»Randgruppen« – Die rhetorische und politische Aufkündigung Demokratischer Kultur

»Uns hängt ein Image an, dass wir uns nur um Randgruppen kümmern, was ich falsch finde.« Bärbel BAS (SPD-Vorsitzende)


Was ist passiert?
SPD-Vorsitzende und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas erklärte jüngst in den Tagesthemen: „Uns hängt ein Image an, dass wir uns nur um Randgruppen kümmern, was ich falsch finde.“ Was als Versuch gemeint war, die Sozialdemokratie als Partei der „Mitte“ zu profilieren, offenbart ein tief sitzendes Problem: die Rückkehr zu einem Begriff, der demokratische Inklusion untergräbt, soziale Realität verzerrt – und die SPD in eine rhetorische Sackgasse führt.

Herkunft und Wandel des Begriffs „Randgruppe“
Das Wort „Randgruppe“ klingt zunächst neutral – als handele es sich um eine nüchterne soziologische Kategorie. Tatsächlich stammt der Begriff aus der Sozialforschung der 1950er und 60er Jahre, insbesondere aus der Arbeit deutscher Soziologen wie Helmut Schelsky oder Theodor Geiger. Gemeint waren Bevölkerungsgruppen, die an den „Rändern“ der Gesellschaft lebten, also sozial marginalisierte Menschen: Obdachlose, Suchtkranke, Gefängnisinsassen oder Menschen mit Behinderung.
In dieser frühen Verwendung war „Randgruppe“ analytisch gedacht – als Beschreibung sozialer Exklusion. Doch schon die Metaphorik ist verräterisch: Wer vom „Rand“ spricht, setzt zugleich ein „Zentrum“ voraus, das als normal, legitim und dominant gilt. „Randgruppe“ ist kein wertfreier Begriff; er beschreibt soziale Hierarchien, indem er sie sprachlich festschreibt.
Mit dem gesellschaftlichen Wandel der 1970er und 80er Jahre – Frauenbewegung, ökologische Bewegungen, Antidiskriminierungskämpfe – wurde „Randgruppe“ zunehmend zu einem politischen Kampfbegriff. Rechte und konservative Akteure nutzten ihn, um Engagement für Minderheiten oder sozial Benachteiligte abzuwerten. „Randgruppenpolitik“ wurde zum Synonym für Klientelpolitik, für angeblich übertriebene Rücksichtnahme gegenüber „den anderen“, die vom gesellschaftlichen Mainstream abweichen.

Internationale Vergleiche: Wer redet sonst von „Randgruppen“?
Interessant ist, dass der Begriff so spezifisch deutsch ist. In anderen Ländern finden sich zwar verwandte Konzepte, aber selten mit derselben normativen Schärfe:
- Im Englischen sprechen Politolog*innen und Sozialwissenschaftler*innen eher von marginalized groups oder minorities. Das klingt zwar ähnlich, trägt aber eine andere moralische Bedeutung. „Marginalized“ betont den Prozess der Ausgrenzung – also das aktive Handeln einer Gesellschaft, durch das Menschen an den Rand gedrängt werden. Das nennt den Mechanismus, nicht nur den Zustand.
- In Frankreich wird von groupes minoritaires oder exclus sociaux gesprochen – also von „sozial Ausgeschlossenen“, nicht von „Randgruppen“. Auch hier steht im Vordergrund, dass Ausgrenzung eine Konsequenz gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist.
- In den USA ist der Begriff der „minorities“ tief in die Bürgerrechtsgeschichte eingebettet. Er ist mit Empowerment verbunden, nicht mit Abwertung: Minderheitengruppen beanspruchen Rechte, Sichtbarkeit und politische Teilhabe.
Der deutsche Begriff „Randgruppe“ hingegen bleibt strukturell konservativ. Er suggeriert, dass es einen festen gesellschaftlichen Kern gibt, um den sich die „Ränder“ gruppieren – ein Bild, das Soziologen wie Ulrich Beck später als überholt bezeichneten. In einer pluralen Gesellschaft gibt es keine klar umrissene Mitte, nur Vielstimmigkeit.

