Aristoteles: Prototypen der Macht

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Energeia und Dynamis

Es gibt Begrif­fe, die so tief in das Den­ken einer Epo­che ein­ge­gra­ben sind, dass spä­te­re Gene­ra­tio­nen nicht mehr wis­sen, woher ihre eige­nen Grund­ka­te­go­rien stam­men. Macht ist so ein Begriff. Wenn heu­te Politolog*innen von struk­tu­rel­ler Macht spre­chen, wenn Soziolog*innen zwi­schen Poten­zi­al und Aus­übung unter­schei­den, wenn Phi­lo­so­phen fra­gen, was es heißt, etwas zu kön­nen, ohne es zu tun – dann bewe­gen sie sich, oft ohne es zu ahnen, in einem Gedan­ken­raum, den Aris­to­te­les vor mehr als zwei­tau­send Jah­ren abge­steckt hat. Zwar for­mu­lier­te er selbst nie eine Theo­rie der Macht. aber er führ­te zwei Begrif­fe in die Phi­lo­so­phie ein, die auch in der Macht­theo­rie ihre Spu­ren hin­ter­lie­ßen: dyna­mis und ener­geia.

Zwei Worte, die die Welt erklären sollten

Aris­to­te­les leb­te in einer Zeit, in der eine Fra­ge die gesam­te grie­chi­sche Phi­lo­so­phie in Atem hielt: Wie ist Ver­än­de­rung mög­lich? Sein Leh­rer Pla­ton hat­te auf die unver­än­der­li­chen Ideen gesetzt – das Ewi­ge, das Sta­bi­le, das Wah­re. Die sicht­ba­re Welt der Ver­än­de­run­gen war für Pla­ton ein Abglanz, fast eine Täu­schung. Aris­to­te­les dreh­te die­sen Gedan­ken um. Er woll­te nicht hin­ter die Welt bli­cken, son­dern sie selbst ver­ste­hen – in ihrer Bewe­gung, ihrem Wer­den, ihrem Wan­del. Und für die­ses Unter­neh­men brauch­te er neue Begrif­fe.

Den ers­ten fand er nicht weit: dyna­mis kann­te die grie­chi­sche Spra­che längst. Das Wort stammt vom Verb dynast­hai, das so viel bedeu­tet wie »kön­nen«, »ver­mö­gen«, »imstan­de sein«. Im All­tag bezeich­ne­te dyna­mis die Fähig­keit eines Men­schen, kör­per­li­che Stär­ke, aber auch das Ver­mö­gen eines Arz­nei­mit­tels zu hei­len oder eines Fürs­ten zu regie­ren. Aris­to­te­les über­nahm die­ses All­tags­wort und füll­te es mit phi­lo­so­phi­scher Prä­zi­si­on. In sei­ner »Meta­phy­sik« macht er dar­aus einen Grund­be­griff sei­ner Seins­phi­lo­so­phie: dyna­mis ist die Mög­lich­keit, das noch nicht rea­li­sier­te Poten­zi­al, das Ver­mö­gen, das einer Sache inne­wohnt, noch bevor es sich ent­fal­tet hat. Ein Samen­korn besitzt dyna­mis – das Ver­mö­gen, zum Baum zu wer­den. Ein Musi­ker, der schläft, besitzt dyna­mis – die Fähig­keit, Kla­vier zu spie­len, auch wenn er es gera­de nicht tut.

Etymologie

Das alt­grie­chi­sche δύναμις (dyna­mis) wird abge­lei­tet von δύνασθαι (dynast­hai) — »kön­nen«, »ver­mö­gen«. Es ist ver­wandt mit δυνάστης (dynas­tes, »Herr­scher«). Unse­ren Wör­ter »Dyna­mo«, »Dynas­tie« gehen und natür­lich »dynamisch/Dynamik« dar­auf zurück. Die Wur­zel lebt im Latei­ni­schen als poten­tia wei­ter, wor­aus unse­re Wör­ter »Poten­zi­al«, »Potenz« ent­stan­den sind. In der latei­ni­schen Über­tra­gung beginnt die Begriffs­ge­schich­te der Macht. Das latei­ni­sche Wort poten­tia, mit dem die Römer dyna­mis über­setz­ten, wur­de zur Wur­zel fast aller west­li­chen Macht­be­grif­fe. Fran­zö­sisch pou­voir, eng­lisch power, spa­nisch poder – alles Kin­der des latei­ni­schen pote­re, »kön­nen«, das selbst eine Über­set­zung von dynast­hai ist. Das deut­sche »Macht« geht zwar auf eine ger­ma­ni­sche Wur­zel zurück (magan, »kön­nen«, »ver­mö­gen«), trifft aber die­sel­be Grund­be­deu­tung: Macht ist ein Kön­nen. Ein Ver­mö­gen. Eine dyna­mis.

