Die Demokratie wird siegen!

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Eine Einführung, die zu ihrem eigenen Artikel wurde

Eigent­lich woll­te ich einen Ein­füh­rungs­ar­ti­kel zum The­ma »Was ist Demo­kra­ti­sche Phi­lo­so­phie?« schrei­ben und merk­te dann nach eini­gen Absät­zen, dass ich offen­bar zuerst über die Sor­ge schrei­ben woll­te, die mich und vie­le Men­schen, die ich ken­ne umtreibt, näm­lich, dass die Demo­kra­tie in Deutsch­land in Gefahr ist. Da ich kei­ne ewi­ge Abhand­lung schrei­ben woll­te, die erst nach unzäh­li­gen ein­füh­ren­den Absät­zen zur »aktu­el­len Situa­ti­on« ihr eigent­li­ches The­ma zu behan­deln beginnt, habe ich ent­schie­den, die­se Ein­füh­rung aus­zu­glie­dern, damit sie mich nicht wei­ter in mei­nem ande­ren Arti­kel stö­ren möge. 🙂

Grund­sätz­lich mag ich es nicht, wenn sich Philosoph*innen, die nur über eine höchs­tens ama­teur­haf­te »Exper­ti­se« auf einem Feld ver­fü­gen, sich mit dem Habi­tus von Expert*innen zu The­men jen­seits ihres Fel­des äußern. Nun, ich hof­fe, dass mir das nicht pas­sie­ren kann – schon des­halb, weil ich unbe­wusst all­zu leicht durch­bli­cken las­se, dass ich kein Exper­te bin. Tat­säch­lich ist es eine der Bür­den von Philosoph*innen, dass sie meist über The­men spre­chen, über die sie nicht viel mehr wis­sen als ande­re inter­es­sier­te Men­schen und ganz sicher viel weni­ger als ech­te Expert*innen. Da ich aber nicht die gran­dio­se Rol­le eines flam­boy­an­ten uni­ver­sel­len Intel­lek­tu­el­len anstre­be, son­dern nur die demü­ti­ge Arbeit eine ETHIKERS leis­te, kann ich damit leben, denn für das Exper­ten­tum gibt es zum Glück ja bereits die ech­ten Expert*innen, denen ich als skep­ti­scher Freund der Auf­klä­rung für ihre uner­müd­li­che, prä­zi­se Arbeit sehr zu Dank ver­pflich­tet bin. Nun mer­ke ich, dass ich begin­ne, für die aus­ge­la­ger­te Ein­füh­rung eine neue Ein­füh­rung zu schrei­ben und ich schon im Hin­ter­kopf zu den­ken begin­ne, dass die­se viel­leicht aus­ge­la­gert wer­den soll­te. Daher bre­che ich hier abrupt ab und fan­ge mit der ehe­ma­li­gen Ein­füh­rung eines ande­ren Tex­tes an – die Demuts-Anfüh­rungs­zei­chen des Ama­teurs immer mit­ge­dacht. 😉

Die Sorge um unsere Demokratie

Dabei muss zunächst ein­mal fest­ge­hal­ten wer­den, dass wir auf die eine oder ande­re Art wäh­rend der fried­li­chen demo­kra­ti­schen Ära in Euro­pa und in den USA immer bil­li­gend in Kauf genom­men haben oder gar dar­auf hin­ge­wirkt haben, dass in ande­ren Tei­len der Welt gera­de unfried­li­che, unde­mo­kra­ti­sche Zustän­de herr­schen – im Diens­te unse­res Wohl­stands und Frie­dens. Die beson­de­re Ver­fasst­heit unse­rer kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tien bringt es mit sich, dass wir alle uns – als Bürger*innen, Arbei­ten­de, Kund*innen – stän­dig die Hän­de schmut­zig machen oder die­se gar in Blut tau­chen (sie baden gera­de ihre Hän­de drin), selbst wenn wir das Gegen­teil wün­schen.

Doch dar­um soll es an die­ser Stel­le nicht gehen. Ich kom­me an ande­rer Stel­le aber sicher noch ein­mal dar­auf zu spre­chen. Hier geht es mir um den der­zei­ti­gen Zustand unse­rer Demo­kra­tie in Deutsch­land. Was ist da los?

Der Zustand der formalen Demokratie

For­mal scheint sich auf den ers­ten Blick wenig geän­dert zu haben. Par­tei­en tre­ten zu Wah­len an und wer­den gewählt. Koali­tio­nen wer­den ver­ein­bart, eine Regie­rung wird gewählt. Die Wahl­be­tei­li­gung bei der Bun­des­tags­wahl 2025 lag bei 82,5%, ein Wert, der zuletzt 1987 über­trof­fen wor­den ist. Unse­re for­ma­le Demo­kra­tie ist also (noch) intakt – oder?

Wer hat denn die Wahl?