Ein problematischer Begriff für Demokratische Kultur
Demokratie ist per Definition ein System, das die Gleichwertigkeit aller Bürgerinnen und Bürger unterstellt – unabhängig von Herkunft, Status oder Zugehörigkeit. Wer in demokratietheoretischer Sprache von „Randgruppen“ spricht, entwirft implizit ein Zentrum, das über Normalität und Legitimität entscheidet. Diese Sprache erzeugt das Bild unterschiedlicher rechtlicher Teilhabe an der demokratischen Gesellschaft.
a) „Wir“ gegen „die anderen“
Der Begriff „Randgruppe“ teilt die Gesellschaft in ein „Wir“ und ein „Sie“: Hier die „hart arbeitende Mitte“, dort eine amorphe Masse von „anderen“, mit denen sich Politik nur aus Pflichtgefühl befasst. Das steht im Widerspruch zum inklusiven Anspruch des Grundgesetzes und zu sozialdemokratischen Grundwerten.
b) Diskursive Exklusion
In demokratischen Gesellschaften spielt Sprache eine konstitutive Rolle. Wer mit bestimmten Begriffen operiert, setzt Grenzen des Sagbaren und Denkbaren. Michel Foucault nannte das »Diskursmacht«. „Randgruppe“ schließt aus, bevor überhaupt politisch gehandelt wird. Wenn Politiker*innen suggerieren, man müsse aufpassen, dass man nicht das „Image“ erhalte, „Randgruppen“ zu sehr zu unterstützen, gibt man den Gedanken von Solidarität auf aus medientaktischer Feigheit.
c) Empathieverlust als Politikprinzip
Der Ausdruck verschiebt den Wertmaßstab politischer Legitimität: Hilfe wird nicht mehr nach Bedarf oder Gerechtigkeit bewertet, sondern nach Mehrheitskompatibilität. Das gefährdet Tugenden Demokratischer Kultur wie Kooperation, Empathie, Gleichbehandlung und Minderheitenschutz. Die Güte einer Demokratie misst sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.

Sprachwandel als Spiegel ideologischer Verschiebungen
Die SPD, seit dem Godesberger Programm (1959) auf den Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital verpflichtet, hat in den letzten Jahrzehnten mehrfach versucht, ihre Sprache anzupassen. Der Niedergang traditioneller Arbeiter*innen-Identität, der Aufstieg individueller Lebensstile und die neoliberale Umstrukturierung der 2000er Jahre (Agenda 2010, Hartz IV) führten zu einem Diskurs der „Eigenverantwortung“. Solidarität wich Leistungsrhetorik.
Nun, in einer Zeit wachsender sozialer Ungleichheit, versucht die SPD, beides zu versöhnen: soziale Gerechtigkeit und Anbiederung an die „hart arbeitende Mitte“. Diese Rhetorik ist jedoch doppelt problematisch – sie bleibt unklar und kontraproduktiv, wie Stefan Reinecke in der taz jüngst analysierte: Der Versuch, Politik nur für die „arbeitende Mitte“ zu machen, führt dazu, dass sich weder die Mittelschicht noch prekäre Gruppen ernsthaft vertreten fühlen.

Die SPD zwischen Identität und Orientierungslosigkeit
Nach zahlreichen Wahlniederlagen (zuletzt etwa in Rheinland-Pfalz 2026) sucht die SPD verzweifelt nach einer tragfähigen Erzählung. Bärbel Bas betont, man wolle nicht nur „Randgruppenpolitik“ machen, sondern die „Normalbürger“ ansprechen. Doch damit wiederholt sie einen semantischen Trick, der schon früher nach hinten losging: Sie übernimmt das Framing ihrer Gegner*innen.
Politikwissenschaftler Volker Best nennt diese Strategie riskant, weil sie inhaltlich kaum mit sozialdemokratischen Werten vereinbar ist. Eine Partei, die sich programmatisch als „Partei der Arbeit“ positioniert, könne nicht zugleich die Sprache konservativer Mittelstandspolitik sprechen, ohne ihre Identität zu verlieren.
Seit Jahrzehnten pendelt die SPD zwischen zwei Polen: dem Wunsch, Volkspartei zu bleiben, und der Angst, als Klientelpartei zu gelten. Doch Volkspartei sein bedeutet nicht, jede gesellschaftliche Mehrheit zu imitieren. Es heißt, soziale Gegensätze zu erkennen und solidarisch zu vermitteln – nicht, sie sprachlich zu verschleiern.