Den zwei­ten Begriff – ener­geia – präg­te Aris­to­te­les stär­ker selbst. Ener­geia ist in der All­tags­spra­che weni­ger ver­an­kert als dyna­mis; es ist ein phi­lo­so­phi­sches Kunst­wort, das Aris­to­te­les offen­bar selbst geformt oder zumin­dest ent­schei­dend geprägt hat. Es setzt sich zusam­men aus en (»in«) und ergon (»Werk«, »Tat«, »Tätig­keit«). Ener­geia bedeu­tet also wört­lich so etwas wie »Im-Werk-Sein«, das Tätig­sein, die Ver­wirk­li­chung. Wenn der Musi­ker spielt, ist er in sei­ner ener­geia; wenn der Baum wächst, ver­wirk­licht sich sein Wesen. Das deut­sche Wort »Ener­gie« und das eng­li­sche Wort »ener­gy« sind direk­te Erben – aber in einer stark ver­blass­ten, phy­si­ka­lisch ver­eng­ten Form. Bei Aris­to­te­les ist ener­geia nicht bloß Kraft oder Ener­gie im moder­nen Sin­ne, son­dern die voll­stän­di­ge Ver­wirk­li­chung eines Wesens in sei­ner eigen­tüm­li­chen Tätig­keit.

Das alt­grie­chi­sche ἐνέργεια (ener­geia), gebil­det aus ἐν (en, »in«) und ἔργον (ergon, »Werk«, »Hand­lung«) wir im Latei­ni­schen als actua­li­tas oder actus wie­der­ge­ge­ben — wor­aus unse­rer Wör­ter »Aktua­li­tät«, »Akti­on«, »Akt« ent­stam­men.

Wenn wir die Ety­mo­lo­gie der Macht­be­grif­fe durch die Spra­chen ver­fol­gen, sto­ßen wir immer wie­der auf die­sel­be Wur­zel: Macht ist ursprüng­lich Kön­nen. Im Deut­schen führt die Linie von magan (alt­hoch­deutsch, »kön­nen«, »ver­mö­gen«) über mit­tel­hoch­deutsch maht zum heu­ti­gen »Macht«. Im Latei­ni­schen mün­det pote­re in poten­tia, und von dort in alle roma­ni­schen Spra­chen. Im Grie­chi­schen ist es dynast­hai, das zur dyna­mis wird. Über­all das­sel­be: Macht ist kein Ding, das jemand besitzt wie ein Werk­zeug. Macht ist zunächst ein Ver­mö­gen – eine Mög­lich­keit des Han­delns, die noch nicht ver­wirk­licht ist.

Die­se ety­mo­lo­gi­sche Über­ein­stim­mung ist kein Zufall. Sie zeigt, dass die aris­to­te­li­sche Unter­schei­dung nicht eine will­kür­li­che phi­lo­so­phi­sche Kon­struk­ti­on war, son­dern an etwas her­an­reich­te, das von Men­schen oft in die­ser dop­pel­ten Form wahr­ge­nom­men und erfah­ren wird: als Ver­mö­gen, das wir jeman­dem zuschrei­ben, bevor er han­delt – und als Wirk­lich­keit, die sich in der kon­kre­ten Hand­lung zeigt und bestä­tigt.