For­ma­le Demo­kra­tie dient vor allem der Legi­ti­mie­rung einer Regie­rung durch das Volk, bzw. durch die­je­ni­gen, die abstim­men dür­fen, was ein erheb­li­cher Unter­schied ist. So dür­fen jun­ge Men­schen meist nicht wäh­len, da hier davon aus­ge­gan­gen wird, dass ihnen die Rei­fe für eine Ent­schei­dung feh­le, was eine pro­ble­ma­ti­sche Annah­me sein kann, da es auch die Fra­ge zulässt, wel­che Rei­fe eini­ge Men­schen über 18 auf­wei­sen. Auch wer­den so Fami­li­en unter­re­prä­sen­tiert – oder? Obwohl hier der Haupt­teil der Last zur Erneue­rung der Gesell­schaft (Kin­der erzie­hen und finan­zie­ren) geleis­tet wird, erschei­nen Fami­li­en im Wahl­recht meist als Paa­re – rich­tig oder falsch? Aber das ist ein ande­res The­ma.
Frau­en dür­fen erst seit 1918 wäh­len. Die NSdAP hat dafür gesorgt, dass Frau­en zwi­schen­zei­tig aus dem poli­ti­schen Leben ver­schwun­den sind, ihr pas­si­ves Wahl­recht war fak­tisch erlo­schen. Mer­ke: Frau­en­feind­li­che Hand­lun­gen sind ein Grund­pfei­ler soge­nann­ter rech­ter Poli­tik – damals wie heu­te.
In den USA sind z. B. Gefäng­nis­in­sas­sen und Vor­be­straf­te je nach bun­des­staat­li­cher Rege­lung von Wah­len aus­ge­schlos­sen, was dazu führt, dass die ras­sis­tisch moti­vier­te Mas­sen­in­haf­tie­rung vie­ler Black, Indi­ge­nous, and other Peo­p­le of Color (BIPoC) dazu führt, dass die­se aus der Demo­kra­tie aus­ge­schlos­sen wer­den. Hier in Deutsch­land herr­schen die­se Zustän­de nicht (Gefäng­nis­in­sas­sen dür­fen wäh­len), doch vie­le Men­schen, die hier leben, haben kei­nen Zugang zur Demo­kra­tie, weil sie nicht Bürger*innen unse­res Staa­tes sind. Migra­ti­on ist seit jeder einer der blin­den Fle­cken bzw. bewuss­ten Aus­schlüs­se unse­rer for­ma­len Demo­kra­tie. MIGRATION

Legitimieren und repräsentieren

Bei uns herrscht, wie in moder­nen natio­na­len Flä­chen­staa­ten üblich, eine reprä­sen­ta­ti­ve Demo­kra­tie. Wir legi­mi­tie­ren bei der Wahl also nicht direkt die Regie­rung, son­dern wir wäh­len ein Par­la­ment, das uns reprä­sen­tie­ren soll. Dabei ist natür­lich auch hier frag­lich, auf wel­che Wei­se die Mit­glie­der des Par­la­ments die Bevöl­ke­rung reprä­sen­tie­ren. Sta­tis­tisch ent­spre­chen die Parlamentarier*innen der Bevöl­ke­rung in kei­ner Wei­se, was Bil­dungs­stand, Beruf, Ver­mö­gen etc. angeht. Ver­ein­facht und ein klein wenig euphe­mis­tisch könn­te man sagen, dass sich ein Teil der pri­vi­le­gier­te­ren Bevöl­ke­rungs­schich­ten sich zur Ver­fü­gung stellt auch die Men­schen der weni­ger pri­vi­le­gier­ten Bevöl­ke­rungs­schich­ten zu reprä­sen­tie­ren, weil Men­schen aus die­sen Schich­ten es sel­ten schaf­fen, selbst ins Par­la­ment zu kom­men, da ihnen Vor­aus­set­zun­gen und Res­sour­cen feh­len. Ein gro­ßer Teil der Bevöl­ke­rung ist also nicht theo­re­tisch, aber schon de fac­to vom pas­si­ven Wahl­recht aus­ge­schlos­sen. All das stimmt natür­lich nicht für jeden Ein­zel­fall, son­dern sta­tis­tisch und ist nur eine der vie­len Neben­be­mer­kun­gen zur for­ma­len Demo­kra­tie.

Seit den 70er Jah­ren wer­den zuneh­mend poli­ti­sche Kon­struk­te geschaf­fen, die Par­la­men­te aus der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung aus­schlie­ßen oder sie zumin­dest wei­ter davon ent­fer­nen. So gibt es Tref­fen mäch­ti­ger Natio­nen wie die G7 (bzw. G8) und das Tref­fen der größ­ten Unter­neh­men wie das Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos, wo die ganz gro­ße Wirt­schaft die gro­ße Poli­tik zum Vor­tan­zen ein­lädt. In der EU und in ande­ren bi- oder mul­ti­la­te­ra­len Zusam­men­hän­gen wer­den die meis­ten wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen von den Regierungsführer*innen getrof­fen, was übri­gens auch zum Bedeu­tungs­ver­fall des deut­schen Außen­mi­nis­te­ri­ums bei­getra­gen hat. Die eigent­li­chen poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen wer­den also immer wei­ter vom demos, dem Wahl­volk ent­fernt.

Aber auch die Par­la­men­te selbst sind weit ent­fernt vom Wahl­volk. So hat das Volk nur einen sehr gerin­gen Ein­fluss auf das poli­ti­sche Tages­ge­sche­hen, anders als Unter­neh­men und Lob­by­ver­bän­de, die tag­täg­lich Ein­fluss auf Ent­schei­dun­gen neh­men kön­nen – durch Mee­tings, »bedin­gungs­lo­se« Spen­den und Plug-and-Play-Geset­zes­tex­te, die von der eige­nen Rechts­ab­tei­lung der Regie­rung groß­zü­gig zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Das Ergeb­nis ist, dass die Poli­tik sehr oft kaum die Bedürf­nis­se und Wün­sche der Bevöl­ke­rung im Blick hat, son­dern Zie­le ver­folgt, die die­sen oft gera­de­zu ent­ge­gen­ge­setzt sind. Das ist nicht immer ein Fehl­ver­hal­ten ein­zel­ner Abgeordnete*r, son­dern das ist ein struk­tu­rel­les Pro­blem. Es hat sich dadurch aller­dings in der wahl­über­grei­fen­den Par­la­ments­mehr­heit anschei­nend die Leit­idee durch­ge­setzt, dass das Volk aktiv nur legi­ti­mie­ren soll und darf und pas­siv regiert wer­den möch­te und muss, was in enger und ver­trau­ens­vol­ler Abspra­che mit gro­ßen Wirt­schafts­ak­teu­ren geschieht, die man als die eigent­li­che tra­gen­de Säu­le unse­rer Gesell­schaft ansieht. Das mag etwas über­spitzt und pole­misch sein, ist aber wohl doch viel zu nahe an der Wirk­lich­keit, um wirk­lich wit­zig zu sein.

