Platonisches Notizbuch. Blog.

»Als Element der Selbstübung besitzt das Schreiben eine ethopoetische Funktion« Michel FOUCAULT
- Aristoteles: Prototypen der MachtFür die Scholastik war Aristoteles der Superstar der Philosophie. Thomas von Aquin nannte ihn DEN PHILOSOPHEN. Er entwickelte das philosophische Begriffspaar dynamis und energeia, um Veränderung und Werden zu erklären. Es prägt über den Umweg der Scholastik bis heute die westliche Machttheorie und ‑sprache – manchmal explizit, manchmal implizit. Dynamis bedeutet das Vermögen, das Potenzial, das einer Sache innewohnt, bevor es sich entfaltet. Energeia ist die Verwirklichung dieses Vermögens, das Tätigsein selbst. Aristoteles dachte diese Begriffe nicht als bloße Gegensätze, sondern als gerichtetes Verhältnis: Das Potenzial drängt zur Verwirklichung. Der Witz dabei: Die Wirklichkeit ist dem Begriff nach früher, weil wir ein Vermögen nur verstehen, wenn wir wissen, wozu es dient. Die Etymologie der Machtbegriffe aller westlichen Sprachen führt auf dieselbe Wurzel zurück – Macht ist ursprünglich Können. Das griechische dynasthai, das lateinische potentia, das germanische magan – überall dasselbe: Macht ist kein Ding, sondern ein Vermögen. Aristoteles hat in seinem Konzept zwei Fallen umgangen, in die spätere Denker*innen regelmäßig tappen: die Substanzialisierung von Macht als besitzbares Ding – und den reinen Aktualismus, der Macht nur dort sieht, wo sie sichtbar ausgeübt wird. Latente, ruhende Macht ist nicht weniger real. Neuzeitliche und moderne Machttheoretiker*innen operieren alle auf die eine oder andere Weise mit mit dem aristotelische Begriffswerkzeug, z. B. Hobbes, Arendt und Foucault. Mit Aristoteles können wir fragen, welche Potenziale in Institutionen und Menschen schlummern und warum sie sich nicht verwirklichen.
- RandgruppenIch frage mich gerade ernsthaft, was da politisch passiert. Als Bärbel Bas in den Tagesthemen meinte, es sei falsch, dass der SPD das Image anhänge, sich „nur um Randgruppen zu kümmern“, sollte das wohl die Partei näher an die „Mitte“ rücken. Für mich zeigt das aber vor allem ein tieferes Problem: eine Sprache, die Ausgrenzung normalisiert, statt sie zu hinterfragen. Der Begriff „Randgruppe“ wirkt harmlos, ist er aber nicht. Er stammt aus der Soziologie der Nachkriegszeit und beschreibt Menschen, die gesellschaftlich ausgeschlossen sind. Doch schon das Bild ist schief: Wer von „Rand“ spricht, setzt ein „Zentrum“ voraus – und entscheidet damit indirekt, wer dazugehört und wer nicht. Genau das widerspricht für mich einer demokratischen Gesellschaft, die eigentlich auf Gleichwertigkeit basiert. Was mich besonders stört: Diese Wortwahl schafft ein „Wir gegen die anderen“. Plötzlich gibt es die „hart arbeitende Mitte“ – und daneben Menschen, deren Anliegen scheinbar weniger zählen. Politik wird dann nicht mehr nach Gerechtigkeit gemacht, sondern danach, was mehrheitsfähig wirkt. Empathie und Solidarität werden aus PR-Feigheit aufgegeben. Die SPD schwankt seit Jahrzehnten zwischen sozialem Anspruch und Anpassung an neoliberale Erzählungen – spätestens seit der Agenda 2010 – auf der Suche nach der goldenen politischen Mitte. Diese ist jedoch ein Mythos und eine rechte Umdeutung demokratischer Gesellschaft. Eine vielfältige Gesellschaft hat kein klares Zentrum. Trotzdem richtet sich Politik immer wieder an diesem Phantom aus – auf Kosten der Schwächsten. Sprache ist nicht neutral. Wer von „Randgruppen“ spricht, entscheidet mit darüber, wessen Probleme als legitim gelten. Und genau deshalb erwarte ich von einer sozialdemokratischen Partei das Gegenteil – nämlich eine Sprache, die einschließt statt ausgrenzt. Am Ende geht es nicht um Image, sondern um Haltung. Nicht darum, wie Politik wirkt, sondern wofür sie steht. Wenn Sozialdemokratie glaubwürdig sein will, muss sie wieder den Mut haben, für Gerechtigkeit einzustehen – auch wenn das unbequem ist. Wie schon Bertolt Brecht schrieb: Wer nicht für seine eigene Sache kämpft, wird am Ende die Niederlage teilen. Die SPD geht nach und nach unter – aus Feigheit? Wir brauchen wieder ein starkes Bündnis für eine gerechte und nachhaltige demokratische Gesellschaft als echte Alternative zur schwarz-blauen (Noch-)Schattenregierung. Dazu muss es zu einer sozialdemokratischen Erneuerung kommen – innerhalb oder außerhalb der SPD. IN der SPD wird sie mit den aktuellen Gesichtern aber wohl kaum noch gelingen.
- Was »Demokratie« (uns) bedeutetWenn man »Demokratie« neu fassen möchte, dann sind Begriffsgeschichte und Etymologie ein guter erster Schritt. Dabei zerlegen wir das Wort in seine Bestandteile: »Demos« und »Kratos«. Im Altgriechischen und im Deutschen loten wir das Bedeutungsfeld rund um »Demokratie« aus, um einen Steinbruch zu gewinnen, den wir in der Theoriebildung nutzen können.
- Die Demokratie wird siegen!Ich beobachte – wie viele andere – mit wachsender Sorge den Zustand unserer Demokratie: Formal funktioniert sie (noch) – Wahlen finden statt, Parlamente tagen, Regierungen werden gebildet –, doch strukturell entfernen sich die Akteure formaler Demokratie immer weiter von den Menschen. Parteien verlieren Rückhalt, wirtschaftliche Akteure gewinnen Einfluss, Techkonzerne polarisieren die digitale Pseudo-Öffentlichkeit auf ihren privaten Plattformen und autoritäre Tendenzen werden lauter. Gleichzeitig sehe ich in diesem »rechten Vormarsch« kein neues Phänomen, sondern ein Rückzugsgefecht angesichts enormer gesellschaftlicher Fortschritte der letzten Jahrzehnte. Für mich steht fest: Jede Gesellschaft lebt von Kooperation, nicht von permanentem Kampf jede*r gegen jede*n. Die Gesellschaftsform, in der die Kooperation von freien, unterschiedlichen Menschen am besten gedeiht, ist die demokratische. Gerade deshalb bin ich überzeugt – so gefährlich diese Phase auch sein mag –, dass die Demokratie am Ende stärker sein wird.