Aris­to­te­les hat die­se dop­pel­te Form mit begriff­li­cher Schär­fe her­aus­ge­ar­bei­tet und ihr eine phi­lo­so­phi­sche Tie­fe gege­ben, die über die all­täg­li­che Beob­ach­tung weit hin­aus­ging. Sein ent­schei­den­der Schritt war die Ein­sicht, dass das Ver­hält­nis zwi­schen Poten­zi­al und Wirk­lich­keit nicht sym­me­trisch ist. Das Poten­zi­al ist nicht ein­fach »weni­ger« als die Wirk­lich­keit – es ist eine ande­re, eige­ne Seins­wei­se. Ein Mensch, der schla­fen kann, ist nicht weni­ger wirk­lich als einer, der gera­de schläft. Und ein Herr­scher, des­sen Macht gera­de nicht aus­ge­übt wird, ist nicht macht­los – er ist Inha­ber einer dyna­mis, einer struk­tu­rell ande­ren, aber voll­gül­ti­gen Form von Wirk­lich­keit. Wir wer­den an ande­rer Stel­le, das die­se wirk­mäch­ti­ge aris­to­te­li­sche Dicho­to­mie auch ihre Gren­zen hat und uns den Blick ver­stellt auf ein neu­es Ver­ständ­nis von Macht im Anschluss, das wir im Anschluss an Michel Fou­cault ent­wi­ckeln kön­nen: Macht als neu­tra­le sozia­le Kraft, die wir nie­man­dem indi­vi­du­ell zuschrei­ben.

Das Verhältnis der beiden Begriffe – mehr als ein Gegensatz

Dyna­mis und ener­geia bil­den bei Aris­to­te­les kein ein­fa­ches Gegen­satz­paar wie »schwarz und weiß« oder »kalt und warm«. Sie ste­hen in einem leben­di­gen, gerich­te­ten Ver­hält­nis zuein­an­der: Die dyna­mis drängt zur ener­geia; das Poten­zi­al sucht sei­ne Ver­wirk­li­chung. Die Natur, so Aris­to­te­les, arbei­tet nicht ziel­los – sie ent­fal­tet, was in den Din­gen ange­legt ist. Die­ser Gedan­ke einer inne­ren Ziel­ge­rich­tet­heit, für die er den Begriff telos (Ziel, Zweck, Voll­endung) präg­te, durch­zieht sei­ne gesam­te Natur­phi­lo­so­phie.

»Die Wirk­lich­keit ist frü­her als die Mög­lich­keit – nicht der Zeit nach, wohl aber dem Begriff und dem Wesen nach.« Aris­to­te­les, Meta­phy­sik IX, 8

Das ist ein radi­ka­ler Gedan­ke, den man leicht über­liest. Aris­to­te­les behaup­tet, dass die Ver­wirk­li­chung in gewis­ser Wei­se »ursprüng­li­cher« ist als das blo­ße Ver­mö­gen. War­um? Weil wir ein Ver­mö­gen immer nur ver­ste­hen, wenn wir wis­sen, wozu es dient. Was heißt es, Pia­nist zu sein? Wir begrei­fen es nur, wenn wir wis­sen, was Kla­vier­spie­len ist – also die rea­li­sier­te Tätig­keit. Das Poten­zi­al ist defi­niert durch die Wirk­lich­keit, die es anstrebt, nicht umge­kehrt.

Warum das alles mit Macht zu tun hat

Aris­to­te­les selbst hat das Wort­paar dyna­mis / ener­geia nicht zu einer Theo­rie der poli­ti­schen Macht aus­ge­baut. In sei­ner »Poli­tik« – dem ein­zi­gen Werk, das tat­säch­lich von Herr­schaft, Bür­ger­schaft und staat­li­cher Ord­nung han­delt – tau­chen die­se Begrif­fe kaum in macht­theo­re­ti­schem Zusam­men­hang auf. Und den­noch: Die Struk­tur, die er beschreibt, ist genau die Struk­tur, die spä­te­re Den­ker als »Macht« iden­ti­fi­zie­ren wer­den.

Was ist Macht, wenn man sie mit aris­to­te­li­schen Augen betrach­tet? Sie ist zunächst ein Ver­mö­gen – eine dyna­mis. Jemand hat Macht, bevor er sie aus­übt. Ein König schläft und ist den­noch König; sei­ne Macht ruht, ist aber nicht ver­schwun­den. Das ist kein Para­dox, son­dern genau das, was Aris­to­te­les mit der schla­fen­den Fähig­keit des Musi­kers beschreibt. Die Macht besteht als Poten­zi­al, als struk­tu­rel­les Ver­mö­gen, das der Aus­übung vor­aus­geht. Zugleich drängt die­ses Ver­mö­gen zur Ver­wirk­li­chung – zur ener­geia. Wer Macht hat, ohne sie je zu nut­zen, stellt die gan­ze Bedeu­tung sei­nes Ver­mö­gens in Fra­ge. Macht will sich zei­gen, bestä­ti­gen, repro­du­zie­ren.