Blutet die formale Demokratie aus?

Seit vie­len Jah­ren ent­kop­pelt sich in Deutsch­land die Zivil­ge­sellchaft zuneh­mend von den Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten, was man an den Mit­glieds­zah­len sehen kann: CDU (1990 750.000, Peak nach der »Wie­der­ver­ei­ni­gung«, jetzt knapp 357.000), SPD (1990 knapp 950.000, jetzt gut 348.000), FDP (1990 179.000, jetzt 69.000), Deut­scher Gewerk­schafts­bund (11,8 Mio. nach der WV, jetzt knapp 5,6 Mio.).
Nur bei Bünd­nis 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN (ehe­mals PDS & WASG) ist in den letz­ten Jah­ren ein Auf­wärts­trend zu erken­nen. Die AfD als Neu­grün­dung ver­zeich­net natür­lich auch Wachs­tum (Grün­dung 2013 10.000 Mit­glie­der, jetzt 70.000). Aller­dings fan­gen die Zah­len der wach­sen­den Par­tei­en in kei­ner Wei­se die Ein­bu­ßen der ande­ren Par­tei­en auf.

Entstehung von Alternativen und deren Probleme

Das Par­tei­en­sys­tem ver­liert also an per­so­nel­lem Rück­halt in der Bevöl­ke­rung. Das bedeu­tet, dass ein Teil der poli­ti­schen Agen­da nicht unbe­dingt in den Par­tei­en ver­han­delt wird, son­dern irgend­wo außer­halb von ihnen. So nahm z. B. die Anzahl der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NRO bzw. eng­lisch NGO) seit den frü­hen 90ern erheb­lich zu und ihr Ein­fluss auf die Poli­tik stieg erheb­lich. Wäh­rend die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung bei den Par­tei­en eher unspe­zi­fi­scher und all­ge­mei­ner wird (die SPD ist kei­ne Arbei­ter­par­tei mehr, die Grü­nen kei­ne Öko- und Frie­dens­par­tei etc.), wird sie außer­halb der Par­tei­en spe­zi­fi­scher. Für jedes poli­ti­sches Ziel gibt es gleich eine Viel­zahl von Orga­ni­sa­tio­nen. Auch hier gibt es lei­der Demo­kra­tie­pro­ble­me: NGOs des glo­ba­len Nor­dens domi­nie­ren die NGOs des glo­ba­len Südens und ste­chen sie oft bei Ver­hand­lun­gen und in der Bericht­erstat­tung aus. Zudem sind die Mit­glie­der und Unterstützer*innen zwar finan­zi­ell, aber nicht unbe­dingt inhalt­lich an der Arbeit der NGO betei­ligt. Vie­le NGOs agie­ren eher wie Unter­neh­men.

Hin­zu kommt der Umbau der Medi­en­land­schaft. Fern­se­hen und Zei­tun­gen ver­lie­ren mas­siv an Ein­fluss, Online-Medi­en und Social Media wach­sen enorm – vor allem seit der Mas­sen­ver­brei­tung des Smart­phones. Das bedeu­tet aber nicht, dass die Mei­nungs­bil­dung dadurch dezen­tra­ler und demo­kra­ti­scher wird. Im Gegen­teil: Die Mei­nungs­bil­dung wird von den Algo­rith­men eini­ger weni­ger Tech-Kon­zer­ne bestimmt und die­se pro­vo­zie­ren immer hef­ti­ge­re Kon­tro­ver­sen, was sich in Falsch­mel­dun­gen und Hass­kom­men­ta­ren nie­der­schlägt. Der Twit­ter-Traum des ara­bi­schen Früh­lings ist ge-X‑t wor­den. Bestehen­de Alter­na­ti­ven wie das FEDIVERSE wer­den von den Men­schen lei­der kaum genutzt, da dahin­ter kein/kaum Kapi­tal steckt und somit kei­ne gro­ße Wer­be­kam­pa­gnen mög­lich sind. Daher blei­ben alle Men­schen dort, wo auch die ande­ren Men­schen sind – bei den Kon­zer­nen. Auch ich bie­te aus die­sem Grund Inhal­te über Meta-Platt­for­men an, obwohl ich das sehr ger­ne been­den möch­te. Doch dafür müs­sen die Men­schen nach und nach dort­hin wech­seln, wo ihre Rech­te respek­tiert wer­den und kei­ne Algo­rith­men vor­herr­schen, die Hass för­dern.

Im Zuge die­ser all­ge­mei­nen Medi­en-Ent­wick­lung haben poli­ti­sche Online-Kam­pa­gnen stark zuge­nom­men (z. B. Open­Pe­ti­ti­on, WeAct von cam­pact, change.org, Avaaz, innn.it). Sie schaf­fen es, in Rekord­tem­po die Zustim­mung vie­ler unter­schied­li­cher Men­schen zu einem poli­ti­schen Vor­ha­ben ein­zu­sam­meln. Aller­dings ist die Kehr­sei­te die­ser digi­ta­len Leich­tig­keit eine ana­lo­ge Unver­bind­lich­keit. Das bedeu­tet, dass es einen Unter­schied gibt zwi­schen dem Kli­cken einer Sei­te und dem Ein­satz in ech­ten Gesprä­chen und sozia­len Zusam­men­hän­gen für eine poli­ti­sche Sache. Ich tref­fe weder Ver­bün­de­te noch Gegner*innen und blei­be allein und pri­vat. Das ist nicht der Feh­ler die­ser Por­ta­le. Sie sind eine tol­le Ergän­zung poli­ti­scher Wil­lens­bil­dung, sie kön­nen die­se aber nicht voll­stän­dig erset­zen.