Die politische Falle der vermeintlichen Mitte
„Die Mitte“ gilt seit Jahrzehnten als heiliger Gral deutscher Politik. Doch sie existiert nur als Konstruktion. Der Soziologe Andreas Reckwitz beschrieb sie als „Statusgruppe mit kulturellem Distinktionsanspruch“, nicht als soziales Zentrum. Wer Politik auf diese schwammige Zielgruppe ausrichtet, jagt einem Phantom hinterher.
Bärbel Bas’ Aussage spiegelt dieses Missverständnis wider: Sie will das „Image“ korrigieren, die SPD kümmere sich zu sehr um Minderheiten – und übersieht dabei, dass gerade Minderheitenpolitik Kern demokratischer Gleichheit ist. Sozialdemokratie entstand aus der Idee, die Machtlosen zu vertreten. Wenn sie das Image loswerden will, für Schwache da zu sein, verliert sie ihre Existenzberechtigung.
Das zeigt sich auch empirisch: Die SPD verliert Stimmen sowohl an die Grünen (bei urbanen Akademiker*innen) als auch an die AfD (bei Arbeiter*innen). Eine „Mitte“, die beide Gruppen einschließt, gibt es schlicht nicht. Wer allen gefallen will, verprellt am Ende alle.

Sprachpolitik als Machtpolitik
Sprache prägt Wahrnehmung. Wer von „Randgruppen“ redet, signalisiert, dass manche gesellschaftlichen Anliegen legitim, andere aber exotisch oder zweitrangig sind. In der politischen Kommunikation ist das keine Nebensache – es ist strategische Positionsarbeit.
a) Der moralische Bias des Begriffs
Der Ausdruck „Randgruppe“ ist moralisch asymmetrisch. Niemand bezeichnet Reiche, Konzernlobbys oder verbeamtete Besserverdiener als „Randgruppe“, obwohl sie zahlenmäßig kleiner sind als viele Minderheiten. Damit wird Ausgrenzung nicht nach Macht, sondern nach Sichtbarkeit definiert – ein klassischer blinder Fleck bürgerlicher Politik.
b) Diskursive Verantwortung der Sozialdemokratie
Von einer sozialdemokratischen Vorsitzenden darf man mehr sprachliche Sensibilität erwarten. Statt sich gegen ein „Randgruppenimage“ zu wehren, müsste sie das Gegenteil tun: den Begriff problematisieren und durch solidarische Sprache ersetzen. Doch sie entschied sich für Ab- und Ausgrenzung statt Integration.

Von Godesberg bis Agenda 2010
Die SPD hat sich schon mehrfach an der Frage gespalten, wer zur „Kernklientel“ gehöre:
- 1959 – Godesberger Programm: Abkehr vom Klassenkampf, Hinwendung zur „Volkspartei“. Ziel: breitere Wählerschichten, weniger ideologische Abgrenzung.
- 1990er Jahre: Umarmung des Dritten Wegs (Blair, Schröder). Ergebnis: neoliberale Umgestaltung, aber nachhaltige Erosion des Vertrauens ehemaliger Stammwähler*innen.
- Nach 2010: Versuch der Re-Sozialdemokratisierung. Mit Themen wie Mindestlohn oder sozialer Gerechtigkeit gewann die SPD zeitweise Vertrauen zurück, das nun wieder verspielt wird.
Heute, 2026, steht sie an einem ähnlichen Punkt: Zwischen sozialstaatlicher Verteidigung und Anpassung an ein Umfeld, das Solidarität zunehmend als „Klientelpolitik“ diskreditiert.