Die Scholastik als Scharnierstelle: Potentia und Actus

Es waren die mit­tel­al­ter­li­chen Denker*innen – allen vor­an Tho­mas von Aquin –, die das aris­to­te­li­sche Begriffs­paar in das Zen­trum der Phi­lo­so­phie rück­ten und damit zugleich die Brü­cke zur Macht­theo­rie bau­ten. Tho­mas über­setz­te dyna­mis kon­se­quent als poten­tia und ener­geia als actus. Die­se Unter­schei­dung – zwi­schen Mög­lich­keit und Wirk­lich­keit, zwi­schen Anla­ge und Voll­zug – wur­de zur Grund­la­ge der gesam­ten scho­las­ti­schen Phi­lo­so­phie, also der phi­lo­so­phisch-theo­lo­gi­schen Denk­schu­le des christ­li­chen Mit­tel­al­ters.

Was dabei geschah, ist für unse­re Fra­ge ent­schei­dend: Poten­tia bezeich­ne­te nicht mehr nur das natür­li­che Ver­mö­gen des Wach­sens und Wer­dens, son­dern auch das Ver­mö­gen Got­tes, der Herr­scher und der Insti­tu­tio­nen. Die poten­tia Dei abso­lu­ta – die abso­lu­te Macht Got­tes – wur­de zum phi­lo­so­phi­schen Grund­be­griff einer Theo­lo­gie der Herr­schaft. Und actus, die Ver­wirk­li­chung, wur­de zur Norm: Voll­kom­men ist, was voll­stän­dig ver­wirk­licht ist. Gott ist actus purus, rei­ne Wirk­lich­keit, ohne jede Unver­wirk­licht­heit – das Gegen­teil von dyna­mis. Die­ser Gedan­ke ist aris­to­te­lisch in sei­ner Struk­tur, aber sei­ne poli­ti­schen und theo­lo­gi­schen Impli­ka­tio­nen gehen weit über das hin­aus, was Aris­to­te­les selbst for­mu­liert hat­te.

Der griechische Unterton im neuzeitlichen Machtdenken

Die gro­ßen Macht­theo­re­ti­ker der Neu­zeit haben sel­ten expli­zit auf Aris­to­te­les ver­wie­sen, wenn sie ihre Grund­be­grif­fe ent­wi­ckel­ten – und doch las­sen sich ihre Kern­un­ter­schei­dun­gen als Varia­tio­nen des aris­to­te­li­schen The­mas lesen.

Tho­mas Hob­bes, der im 17. Jahr­hun­dert die Grund­la­gen des moder­nen Staats­den­kens leg­te, defi­niert Macht im »Levia­than« schlicht als »die gegen­wär­ti­gen Mit­tel, einen künf­ti­gen schein­ba­ren Nut­zen zu erlan­gen«. Das ist eine dyna­mis-Defi­ni­ti­on: Macht als Ver­mö­gen, als Res­sour­ce, als Poten­zi­al. Die Aus­übung die­ser Macht, ihre ener­geia, ist dem­ge­gen­über das, was der Staat durch sein Gewalt­mo­no­pol kana­li­siert und bän­digt. Bei Hob­bes ist die Span­nung zwi­schen Poten­zi­al und Wirk­lich­keit zum Fun­da­ment einer gan­zen poli­ti­schen Ord­nung gewor­den.

Han­nah Are­ndt, die im 20. Jahr­hun­dert den Macht­be­griff gründ­lichst ana­ly­sier­te, kommt von einer ganz ande­ren Sei­te – und lan­det den­noch in der­sel­ben Struk­tur. Für Are­ndt ist Macht nicht das Ver­mö­gen eines Ein­zel­nen, son­dern ent­steht nur im gemein­sa­men Han­deln: »Macht ent­springt dem mensch­li­chen Ver­mö­gen, nicht nur zu han­deln oder etwas zu tun, son­dern sich mit ande­ren zusam­men­zu­schlie­ßen und im Ein­ver­neh­men mit ihnen zu han­deln.« Die­se Macht ist wesent­lich ener­geia: Sie exis­tiert nur in ihrer Ver­wirk­li­chung, im tat­säch­li­chen gemein­sa­men Tun. Sie kann nicht gehor­tet, gela­gert oder wie ein Roh­stoff vor­rä­tig gehal­ten wer­den. Eine Grup­pe, die auf­hört zu han­deln, ver­liert ihre Macht – sie hat­te bloß noch ein Poten­zi­al, das sich auf­löst, sobald es sich nicht mehr ver­wirk­licht.