An die­ser Stel­le möch­te ich die Ana­ly­se der for­ma­len Demo­kra­tie abbre­chen, da hier eine Skiz­ze voll­kom­men aus­reicht. Als skiz­zen­haf­tes Fazit wür­de ich sagen: Die for­ma­le Demo­kra­tie ist nicht am Ende und erneu­ert sich sogar an eini­gen Stel­len, hat aber unter dem Strich deut­lich an Ver­bind­lich­keit und »ana­lo­ger« Reich­wei­te ver­lo­ren.

Rechter Vormarsch?

Politische Handlungen beschreiben statt Identitäten

Eigent­lich hal­te ich nicht viel davon, das Poli­ti­sche Feld in drei Unter­fel­der bzw. »Lager« auf­zu­tei­len: Links, Mit­te, rechts. Sol­che All­ge­mein­be­grif­fe erleich­tern natür­lich unge­mein die Kom­mu­ni­ka­ti­on. So kann ich in einem Gespräch schnell erfah­ren, ob eine ande­re Per­son eher zu mei­nen Ansich­ten ten­diert oder nicht, denn ich kann davon aus­ge­hen, dass ihre Vor­stel­lung des drei­tei­li­gen poli­ti­schen Fel­des gro­ße Ähn­lich­keit mit der mei­nen haben wird und so kön­nen wir uns bei­de auf einer gro­ben poli­ti­schen Mind­map posi­tio­nie­ren. Aller­dings wer­den die­se Begrif­fe natür­lich auch oft benutzt, um ande­re Men­schen aus einem Dis­kurs aus­zu­schlie­ßen: der eine ist zu links, der ande­re zu rechts, Men­schen in der Mit­te haben kei­ne Mei­nung etc. Zudem sind die­se Zuwei­sun­gen oft auch nicht sehr prä­zi­se: Anti­se­mi­tis­mus kommt zum Bei­spiel in Deutsch­land zumin­dest teil­wei­se in allen drei Lagern vor.

Zudem ist das Zuord­nen zu Lagern eine Hand­lung, die Men­schen eine Iden­ti­tät zuschreibt, die nach­hal­tig aus­schlie­ßend und ver­ur­tei­lend wir­ken kann. Das Ziel demo­kra­ti­scher Poli­tik ist es aber, VERBÜNDETE zu fin­den und nicht Men­schen von jeder zukünf­ti­gen Zusam­men­ar­beit aus­zu­schlie­ßen.

Daher fin­de ich es wich­tig, Hand­lun­gen in Wort und Tat zu beschrei­ben, die im poli­ti­schen Feld voll­zo­gen oder pro­pa­giert wer­den, ohne not­wen­di­ger Wei­se Men­schen mit fes­ten Iden­ti­tä­ten zu bele­gen. War­um jemand zum Bei­spiel gegen Migrant*innen hetzt, kann sehr unter­schied­li­che Grün­de haben, die Hand­lung ist aber in jedem Fall die glei­che und die­ser muss begeg­net wer­den. Auch müs­sen sol­che Hand­lun­gen Kon­se­quen­zen haben, doch die Men­schen müs­sen nicht not­wen­di­ger Wei­se auf ewig ver­dammt wer­den. Das ist eine der schwers­ten Prä­mis­sen demo­kra­ti­scher Poli­tik, denn von Rache­ge­füh­len und Zorn sind wir ange­sichts grau­sa­mer Hand­lun­gen alle nicht frei.

Vie­le der Hand­lun­gen, die als »rech­te Poli­tik« beschrie­ben wer­den, gehö­ren eher in den Bereich der Kri­mi­na­li­tät oder doch zumin­dest der Gewalt. Ande­ren Men­schen Scha­den zufü­gen zu wol­len ist noch kei­ne Poli­tik, son­dern die Aus­übung ver­ba­ler Gewalt und die Auf­for­de­rung zu phy­si­scher Gewalt. Die­se phy­si­sche Gewalt nimmt auch fak­tisch zu (z. B. gegen que­er oder jüdisch gele­se­ne Men­schen).

Das, was wir als »rech­te« poli­ti­sche Hand­lun­gen in Wort und Tat ver­ste­hen kön­nen, scheint ste­tig zuzu­neh­men. Aller­dings müs­sen wir hier auch ein wenig auf­pas­sen. Denn – wie oben skiz­ziert – führt der Umbau der Medi­en­land­schaft dazu, dass Hass und Gewalt sich dort schnel­ler und prä­sen­ter aus­brei­ten kön­nen als ande­re Hand­lun­gen im digi­ta­len Raum. Zudem muss hier auch ange­merkt wer­den, dass es in die­ser Sache immer schon eine Schief­la­ge bei den Medi­en gab. Sie hat nur wei­ter zuge­nom­men.

»Inhalt­lich« geht es dabei um For­de­run­gen nach weni­ger Demo­kra­tie, weni­ger Rech­ten für Frau­en, weni­ger Rech­ten für Min­der­hei­ten, weni­ger Mit­ein­an­der, mehr Wett­be­werb und Exis­tenz­kampf. Es wird eine star­ke Füh­rung gewünscht und die ste­te Ver­mö­gens­um­ver­tei­lung von unten nach oben ver­tei­digt und geför­dert. Man macht sich stark für die Fik­ti­on eines natio­na­len Vol­kes und somit auch für den Kampf gegen alle, die die­sem Volk nicht ange­hö­ren.

