Platonisches Notizbuch. Blog.

  • Aris­to­te­les: Pro­to­ty­pen der Macht
    Für die Scho­las­tik war Aris­to­te­les der Super­star der Phi­lo­so­phie. Tho­mas von Aquin nann­te ihn DEN PHILOSOPHEN. Er ent­wi­ckel­te das phi­lo­so­phi­sche Begriffs­paar dyna­mis und ener­geia, um Ver­än­de­rung und Wer­den zu erklä­ren. Es prägt über den Umweg der Scho­las­tik bis heu­te die west­li­che Macht­theo­rie und ‑spra­che – manch­mal expli­zit, manch­mal impli­zit. Dyna­mis bedeu­tet das Ver­mö­gen, das Poten­zi­al, das einer Sache inne­wohnt, bevor es sich ent­fal­tet. Ener­geia ist die Ver­wirk­li­chung die­ses Ver­mö­gens, das Tätig­sein selbst. Aris­to­te­les dach­te die­se Begrif­fe nicht als blo­ße Gegen­sät­ze, son­dern als gerich­te­tes Ver­hält­nis: Das Poten­zi­al drängt zur Ver­wirk­li­chung. Der Witz dabei: Die Wirk­lich­keit ist dem Begriff nach frü­her, weil wir ein Ver­mö­gen nur ver­ste­hen, wenn wir wis­sen, wozu es dient. Die Ety­mo­lo­gie der Macht­be­grif­fe aller west­li­chen Spra­chen führt auf die­sel­be Wur­zel zurück – Macht ist ursprüng­lich Kön­nen. Das grie­chi­sche dynast­hai, das latei­ni­sche poten­tia, das ger­ma­ni­sche magan – über­all das­sel­be: Macht ist kein Ding, son­dern ein Ver­mö­gen. Aris­to­te­les hat in sei­nem Kon­zept zwei Fal­len umgan­gen, in die spä­te­re Denker*innen regel­mä­ßig tap­pen: die Sub­stan­zia­li­sie­rung von Macht als besitz­ba­res Ding – und den rei­nen Aktua­lis­mus, der Macht nur dort sieht, wo sie sicht­bar aus­ge­übt wird. Laten­te, ruhen­de Macht ist nicht weni­ger real. Neu­zeit­li­che und moder­ne Machttheoretiker*innen ope­rie­ren alle auf die eine oder ande­re Wei­se mit mit dem aris­to­te­li­sche Begriffs­werk­zeug, z. B. Hob­bes, Are­ndt und Fou­cault. Mit Aris­to­te­les kön­nen wir fra­gen, wel­che Poten­zia­le in Insti­tu­tio­nen und Men­schen schlum­mern und war­um sie sich nicht ver­wirk­li­chen.
  • Rand­grup­pen
    Ich fra­ge mich gera­de ernst­haft, was da poli­tisch pas­siert. Als Bär­bel Bas in den Tages­the­men mein­te, es sei falsch, dass der SPD das Image anhän­ge, sich „nur um Rand­grup­pen zu küm­mern“, soll­te das wohl die Par­tei näher an die „Mit­te“ rücken. Für mich zeigt das aber vor allem ein tie­fe­res Pro­blem: eine Spra­che, die Aus­gren­zung nor­ma­li­siert, statt sie zu hin­ter­fra­gen. Der Begriff „Rand­grup­pe“ wirkt harm­los, ist er aber nicht. Er stammt aus der Sozio­lo­gie der Nach­kriegs­zeit und beschreibt Men­schen, die gesell­schaft­lich aus­ge­schlos­sen sind. Doch schon das Bild ist schief: Wer von „Rand“ spricht, setzt ein „Zen­trum“ vor­aus – und ent­schei­det damit indi­rekt, wer dazu­ge­hört und wer nicht. Genau das wider­spricht für mich einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft, die eigent­lich auf Gleich­wer­tig­keit basiert. Was mich beson­ders stört: Die­se Wort­wahl schafft ein „Wir gegen die ande­ren“. Plötz­lich gibt es die „hart arbei­ten­de Mit­te“ – und dane­ben Men­schen, deren Anlie­gen schein­bar weni­ger zäh­len. Poli­tik wird dann nicht mehr nach Gerech­tig­keit gemacht, son­dern danach, was mehr­heits­fä­hig wirkt. Empa­thie und Soli­da­ri­tät wer­den aus PR-Feig­heit auf­ge­ge­ben. Die SPD