Michel Foucaults Revolution der Machttheorie mit und gegen Aristoteles

Michel Fou­cault schließ­lich, der das gesam­te gesell­schaft­li­che Leben als Netz von Macht­be­zie­hun­gen beschrieb, arbei­tet impli­zit mit einer Unter­schei­dung, die der aris­to­te­li­schen struk­tu­rell ver­wandt ist: zwi­schen der Macht, die als Poten­zi­al in Insti­tu­tio­nen, Nor­men und Wis­sens­struk­tu­ren ein­ge­las­sen ist, und der Macht, die sich in kon­kre­ten Hand­lun­gen, Ges­ten, Bli­cken, Bezie­hun­gen ver­wirk­licht. Fou­cault hat die aris­to­te­li­schen Begrif­fe nie benutzt – er war ein expli­zi­ter Kri­ti­ker des scho­las­ti­schen Den­kens –, aber die Tie­fen­struk­tur sei­ner Ana­ly­se ent­spricht der aris­to­te­li­schen Span­nung zwi­schen dyna­mis und ener­geia. Michel Fou­cault setzt sich von der Geschich­te der neu­zeit­li­chen Theo­rie der Macht gera­de­zu revo­lu­tio­när ab, indem er ver­sucht, die Macht phy­si­ka­lisch zu den­ken, als neu­tra­le, sozia­le Kraft, die unse­re sozia­le Wirk­lich­keit her­vor­bringt. Damit lan­det er wie­der­um erstaun­lich nah an der rela­ti­ven Phy­sik, die Aris­to­te­les begrün­det hat. Zudem wer­tet Fou­cault in sei­nem Spät­werk zudem auch mit der Ästhe­tik der Exis­tenz wie­der das Sub­jekt auf und ent­wi­ckelt auch eine schwa­che Form des telos. Gera­de die­se telos-Fra­ge ist ganz inter­es­sant und soll daher hier kurz ein­ge­scho­ben wer­den (und weil mich nie­mand dar­an hin­dern kann 😉 ).

Das telos bei Michel Foucault

Fou­cault fügt in sei­nem Spät­werk ein schwa­ches telos in sein Theo­rie­ge­bäu­de ein.

  1. Fou­caults Tech­ni­ken des Selbst im Spät­werk – askē­sis, Tage­buch­schrei­ben, Gewis­sens­über­prü­fung, Freund­schaft als phi­lo­so­phi­sche Pra­xis – sind nicht belie­big. Sie sind auf eine Trans­for­ma­ti­on des Selbst gerich­tet. Sie haben eine Rich­tung, wenn auch kein fest­ste­hen­des Ziel.
  2. In spä­ten Inter­views spricht er expli­zit davon, dass Frei­heit nicht Belie­big­keit ist, son­dern eine Pra­xis, die sich an einer – wenn auch immer wie­der zu befra­gen­den – Hal­tung ori­en­tiert. Das hat eine eva­lua­ti­ve Dimen­si­on.
  3. Fou­caults Ästhe­tik der Exis­tenz ist nicht wert­frei. Die Idee, das eige­ne Leben als Kunst­werk zu gestal­ten, setzt vor­aus, dass man­che Gestal­tun­gen gelun­ge­ner sind als ande­re – auch wenn Fou­cault kei­ne Kri­te­ri­en expli­ziert.

Aber die­se Annä­he­rung ans telos hat auch Gren­zen, die einen Unter­schied zu Aris­to­te­les mar­kie­ren.

