Im Sin­ne Michel Fou­caults begrei­fe ich Macht als eine neu­tra­le sozia­le Kraft, mit der sozia­le Bezie­hun­gen erzeugt, erhal­ten und ver­stärkt wer­den. Macht ist also in die­sem Sin­ne nicht etwas, das man hat oder aus­übt, son­dern etwas, das zwi­schen den Men­schen exis­tiert und unter bestimm­ten Umstän­den sozia­le Phä­no­me­ne und Struk­tu­ren her­vor­brin­gen kann, die so emp­fun­den wer­den kön­nen, dass die einen Macht haben oder aus­üben, wohin­ge­gen ande­re macht­los bzw. ohn­mäch­tig sind. Dane­ben gibt es aber auch unzäh­li­ge Phä­no­me­ne und Struk­tu­ren, die Augen­hö­he her­stel­len und erhal­ten, wo Men­schen ande­ren hel­fen, sie för­dern, die koope­ra­ti­ves Han­deln und Arbeit der Sor­ge dar­stel­len.

Mit die­sem Ansatz ist es nicht nur ein­fa­cher, über die unter­schied­lichs­ten For­men sozia­ler Hand­lun­gen und Struk­tu­ren zu spre­chen, er ermög­licht es auch, den Fokus wie­der etwas vom Indi­vi­du­um zu lösen und ihn auf das Mit­ein­an­der, das zwi­schen den Men­schen zu rich­ten, denn dort – den­ke ich – ist der Keim der Demo­kra­tie eher zu fin­den als in den heh­ren Idea­len und fort­schritt­li­chen Ideen weni­ger »her­aus­ra­gen­der« oder »vor­bild­li­cher« Indi­vi­du­en.

Haltung

Daher erwei­te­re ich auch mei­ne Vor­stel­lung von »Indi­vi­du­en« zu Men­schen, die immer und zu jeder Zeit in einem sozia­len Macht­netz ver­an­kert sind. Statt indi­vi­du­el­len Tak­ti­ken und Stra­te­gien, die vor allem für sie selbst die­nen und gegen ande­re gerich­tet sind, kön­nen sie so im koope­ra­ti­ven Mit­ein­an­der auf­bau­en, die ihnen Schutz bie­ten und Ori­en­tie­rung geben, um mit ande­ren den eige­nen Weg zu fin­den und dabei Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, die die­ses uns ver­an­kern­de und schüt­zen­de Mit­ein­an­der för­dern.

Hal­tung bezieht sich dabei sowohl auf die anti­ke Vor­stel­lung von Ethos als cha­rak­ter­li­cher Hal­tung, wie wir sie bei Pla­ton und Aris­to­te­les fin­den, als auch auf die sozia­le Bedingt­heit, wir sie im Begriff des »HABITUS« von Pierre Bour­dieu fin­den und den er selbst über Tho­mas von Aquin aus der anti­ken Tra­di­ti­on ent­lehnt hat. Bei­den Vor­stel­lun­gen – der anti­ken wie der moder­nen – ist gemein, dass die­se Hal­tun­gen nicht nur als idea­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen ver­stan­den wer­den, son­dern auch als kör­per­li­che Hal­tun­gen, die nicht nur pas­siv durch Mime­sis adap­tiert wer­den, son­dern auch bewusst ver­än­dert und trai­niert wer­den kön­nen.

Seele

Pla­ton ver­stand den Kör­per als Gefäng­nis der See­le, Michel Fou­cault dreh­te die­se Ansicht um. Pierre Bour­dieu ver­such­te eine Sozio­ana­ly­se zu for­mu­lie­ren, indem er die psy­cho­lo­gi­sche Spra­che Sig­mund Freuds in eine Spra­che der Sozio­lo­gie über­trug. Vie­le Theoretiker*innen haben sich schon in den Fall­stri­cken einer indi­vi­dua­lis­ti­schen Welt­sicht ver­hed­dert, der man nicht mehr ent­kommt, wenn man sie von Anfang an zum Fun­da­ment der eige­nen Über­le­gun­gen macht. Daher ver­zich­te ich auf den Begriff der See­le, ob er nun als para-natur­wis­sen­schaft­li­che Psy­che oder als Pneu­ma oder QI in spi­ri­tu­el­len oder reli­giö­sen Kon­tex­ten auf­tritt.

Gedankenspiele

Der Pod­cast lie­fert kei­ne fer­ti­ge Ant­wor­ten oder unan­fecht­ba­res Wis­sen. Im Gegen­teil geht es um Gedan­ken­spie­le, um Wege zu fin­den, wie weni­ger Indi­vi­dua­lis­mus und mehr sozia­les Mit­ein­an­der gelin­gen kann.

Kri­tik ist dabei bewusst nicht mein Haupt­in­stru­ment, da ich gar nicht ver­su­chen möch­te, die Ansät­ze ande­rer anzu­grei­fen. Ich erspie­le statt­des­sen lie­ber gedank­lich wei­te­re mög­li­che Per­spek­ti­ven. Die Wert­schät­zung der Erfah­rung ande­rer Men­schen ist mir ganz bewusst ein grö­ße­res Anlie­gen als das zer­glie­dern, zer­le­gen und zer­stö­ren ande­rer Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen. Eine demo­kra­ti­sche Kul­tur lebt nun ein­mal von den Fähig­kei­ten und dem Wis­sen vie­ler und gedeiht durch deren Unter­schied­lich­keit und nicht durch ihre Ver­ein­heit­li­chung. Wir brau­chen kei­ne neue gro­ße Erzäh­lung, die uns alle auf das glei­che Set von Vor­stel­lun­gen ein­stimmt, wir brau­chen eine Kunst, aus der Fül­le unter­schied­li­cher Per­spek­ti­ven und Über­zeu­gun­gen gemein­sam ein viel­fäl­ti­ges Bedeu­tungs­netz zu knüp­fen, das uns alle trägt.

Die Philosophie als Kunst des Denkens

Die­ser Ansatz liegt mir als Phi­lo­soph sehr nah, denn die Phi­lo­so­phie – so wie ich sie ver­ste­he – ist etwas ganz ande­res als Wis­sen­schaft. Sie hat kei­ne fes­ten Metho­den, kei­ne fest­ge­leg­te Spra­che und auch kei­ne kla­re Defi­ni­ti­on ihrer Erkennt­nis­zie­le. Die Phi­lo­so­phie ist eine Kunst, im Sin­ne der anti­ken téch­ne. Sie ope­riert dort, wo wir uns noch nicht aus­ken­nen. Sie kre­iert neue Spra­chen, um mög­li­che Wirk­lich­kei­ten den­ken zu kön­nen und ent­wi­ckelt dar­aus Gedan­ken­spie­le, um die­se im Geis­te aus­zu­pro­bie­ren. Der Ope­ra­ti­ons­raum der Phi­lo­so­phie ist daher die Vir­tua­li­tät, ver­stan­den als Ver­mitt­lungs­raum zwi­schen Fik­ti­on und Wirk­lich­keit – oder wie ich es nen­ne: Als ob und doch.