Die­se Hand­lun­gen in Wort und Tat, die wir der Ein­fach­heit hal­ber als »rech­te« bezeich­nen, sind in kei­ner Wei­se neu. In der einen oder ande­ren Form waren sie auch frü­her im All­tag von Bun­des­re­pu­blik und DDR immer prä­sent und nicht nur heu­te scheint es eine for­ma­le Mehr­heit im Par­la­ment für eini­ge die­ser For­de­run­gen zu geben. Vie­le rech­te Tal­king Points waren (zumin­dest in West­deutsch­land, wo ich mich etwas bes­ser aus­ken­ne) frü­her ganz nor­mal im kon­ser­va­ti­ven und zum Teil auch im sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Lager. Het­ze gegen »Minderleister*innen«, »Anders­ar­ti­ge« (»Gamm­ler«, »Schwu­le«, »Trans­men­schen« oder wer gera­de zum Ziel gemacht wird) oder soge­nann­te »Ausländer*innen« hat es immer gege­ben und wird es wohl lei­der auch in Zukunft noch eini­ge Zeit geben.

Gedan­ken­ex­pe­ri­ment: Neh­men wir an, die CDU wür­de sich bei der nächs­ten Bun­des­tags­wahl knapp gegen die AfD durch­set­zen und dann eine Koali­ti­on mit ihr ver­ein­ba­ren. Wie groß wäre der Unter­schied zur CDU/CSU der 60er Jah­re?

Damals haben CDU und CSU ein wei­tes poli­ti­sches Spek­trum ein­ge­bun­den, das ganz sicher auch die meis­ten Men­schen umfasst hat, die heu­te AfD wäh­len wür­den. Das war auch ein Ver­dienst, denn so wur­den wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung betei­ligt. Ob es dazu geführt hat, dass die Men­schen in der Brei­te nach und nach demo­kra­ti­scher gewor­den sind, muss zumin­dest bezwei­felt wer­den, wenn man sieht, dass sich die Men­ta­li­tät in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung nicht ent­schei­dend ver­än­dert hat.

Das politische Spiel ändert sich

Der Haupt­un­ter­schied zwi­schen damals und heu­te liegt dar­in, dass sich das poli­ti­sche Spiel geän­dert hat: ande­res Spiel­feld, ande­re Regeln.

  • So gibt es seit der »Wen­de« (im wei­tes­ten Sin­ne) kei­ne Alli­ier­ten und kei­ne Sowjet­uni­on, die mit mas­si­ver Mili­tär­macht im Land dar­über wachen, was aus Deutsch­land wird. In Ost­eu­ro­pa ist die Sowjet­uni­on ver­schwun­den, die mit ihren »ver­bün­de­ten« Staa­ten for­mal ein Gegen­mo­dell zum Kapi­ta­lis­mus west­li­cher Prä­gung dar­stell­te und somit hier indi­rekt die Idee einer gemä­ßig­ten Sozi­al­de­mo­kra­tie weit über die Gren­zen der SPD hin­aus för­der­ten, da die natür­li­che sozia­le Käl­te des Kapi­ta­lis­mus die Men­schen nicht in die Arme des Kom­mu­nis­mus trei­ben soll­te. Damit ein­her ging auch ein Rück­gang der Behaup­tun­gen, man kämp­fe im Wes­ten »für Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te« (unab­hän­gig davon, wie ehr­lich das je gemeint war).
  • Nach dem Unter­gang der Sowjet­uni­on wur­de in den Medi­en eine Dau­er­kam­pa­gne gefah­ren, die den Begriff »Sozia­lis­mus« zum uni­ver­sel­len Schimpf­wort mach­te und es kaum mög­lich mach­te, Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus in seriö­sen Medi­en zu dis­ku­tie­ren. Das lag auch an einem Schwenk von libe­ra­len Medi­en der »Mit­te«, die weni­ger inter­es­siert dar­an waren, eine bür­ger­recht­li­che Brü­cke zur sozi­al­de­mo­kra­ti­schen oder sozia­lis­ti­schen »Lin­ken« zu bau­en, son­dern statt­des­sen die wirt­schafts­li­be­ra­le Brü­cke zur »Rech­ten« aus­bau­ten. Die ZEIT ist ein gutes Bei­spiel dafür. In der Poli­tik ent­spricht dem die Zeit der »Hel­mu­ti­sie­rung«. Unter Hel­mut Schmidt lös­te sich Ende der 70er der Begriff des »Sozi­al­li­be­ra­len« fak­tisch in Wohl­ge­fal­len auf, was schließ­lich den Weg für die geis­tig-mora­li­sche Wen­de unter Hel­mut Kohl frei mach­te (durch den Wech­sel der FDP ins CDU/C­SU-Lager), was am Ende dann doch nicht viel ande­res war, als die Fort­füh­rung des Neo­li­be­ra­lis­mus unter Hel­mut Schmidt – mit ande­rer Ästhe­tik. Der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche bzw. sozia­li­be­ra­le Zeit­geist wich dem neo­li­be­ra­len.
  • In Ost­deutsch­land, damals noch DDR, wur­de die selbst erkämpf­te for­ma­le Demo­kra­tie fast sofort ent­wer­tet und ent­sorgt. Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass es eine kur­ze Zeit in Ost­deutsch­land, also der DDR, gab, als dort eine selbst­stän­di­ge Demo­kra­tie herrsch­te. Im soge­nann­ten »Palast der Repu­blik« tag­te das ers­te frei gewähl­te Par­la­ment der DDR. Davon ist in der Erin­ne­rungs­kul­tur wenig übrig geblie­ben. Das Par­la­ments­ge­bäu­de der DDR wur­de aus »Asbest­grün­den« durch die Fake-Ver­si­on des preu­ßi­schen Stadt­schlos­ses ersetzt – eine doch recht frag­wür­di­ge Akti­on eines demo­kra­ti­schen Staa­tes und zugleich ein ganz gutes Sym­bol für das, was uns heu­te sol­che Sor­gen berei­tet.
  • Die Bedin­gun­gen des Wirt­schaf­tens haben sich seit den 90ern dras­tisch ver­än­dert. Die Finanz­wirt­schaft ent­kop­pel­te sich nach und nach von der Pro­duk­ti­ons­wirt­schaft. Dadurch wur­de der Drang zum Wachs­tum wei­ter ins Uner­mess­li­che hoch­ge­schraubt und das Risi­ko von Wirt­schafts­kri­sen wur­de deut­lich erhöht.
  • Gro­ße Ver­mö­gen wur­den aus der Finan­zie­rung des Staa­tes weit­ge­hend aus­ge­klam­mert, was den Staat nach und nach in Schwie­rig­kei­ten brach­te. In der rot-grü­nen Regie­rung Ende der 90er Jah­re sprach der dama­li­ge Finanz­mi­nis­ter Eichel unab­läs­sig vom not­wen­di­gen Enger­schnal­len des Gür­tels. Bis heu­te wird die­se staats­zer­set­zen­de Poli­tik mit ein­fa­chen Ablen­kungs­ma­nö­vern und zwei­fel­haf­ten Argu­men­ta­tio­nen ver­tei­digt.
  • Auf­grund des vor­ge­nann­ten Punk­tes wur­de der Staat nach und nach geschwächt, teil­wei­se durch Pri­va­ti­sie­rung, teil­wei­se durch Strei­chung öffent­li­cher Stel­len und Dienst­leis­tun­gen. Das Ergeb­nis ist, dass wir den Staat als unfä­hig und über­for­dert wahr­neh­men (Bei­spie­le: Deut­sche Bahn, Bür­ger­äm­ter, Digi­ta­li­sie­rung …). Gleich­zei­tig muss der Staat aber auch immer mehr Auf­ga­ben erfül­len, was am Ende zur Sta­bi­li­sie­rung der Beschäf­ti­gungs­quo­te des Öffent­li­chen Diens­tes führt, mit­un­ter aber unter deut­lich schlech­te­ren Arbeits­be­din­gun­gen.