  1. Bei Aris­to­te­les ist das telos in der phy­sis des Men­schen ver­an­kert: Der Mensch ist von Natur aus auf die Polis und auf das gute Leben hin ange­legt. Fou­caults Selbst­sor­ge kennt kei­ne sol­che natu­ra­le Fun­die­rung. Es gibt kein ergon des Men­schen, das auf­ge­deckt wer­den müss­te. Das Ziel ist nicht vor­ge­ge­ben, son­dern selbst Gegen­stand der Pra­xis.
  2. Aris­to­te­les‹ Teleo­lo­gie ist uni­ver­sa­lis­tisch: Was das gute Leben ist, gilt – zumin­dest für freie Män­ner – all­ge­mein. Fou­caults Ästhe­tik der Exis­tenz ist radi­kal par­ti­ku­la­ris­tisch und kon­tin­gent. Es gibt kei­ne all­ge­mein ver­bind­li­che Form des gelun­ge­nen Lebens, nur die je eige­ne Arbeit an sich selbst.
  3. Fou­caults Selbst­sor­ge führt nicht auf einen End­punkt hin, der den Pro­zess abschließt. Die aris­to­te­li­sche ener­geia kann zur voll­stän­di­gen Ver­wirk­li­chung kom­men – etwa in der theōria, der theo­re­ti­schen Kon­tem­pla­ti­on als höchs­ter Form des Lebens. Bei Fou­cault gibt es kein sol­ches Ankom­men. Die Selbst­sor­ge ist eine per­ma­nen­te, nie abge­schlos­se­ne Pra­xis.
  4. Aris­to­te­les‹ telos ist poli­tisch ein­ge­bet­tet: Der Mensch ver­wirk­licht sich in der Gemein­schaft der Polis. Fou­caults Selbst­sor­ge scheint dem­ge­gen­über merk­wür­dig unpo­li­tisch – oder genau­er: das Ver­hält­nis zur Gemein­schaft bleibt unter­be­stimmt, was ihm vie­le Kri­ti­ker, etwa von Haber­mas, als poli­ti­schen Quie­tis­mus aus­ge­legt haben. Mit Pla­ton (und nicht mit Aris­to­te­les) ver­sucht Fou­cault aus der Regie­rung des Selbst die Regie­rung der ande­ren abzu­lei­ten: Nur wer sich um sich selbst sorgt, kann auch erfolg­reich für ande­re sor­gen.

Zwei Fallen, die Aristoteles vermeidet – und wir oft nicht

Fou­cault ist also nicht Aris­to­te­les 2.0. Nichts­des­to­trotz muss man Props an Aris­to­te­les geben, des­sen Den­ken bis zu Fou­cault wirk­sam bleibt. Dabei umgeht DER PHILOSOPH, wie ihn Tho­mas von Aquin nann­te, in sei­ner Kon­zep­ti­on zwei Fal­len, in die spä­te­re Machtdenker*innen, die sich begriff­lich bei ihm bedient haben, immer wie­der getappt sind.

Die ers­te Fal­le ist die Sub­stan­zia­li­sie­rung der Macht – also die Vor­stel­lung, Macht sei ein Ding, eine Sub­stanz, die man besit­zen, anhäu­fen und ver­lie­ren kann wie Geld oder Nah­rung. Die­se Vor­stel­lung liegt vie­len popu­lä­ren Macht­ana­ly­sen zugrun­de: Wer hat wie viel Macht? Wie wird sie ver­teilt? Wer gewinnt, wer ver­liert? Aris­to­te­les denkt nicht sub­stan­zi­ell, son­dern rela­tio­nal. Bei ihm geht es um ein Ver­mö­gen, das immer auf auf eine mög­li­che Wirk­lich­keit aus­ge­rich­tet ist.

Die zwei­te Fal­le ist der rei­ne Aktua­lis­mus – die Idee, dass nur zählt, was sich gera­de ver­wirk­licht. Die­se Vor­stel­lung führt dazu, Macht nur dort zu sehen, wo sie sicht­bar ist: in der Ent­schei­dung, im Befehl, im Zwang. Aris­to­te­les kennt die­se Form der Ver­wirk­li­chung – aber er weiß, dass sie ohne das zugrun­de lie­gen­de Poten­zi­al nicht mög­lich wäre. Über­setzt in die pos­ta­ris­to­te­li­sche Spra­che der Macht: Die ver­bor­ge­ne, ruhen­de, laten­te Macht ist nicht weni­ger real als die aus­ge­üb­te. Sie ist ihre Bedin­gung.