schwankt seit Jahr­zehn­ten zwi­schen sozia­lem Anspruch und Anpas­sung an neo­li­be­ra­le Erzäh­lun­gen – spä­tes­tens seit der Agen­da 2010 – auf der Suche nach der gol­de­nen poli­ti­schen Mit­te. Die­se ist jedoch ein Mythos und eine rech­te Umdeu­tung demo­kra­ti­scher Gesell­schaft. Eine viel­fäl­ti­ge Gesell­schaft hat kein kla­res Zen­trum. Trotz­dem rich­tet sich Poli­tik immer wie­der an die­sem Phan­tom aus – auf Kos­ten der Schwächs­ten. Spra­che ist nicht neu­tral. Wer von „Rand­grup­pen“ spricht, ent­schei­det mit dar­über, wes­sen Pro­ble­me als legi­tim gel­ten. Und genau des­halb erwar­te ich von einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei das Gegen­teil – näm­lich eine Spra­che, die ein­schließt statt aus­grenzt. Am Ende geht es nicht um Image, son­dern um Hal­tung. Nicht dar­um, wie Poli­tik wirkt, son­dern wofür sie steht. Wenn Sozi­al­de­mo­kra­tie glaub­wür­dig sein will, muss sie wie­der den Mut haben, für Gerech­tig­keit ein­zu­ste­hen – auch wenn das unbe­quem ist. Wie schon Ber­tolt Brecht schrieb: Wer nicht für sei­ne eige­ne Sache kämpft, wird am Ende die Nie­der­la­ge tei­len. Die SPD geht nach und nach unter – aus Feig­heit? Wir brau­chen wie­der ein star­kes Bünd­nis für eine gerech­te und nach­hal­ti­ge demo­kra­ti­sche Gesell­schaft als ech­te Alter­na­ti­ve zur schwarz-blau­en (Noch-)Schattenregierung. Dazu muss es zu einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Erneue­rung kom­men – inner­halb oder außer­halb der SPD. IN der SPD wird sie mit den aktu­el­len Gesich­tern aber wohl kaum noch gelin­gen.
  • Was »Demo­kra­tie« (uns) bedeu­tet
    Wenn man »Demo­kra­tie« neu fas­sen möch­te, dann sind Begriffs­ge­schich­te und Ety­mo­lo­gie ein guter ers­ter Schritt. Dabei zer­le­gen wir das Wort in sei­ne Bestand­tei­le: »Demos« und »Kra­tos«. Im Alt­grie­chi­schen und im Deut­schen loten wir das Bedeu­tungs­feld rund um »Demo­kra­tie« aus, um einen Stein­bruch zu gewin­nen, den wir in der Theo­rie­bil­dung nut­zen kön­nen.
  • Die Demo­kra­tie wird sie­gen!
    Ich beob­ach­te – wie vie­le ande­re – mit wach­sen­der Sor­ge den Zustand unse­rer Demo­kra­tie: For­mal funk­tio­niert sie (noch) – Wah­len fin­den statt, Par­la­men­te tagen, Regie­run­gen wer­den gebil­det –, doch struk­tu­rell ent­fer­nen sich die Akteu­re for­ma­ler Demo­kra­tie immer wei­ter von den Men­schen. Par­tei­en ver­lie­ren Rück­halt, wirt­schaft­li­che Akteu­re gewin­nen Ein­fluss, Tech­kon­zer­ne pola­ri­sie­ren die digi­ta­le Pseu­do-Öffent­lich­keit auf ihren pri­va­ten Platt­for­men und auto­ri­tä­re Ten­den­zen wer­den lau­ter. Gleich­zei­tig sehe ich in die­sem »rech­ten Vor­marsch« kein neu­es Phä­no­men, son­dern ein Rück­zugs­ge­fecht ange­sichts enor­mer gesell­schaft­li­cher Fort­schrit­te der letz­ten Jahr­zehn­te. Für mich steht fest: Jede Gesell­schaft lebt von Koope­ra­ti­on, nicht von per­ma­nen­tem Kampf jede*r gegen jede*n. Die Gesell­schafts­form, in der die Koope­ra­ti­on von frei­en, unter­schied­li­chen Men­schen am bes­ten gedeiht, ist die demo­kra­ti­sche. Gera­de des­halb bin ich über­zeugt – so gefähr­lich die­se Pha­se auch sein mag –, dass die Demo­kra­tie am Ende stär­ker sein wird.