All dies hat den »Vor­marsch der Rech­ten« vor­be­rei­tet und geför­dert. Die­sen möch­te ich hier nicht ver­harm­lo­sen. Schon jetzt spü­ren vie­le Men­schen die Gewalt, die damit ein­her­geht. Doch ich möch­te mich auch nicht dem Defä­tis­mus ver­schrei­ben und wei­te­ren Doom-Scrol­ling-Con­tent pro­du­zie­ren.

Ich glau­be näm­lich, dass die aktu­el­len Aus­wüch­se »rech­ter« Gewalt – ob ver­bal oder phy­sisch eine Art Letz­tes Gefecht dar­stel­len von einer Grup­pe, die wir der Ein­fach­heit hal­ber als »die wei­ßen Män­ner« beschrei­ben kön­nen. Die­ser poli­ti­sche Begriff bedarf mei­ner Mei­nung nach einer kur­zen Erklä­rung. Natür­lich ist damit nicht gemeint, dass alle Men­schen, die als männ­lich und als weiß gele­sen wer­den, »rech­te« Poli­tik machen, unter­stüt­zen oder mögen. Vie­le Men­schen, die in die­se Kate­go­rie fal­len, sind ganz ande­rer Mei­nung und set­zen sich vehe­ment für ganz ande­re Zie­le ein. Ich selbst zäh­le mich dazu.
Zudem ist es natür­lich auch nicht so, dass »rech­te« Poli­tik nur von Men­schen die­ser Kate­go­rie getra­gen wird. Auch Frau­en, nicht-wei­ße Män­ner, Schwu­le etc. fin­den sich bei den Unterstützer*innen und auch Täter*innen poli­ti­scher Gewalt.
»Wei­ße Män­ner« ist eine Ver­kür­zung, um einen kom­ple­xen poli­ti­schen Sach­ver­halt auf das Wesent­li­che zuzu­spit­zen. Mein alter römi­scher Kol­le­ge Mar­cus Tul­li­us Cice­ro wür­de hier zu recht fra­gen: »Cui bono?« Wer zieht einen Vor­teil dar­aus? Schaut man sich das an, was »rech­te« Poli­tik genannt wird (sie­he oben), dann müs­sen wir fest­stel­len, dass es im Kern dar­um geht, die alt­her­ge­brach­te Hege­mo­nie gegen den Fort­schritt zu ver­tei­di­gen, ja sie dem Fort­schritt wie­der zu ent­rei­ßen. Dabei geht es um die Herr­schaft des glo­ba­len Nor­dens über den glo­ba­len Süden, der Wei­ßen über die Nicht-Wei­ßen, der Män­ner über die Frau­en, der »Nor­ma­len« über die »Ande­ren« etc. Die mäch­tigs­te Grup­pe und die­je­ni­ge, die am meis­ten pro­fi­tiert, ist die der »wei­ßen (alten) Män­ner«. Daher ist in der offe­nen poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung die­se pole­mi­sche Zuspit­zung völ­lig in Ord­nung. Da dies hier eher ein poli­ti­scher als ein theo­re­ti­scher Text ist, ver­wen­de auch ich die­se Zuspit­zung. In ande­ren Zusam­men­hän­gen und auf ande­ren Ebe­nen der Refle­xi­on lohnt sich jedoch eine dif­fe­ren­zier­ter Dar­stel­lung des Sach­ver­hal­tes, auch um zu ver­mei­den, dass sich Men­schen ange­grif­fen füh­len, die sich für die Demo­kra­tie enga­gie­ren oder sie auf­grund kör­per­li­cher Merk­ma­le aus Dis­kur­sen aus­zu­schlie­ßen oder sie unter Gene­ral­ver­dacht zu stel­len.