Aristoteles neu lesen – eine philosophische Einladung

Was bedeu­tet es, Aris­to­te­les‹ Begrif­fe heu­te ernst zu neh­men, wenn wir über Macht nach­den­ken? Es bedeu­tet zunächst, die Fra­ge zu stel­len, die er an alle Din­ge stell­te: Was ist das Ver­mö­gen die­ser Sache, und was ist ihre Ver­wirk­li­chung? Bezo­gen auf Macht: Wel­che Poten­zia­le sind in einer sozia­len Ord­nung ange­legt – in ihren Insti­tu­tio­nen, Nor­men, Struk­tu­ren –, und wie, wann und für wen ver­wirk­li­chen sie sich? Die­se Fra­ge ist nicht nur aka­de­misch. Sie ist poli­tisch.

Wenn wir eine Gesell­schaft als Bün­del von dynam­eis – von Ver­mö­gen – betrach­ten, dann fra­gen wir nicht nur, wer gera­de Macht aus­übt, son­dern auch: Wel­che Mög­lich­kei­ten sind vor­han­den und wer­den nicht ver­wirk­licht? Wel­che Poten­zia­le schlum­mern in Men­schen, Gemein­schaf­ten, Insti­tu­tio­nen, die durch struk­tu­rel­le Hin­der­nis­se an ihrer Ent­fal­tung gehin­dert wer­den? Das ist eine Fra­ge nach der ver­bor­ge­nen Macht der Mög­lich­keit – und sie ist aris­to­te­lisch durch und durch.

Zugleich erin­nert uns der Begriff der ener­geia dar­an, dass Macht sich bewäh­ren muss. Ein Ver­mö­gen, das sich nie ver­wirk­licht, ist zwar real – aber es stellt sich die Fra­ge, ob es auch wirk­sam ist. Recht ohne Durch­set­zung, Auto­ri­tät ohne Han­deln, Kom­pe­tenz ohne Anwen­dung – das sind alles For­men von dyna­mis, die ihrer ener­geia har­ren. Eine Theo­rie der Macht, die nur das Poten­zi­al ana­ly­siert, ohne nach der Ver­wirk­li­chung zu fra­gen, bleibt abs­trakt. Eine, die nur die Aus­übung betrach­tet, ohne das struk­tu­rel­le Ver­mö­gen dahin­ter, bleibt ober­fläch­lich.

Ein machtvolles Begriffspaar

Aris­to­te­les hat selbst nie über Macht geschrie­ben. wie wir sie ver­ste­hen. Er hat über Bewe­gung und Ruhe nach­ge­dacht, über Natur und Form, über das, was Din­ge zu dem macht, was sie sind. Dabei hat er zwei Begrif­fe ent­wi­ckelt, die – umge­formt, über­setzt, ver­fei­nert und manch­mal ver­grö­bert – zur Tie­fen­struk­tur west­li­cher Macht­re­fle­xi­on wur­den. Dyna­mis und ener­geia: das Kön­nen und das Im-Werk-Sein, das Poten­zi­al und sei­ne Ver­wirk­li­chung.

Wer die­se Begrif­fe kennt und ihre Geschich­te ver­folgt, liest die gro­ßen Macht­theo­re­ti­ker anders. Er erkennt in Hob­bes‹ »Mit­teln« die aris­to­te­li­sche dyna­mis; in Are­ndts »gemein­sa­mem Han­deln« die ener­geia; in Fou­caults Netz von Bezie­hun­gen das aris­to­te­li­sche Bild eines Seins­zu­sam­men­hangs, der aus Ver­mö­gen und Ver­wirk­li­chun­gen gewo­ben ist. Er erkennt, dass die ety­mo­lo­gi­schen Wur­zeln der Macht­be­grif­fe – Kön­nen, Ver­mö­gen, Wirk­sam­keit – nicht zufäl­lig sind, son­dern auf eine tie­fe Wahr­heit zei­gen, die Aris­to­te­les als ers­ter mit phi­lo­so­phi­scher Prä­zi­si­on for­mu­liert hat.

Und viel­leicht erkennt er auch, dass das Den­ken über Macht noch immer von der Fra­ge lebt, die Aris­to­te­les stell­te: Was ver­mö­gen die Din­ge – und was wird aus die­sem Ver­mö­gen? Was schläft in uns, in unse­ren Gemein­schaf­ten, in unse­ren Ord­nun­gen – und was erwacht, wenn die Bedin­gun­gen stim­men?