„Randgruppenpolitik“ als Symbol sozialer Spaltung
Wenn SPD-Politikerinnen wie Bärbel Bas sich gegen ein bestimmtes Image wehren, verrät das weniger über die Realität der Parteiarbeit als über die Wahrnehmung gesellschaftlicher Machtverhältnisse. „Randgruppenpolitik“ meint in Wahrheit: Politik für Menschen ohne Lobby.
Das Problem liegt nicht im Engagement für Minderheiten, sondern in der gesellschaftlichen Zuschreibung, dass ihre Anliegen weniger legitim seien. Eine demokratische Partei darf diese Zuschreibung nicht verstärken – sie muss sie aufbrechen. Statt sich von „Randgruppen“ zu distanzieren, sollte die SPD den Begriff entwaffnen, indem sie seinen normativen Kern umdreht: Am Rand stehen jene, die vom Zentrum verdrängt wurden. Solidarität heißt, sie zurückzuholen und für eine demokratische Gesellschaft ohne Ränder zu streiten.

Zwischen „Klassenkampf“-Rhetorik und einer Sprache der sozialen Abwertung und Ausgrenzung
Bas hatte zuvor beim Juso-Bundeskongress mit kämpferischen Worten Aufsehen erregt. Sie sprach von der Auseinandersetzung zwischen „Arm und Reich“ statt „Jung und Alt“ – eine Rückbesinnung auf klassische Gerechtigkeitsfragen. Prompt wurde ihr „Klassenkampfrhetorik“ vorgeworfen. Diese Episode zeigt, wie sehr gerade wieder ein intensiver diskursiver Kampf darüber läuft, was öffentlich sagbar ist. Die SPD sollte den Kampf annehmen und nicht gleich die weiße Fahne schwenken, um sich dem rechten Diskurs zu unterwerfen.
»WER ZU HAUSE BLEIBT, WENN DER KAMPF BEGINNT
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und läßt andere kämpfen für seine Sache
Der muß sich vorsehen: denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.«
(Bertolt Brecht, Kolomann Wallisch Kantate)
Die SPD muss endlich verstehen, dass die Zeiten der Klientelpolitik vorbei sind und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Es geht nicht darum mediale Blasen zu produzieren und ein »Image« zu pflegen, sondern ein glaubhaftes Konzept von »Sozialdemokratie« zu vertreten. Dazu gehört ein neuer Begriff von Demokratischer Kultur, der den Sozialdemokrat*innen offenbar abhanden gekommen ist. Dazu gehört auch, einen authentischen Anspruch auf eine gerechtere Gesellschaft zu erheben und diesen nachhaltig zu verteidigen und in den politischen Kampf zu tragen. Kurzfristig mag es sein, dass rechte Rhetorik und Lügen der SPD zu schaffen machen, langfristig zahlt es sich aus, wieder ein Projekt der sozialdemokratischen Reform aufzubauen, das kompatibel ist mit den Grünen und der Linken. Das Problem des Mitte-Links-Lagers ist, das es derzeit den Menschen vermittelt: Wir stehen nicht zusammen als Alternative für die rechte Übernahme der Republik zur Verfügung. Schuld daran ist vor allem die SPD, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten sich in eine Position manövriert hat, aus der es kaum noch einen Ausweg gibt. Sie haben sich an einen rechtskonservativen Kurs der CDU/CSU verkauft, um eine rechte Regierung um ein paar Jahre zu verschieben. Dabei hätte man diese Entwicklung frühzeitig verhindern können.
Nun muss es entweder außerhalb der SPD eine sozialdemokratische Erneuerung geben oder innerhalb der SPD. Mir fehlt allerdings die Fantasie, dass Klingbeil und Bas die Gesichter dieser Erneuerung sein könnten.
