Macht + Haltung. Der Podcast.

Demokratische Kultur entsteht zwischen den Menschen durch Macht und Haltung. Bald!
Laut denken
Ich habe mich entschieden, neben dem Blog »Philosophisches Notizbuch« auch ein Audioformat anzubieten, da erstens beide Medien unterschiedliche Zielgruppen haben und andererseits auch das »Laute Denken« im Unreinen eine gute Form des Philosophierens ist. Dementsprechend ist Macht + Haltung zu Beginn ein Solopodcast im Unterschied zu Alles wird gut. Das soll und wird sich aber in der Zukunft ändern, denn Demokratische Philosophie, wie ich sie verstehe, ist nicht nur Philosophie über Demokratie, sondern Philosophie in einem demokratischen Denkprozess – das bedeutet Austausch.
Demokratie als philosophisches Problem
Der von mir hoch geschätzte Ludwig Wittgenstein schrieb in seinen Philosophischen Untersuchungen: »Ein philosophisches Problem hat die Form: ›Ich kenne mich nicht aus‹.« Das ist auch der Ausgangspunkt meiner Suche nach einer Neufassung der Demokratie als Lebensform und Kultur. Es geht mir nicht darum, eine neue Definition zu finden, die Allgemeingültigkeit beansprucht, oder das Geschäft akademischer Besserwisserei zu betreiben. Es gibt unzählige Definitionen und Theorien zum Begriff der Demokratie. Der Witz der Demokratie ist gerade die Diversität der Meinungen und Ideen und die Vielstimmigkeit des Diskurses. Daher erhebe ich keinen Anspruch auf eine Wahrheit, die alle anderen aussticht oder übertrifft. Ich suche als jemand, der mehr nicht versteht als versteht, einen Ansatz zum Verständnis der Demokratie, der es möglich macht, menschliche Kultur in all ihren Facetten in einer Sprache der Demokratie zu beschreiben.
Macht + Haltung
Ein erster Schritt in diese Richtung ist es, mich von Sprache und Denken des Liberalen Individualismus zu lösen. Dazu gehört auch die naturalisierende Sprache der Psychologie. Damit verbinde ich keine Grundsatzkritik an der Psychologie. Grundsätzlich geht es mir weniger darum, die Ideen und Ansätze anderer zu kritisieren, als vielmehr Angebote zu machen, Sachverhalte anders zu sehen und zu beschreiben. Dazu gehören auch die zentralen Begriffe »MACHT« und »HALTUNG«.
Macht
Im Sinne Michel Foucaults begreife ich Macht als eine neutrale soziale Kraft, mit der soziale Beziehungen erzeugt, erhalten und verstärkt werden. Macht ist also in diesem Sinne nicht etwas, das man hat oder ausübt, sondern etwas, das zwischen den Menschen existiert und unter bestimmten Umständen soziale Phänomene und Strukturen hervorbringen kann, die so empfunden werden können, dass die einen Macht haben oder ausüben, wohingegen andere machtlos bzw. ohnmächtig sind. Daneben gibt es aber auch unzählige Phänomene und Strukturen, die Augenhöhe herstellen und erhalten, wo Menschen anderen helfen, sie fördern, die kooperatives Handeln und Arbeit der Sorge darstellen.
Mit diesem Ansatz ist es nicht nur einfacher, über die unterschiedlichsten Formen sozialer Handlungen und Strukturen zu sprechen, er ermöglicht es auch, den Fokus wieder etwas vom Individuum zu lösen und ihn auf das Miteinander, das zwischen den Menschen zu richten, denn dort – denke ich – ist der Keim der Demokratie eher zu finden als in den hehren Idealen und fortschrittlichen Ideen weniger »herausragender« oder »vorbildlicher« Individuen.
Haltung
Daher erweitere ich auch meine Vorstellung von »Individuen« zu Menschen, die immer und zu jeder Zeit in einem sozialen Machtnetz verankert sind. Statt individuellen Taktiken und Strategien, die vor allem für sie selbst dienen und gegen andere gerichtet sind, können sie so im kooperativen Miteinander aufbauen, die ihnen Schutz bieten und Orientierung geben, um mit anderen den eigenen Weg zu finden und dabei Entscheidungen zu treffen, die dieses uns verankernde und schützende Miteinander fördern.
Haltung bezieht sich dabei sowohl auf die antike Vorstellung von Ethos als charakterlicher Haltung, wie wir sie bei Platon und Aristoteles finden, als auch auf die soziale Bedingtheit, wir sie im Begriff des »HABITUS« von Pierre Bourdieu finden und den er selbst über Thomas von Aquin aus der antiken Tradition entlehnt hat. Beiden Vorstellungen – der antiken wie der modernen – ist gemein, dass diese Haltungen nicht nur als idealistischen Einstellungen verstanden werden, sondern auch als körperliche Haltungen, die nicht nur passiv durch Mimesis adaptiert werden, sondern auch bewusst verändert und trainiert werden können.
Seele
Platon verstand den Körper als Gefängnis der Seele, Michel Foucault drehte diese Ansicht um. Pierre Bourdieu versuchte eine Sozioanalyse zu formulieren, indem er die psychologische Sprache Sigmund Freuds in eine Sprache der Soziologie übertrug. Viele Theoretiker*innen haben sich schon in den Fallstricken einer individualistischen Weltsicht verheddert, der man nicht mehr entkommt, wenn man sie von Anfang an zum Fundament der eigenen Überlegungen macht. Daher verzichte ich auf den Begriff der Seele, ob er nun als para-naturwissenschaftliche Psyche oder als Pneuma oder QI in spirituellen oder religiösen Kontexten auftritt.
Gedankenspiele
Der Podcast liefert keine fertige Antworten oder unanfechtbares Wissen. Im Gegenteil geht es um Gedankenspiele, um Wege zu finden, wie weniger Individualismus und mehr soziales Miteinander gelingen kann.
Kritik ist dabei bewusst nicht mein Hauptinstrument, da ich gar nicht versuchen möchte, die Ansätze anderer anzugreifen. Ich erspiele stattdessen lieber gedanklich weitere mögliche Perspektiven. Die Wertschätzung der Erfahrung anderer Menschen ist mir ganz bewusst ein größeres Anliegen als das zergliedern, zerlegen und zerstören anderer Perspektiven und Meinungen. Eine demokratische Kultur lebt nun einmal von den Fähigkeiten und dem Wissen vieler und gedeiht durch deren Unterschiedlichkeit und nicht durch ihre Vereinheitlichung. Wir brauchen keine neue große Erzählung, die uns alle auf das gleiche Set von Vorstellungen einstimmt, wir brauchen eine Kunst, aus der Fülle unterschiedlicher Perspektiven und Überzeugungen gemeinsam ein vielfältiges Bedeutungsnetz zu knüpfen, das uns alle trägt.
Die Philosophie als Kunst des Denkens
Dieser Ansatz liegt mir als Philosoph sehr nah, denn die Philosophie – so wie ich sie verstehe – ist etwas ganz anderes als Wissenschaft. Sie hat keine festen Methoden, keine festgelegte Sprache und auch keine klare Definition ihrer Erkenntnisziele. Die Philosophie ist eine Kunst, im Sinne der antiken téchne. Sie operiert dort, wo wir uns noch nicht auskennen. Sie kreiert neue Sprachen, um mögliche Wirklichkeiten denken zu können und entwickelt daraus Gedankenspiele, um diese im Geiste auszuprobieren. Der Operationsraum der Philosophie ist daher die Virtualität, verstanden als Vermittlungsraum zwischen Fiktion und Wirklichkeit – oder wie ich es nenne: Als ob und doch.