Die Men­schen, die eine Poli­tik der »Wei­ßen Män­ner« befür­wor­ten, unter­stüt­zen oder betrei­ben, haben sich in den letz­ten Jah­ren nach und nach öffent­lich zu erken­nen gege­ben. Offen­kun­dig waren sie aber schon vor­her da, doch sie haben sich nicht öffent­lich geäu­ßert und haben sich oft­mals neu­tral ver­hal­ten. Das ist nun vor­bei. Ihr Auf­be­geh­ren erschöpft sich aber auch mei­ner Mei­nung nach in dem, was wir sehen. Was der­zeit ihre Stär­ke über ihre eigent­li­chen Mög­lich­kei­ten und Fähig­kei­ten hin­aus stei­gert, sind drei Din­ge:

  1. die Unter­stüt­zung durch eini­ge Unter­neh­men, die offen­bar die Demo­kra­tie als Hür­de für die wei­te­re Ent­fes­se­lung des eige­nes Wachs­tums (nicht etwa dem der Volks­wirt­schaft) sehen.
  2. die »poli­ti­sche Aus­ge­schlos­sen­heit« der Kon­ser­va­ti­ven gegen­über »rech­ter« Poli­tik. Bereits jetzt fan­gen sie an, die Agen­da der »Rech­ten« in Wort und Tat umzu­set­zen. Zum Teil geschieht das aus Über­zeu­gung, zum Teil aus skru­pel­lo­sem Oppor­tu­nis­mus und zum Teil wird es aus tak­ti­schen Grün­den gedul­det. Die Kon­ser­va­ti­ven der drit­ten Grup­pe, die ich »kon­ser­va­ti­ve Demokrat*innen« nen­nen möch­te und deren Grö­ße ich der­zeit nicht ein­schät­zen kann, ist even­tu­ell bald das Züng­lein an der Waa­ge und mit ihr muss gere­det wer­den, statt sie als »Nazis« zu ver­dam­men. Den kon­ser­va­ti­ven Demokrat*innen muss klar­ge­macht wer­den, dass hier mehr auf dem Spiel steht als Par­tei­kar­rie­ren und Wahl­er­geb­nis­se. Da sie Demokrat*innen sind, bin ich sicher, dass kon­struk­ti­ve Gesprä­che mög­lich sind.
  3. Die Ver­un­si­che­rung der Demokrat*innen jen­seits der Kon­ser­va­ti­ven und ihre Ent­täu­schung, die sie ange­sichts der for­ma­len Demo­kra­tie erle­ben. Ich möch­te nicht sagen, dass es kei­nen Wider­stand gibt. Das wür­de die ener­gi­sche und ste­ti­ge Demo­kra­tie­ar­beit so vie­ler Men­schen in die­sem Land schmä­lern und belei­di­gen. Doch ich glau­be, dass sie es leich­ter hät­ten, wenn mehr Men­schen nicht nur wüss­ten, woge­gen sie sind, son­dern auch wofür. Es fehlt oft eine Visi­on, die über die etwas erschöpf­te und aus­ge­höhl­te for­ma­le Demo­kra­tie hin­aus­geht. Dadurch füh­len wir uns oft ohn­mäch­tig und dem Zeit­geist aus­ge­lie­fert, füh­len uns so, als wären wir irgend­wann im »fal­schen Uni­ver­sum« auf­ge­wacht und könn­ten das Por­tal nicht fin­den, das uns zurück­bringt.

Wir ver­ges­sen bei all der Sor­ge und Ver­zweif­lung leicht, dass die­ser Aus­bruch will­kür­li­cher und grau­sa­mer poli­ti­scher Gewalt ein Rück­zugs­ge­fecht ist, ein letz­tes Auf­bäu­men ange­sichts fak­ti­scher Fort­schrit­te, die es in den letz­ten Jah­ren eben auch gege­ben hat.

Die helle Seite der Macht

Die Wahr­heit ist: Seit den 90er Jah­ren hat sich poli­tisch auch unge­heu­er viel Gutes getan. Mach dazu ger­ne ein klei­nes Expe­ri­ment. Schau dir belieb­te Fil­me der 80er und 90er Jah­re an und ach­te dar­auf, wie oft du denkst: »Wow, krass, das ist wirk­lich gest­rig!« Ob es um die fast zwang­haft in Fil­men ver­bau­te Homo­pho­bie geht oder die Geschlech­ter­rol­len: Wie beneh­men sich Män­ner? Kom­men Frau­en über­haupt vor? Dür­fen sie spre­chen? Wor­über spre­chen sie? Sind sie aktiv oder pas­siv? Kom­men nicht-wei­ße Men­schen vor? Wie wer­den sie dar­ge­stellt? Für alle, die – wie ich – alt genug sind, dass die­se Fil­me mal zeit­ge­nös­sisch für sie waren, ist das Gefühl des Zeit­ge­nös­si­schen erlo­schen. Wir leben nun in einer ande­ren Zeit – und das ist gut so! Das, was die »Rech­ten« als »Woke­ness« ver­ab­scheu­en, ist nichts ande­res als der größ­te und schnells­te zivil­ge­sell­schaft­li­che Fort­schritt aller Zei­ten. Noch nie zuvor hat es die Mensch­heit geschafft, sich so schnell, effi­zi­ent und vor allem koope­ra­tiv um glo­ba­le Her­aus­for­de­run­gen zu küm­mern. Natür­lich soll­te es noch schnel­ler gehen und natür­lich ist es so, dass die Zustän­de so sind, dass uns die Zeit davon läuft, doch trotz­dem muss man die­sen Fakt fest­hal­ten. Glo­ba­le Demo­kra­tie kann funk­tio­nie­ren – schnell, effi­zi­ent und koope­ra­tiv.

Die Demokratie wird siegen

Die Schnel­lig­keit die­ser Ver­än­de­run­gen lässt aber eini­ge Men­schen gera­de über­re­agie­ren. Der Kampf gegen die »Woke­ness« ist nichts ande­res als ein Last Stand »wei­ßer Män­ner« und ihrer Ver­bün­de­ten gegen Frau­en, Nicht-Wei­ße und »Anders­ar­ti­ge«, dar­un­ter auch vie­le ande­re wei­ße Män­ner, gegen Umwelt- und Kli­ma­po­li­tik, um einen Sta­tus Quo der Macht zu ver­tei­di­gen, der schon längst ver­lo­ren schien. Was wir gera­de sehen und erle­ben – in all sei­ner Grau­sam­keit, Ver­bis­sen­heit, Hass­fül­le und Absur­di­tät – ist der wil­de Kampf eini­ger weni­ger, um eine gest­ri­ge Welt zu ret­ten, die es so, wie sie sie sich vor­stel­len, ohne­hin nie gege­ben hat. Es ist der Last Stand – das letz­te Gefecht – von Men­schen, die Angst davor haben, ohne Gewalt mit allen ande­ren Men­schen aus­kom­men zu müs­sen. Ihre Vehe­menz, die Unter­stüt­zung durch ande­re und die Unent­schlos­sen­heit ihrer Gegner*innen könn­te sie zu einem vor­über­ge­hen­den Sieg in der Schlacht füh­ren, was für vie­le Men­schen fürch­ter­li­che Kon­se­quen­zen hät­te. Doch die oben skiz­zier­te Ent­wick­lung wer­den sie letzt­lich nicht zurück­dre­hen kön­nen.

Gesell­schaf­ten funk­tio­nie­ren letzt­lich nicht durch Agon, also Wett­kampf oder Wett­streit. Die­se kön­nen in gesi­cher­ten Zonen vor­kom­men, aber wenn sie zum Wesen einer Gesell­schaft wer­den, dann wird sie zer­setzt. Es ist wie bei dem Spiel mit dem unsäg­li­chen Namen »Rei­se nach Jeru­sa­lem« (oder Stuhl­tanz). Wenn es nur um Sie­gen oder Ver­lie­ren geht, dann sitzt am Ende einer oder eine und alle ande­ren schau­en ver­letzt zu. Das ist dann kei­ne Gesell­schaft mehr. Gesell­schaft lebt von Koope­ra­ti­on.
Auto­ri­tä­re Gesell­schaf­ten über­le­ben eine Zeit lang durch unter­drück­te, ver­heim­lich­te, stil­le, ein­ge­schränk­te und erzwun­ge­ne Koope­ra­ti­on (über vie­le Jahr­hun­der­te eine der Haupt­auf­ga­ben der Frau­en), doch ihre ago­nis­ti­sche Grund­struk­tur bringt nach und nach das gesell­schaft­li­che Leben zum Erlie­gen.
Demo­kra­ti­sche Gesell­schaf­ten sind im bes­ten, »idea­len« Fall durch frei­wil­li­ge, offe­ne und freund­schaft­li­che Koope­ra­ti­on geprägt.
Das ist der Grund, war­um Demo­kra­tien, so kom­pli­ziert sie auch manch­mal sein mögen, letzt­lich unschlag­bar sind.


Max Goldt sag­te ein­mal, dass auch in der Nazi-Zeit zwölf­mal Spar­gel­zeit war, um dar­auf hin­zu­wei­sen, dass natür­lich das »nor­ma­le« Leben – soweit mög­lich – auch dann wei­ter­geht, wenn das Böse regiert. All­tag ist immer. Der Satz sagt aber auch, dass selbst das schlimms­te Böse nur eine kur­ze Zeit hat, um Men­schen Leid zuzu­fü­gen und nie­mals das Leben aller voll­stän­dig erfas­sen kann. Die Nazi­zeit ist kein »Flie­gen­schiss« in der Geschich­te, wie sie AfD-Mit­glied (und übri­gens frü­he­res CDU-Mit­glied) Alex­an­der Gau­land zynisch bezeich­net hat. Wir soll­ten uns daher wirk­lich Sor­gen machen, dass die­ses der­zeit statt­fin­den­de »Letz­te Gefecht« schreck­li­che Kon­se­quen­zen für vie­le Men­schen haben könn­te. Dar­um ist der Wider­stand so wich­tig, um dies zu ver­hin­dern.

Doch es besteht auch kein Anlass, den Mut zu ver­lie­ren: Lügen, Gekrei­sche und Gebrüll vol­ler Hass und Gewalt, die sich als Poli­tik bezeich­nen, sind nur der kako­pho­ni­sche Abge­sang auf die »Gewalt­herr­schaft des wei­ßen Man­nes«.
Ich weiß nicht, wie vie­le Opfer er for­dern wird, aber ich bin gewiss, dass die Demo­kra­tie sie­gen wird.