Was »Demokratie« (uns) bedeutet

Der Witz von »Demokratie« ist, dass sie allen »Beteiligten« etwas anderes bedeutet. Demokratisch Wirklichkeit entsteht erst im Zusammenspiel dieser Positionen.


Demokratische Philosophie – eine theoretische Quest
Nachdem ich mir meine sorgenvollen, aber optimistischen Gedanken zur Krise der formalen Demokratie im letzten Artikel von der – fast hätte ich Seele gesagt – geschrieben habe, kümmere ich mich nun um eine erste skizzenhafte Bestimmung von dem, was ich ich unter Demokratischer Philosophie verstehe.
Demokratische Philosophie ist übrigens kein selbstverständlicher Begriff. Philosoph*innen waren in der Geschichte meistens nicht auf der Seite der Demokratie, allen voran der oft als totalitär verschriene Platon, auf den ich mich paradoxer Weise im Laufe meiner Untersuchungen immer wieder beziehen werde. Philosophie und Demokratie passen nicht gut zusammen, so lange man unter Philosophie die Suche nach der einen Wahrheit über die Welt und allem darin versteht, während Demokratie immer eine Aushandlung zwischen vielen verschiedenen Meinungen, Ansätzen und Perspektiven impliziert. Dabei kann kaum eine ähnliche »reine Lehre« herauskommen wie durch die Denkarbeit eines genialen – ja, sagen wir es doch – Mannes. Denn auch das systematische Ausschließen nichtmännlicher Perspektiven verhinderte in der Philosophiegeschichte meist einen wirklichen demokratischen Ansatz.
Meine Theorie-Quest, die auf eine Grundlegung Demokratischer Philosophie zielt, möchte ich heute mit einer Anschau des Bedeutungsfeldes des Begriffs der Demokratie beginnen.


Begriffsgeschichte – ein philosophischer Zaubertrick
Es ist eine übliche Herangehensweise, solche Artikel mit einem Blick in die Begriffsgeschichte zu beginnen und ein wenig Etymologie (Wortherkunft) einfließen zu lassen. Das vermittelt den Leser*innen das Gefühl, die Autor*innen wüssten ganz genau, worüber sie reden. Dabei jubeln die Autor*innen im besten Fall gleich einem Zaubertrick den Leser*innen bereits die Prämissen unter, die den Artikel am Ende plausibel machen werden. Wenn die Begriffsbestimmung dann auch noch auf das Altgriechische zurückgeht, dann frohlocken viele philosophisch interessierte Leser*innen geradezu. Die alte Sprache der Philosophie und der Tragödie, erstes Idiom europäischer Demokratie! Geheimnisvoll, klassisch, antik! Der Dan Brown unter den Sprachen! Kaum jemand kann es, aber viele mögen es. Griechische Antike! Sokrates, Platon, Aristoteles, Pythagoras, Perikles, Sparta!, 300!, Alexander, der Große, Aischylos, Sophokles, Euripides, Homer, Odysseus, Achilles und … ach ja – der ständige Krieg und die wütende Pest. Wundervolle, längst vergessene Zeiten. Vielleicht mögen wir hier die griechische Antike auch so sehr, weil sie uns so weiß radiert überliefert worden ist, statt in diesen quietschbunten Farben, die ursprünglich Tempel, Stelen, Statuen und Büsten verunzierten. Die klassische Antike hat unsterbliche Wahrheiten hervorgebracht, denken wir manchmal, obwohl die Texte von einst immer fremder werden, je näher wir sie uns besehen.
Nun, nachdem ich mir meinen philosophischen Eröffnungszug ausreichend verdorben habe, möchte ich tatsächlich eine kurze Bestimmung des Begriffs der Demokratie vornehmen – ausgehend vom Altgriechischen! 😉

Der Begriff der Demokratie
»Demokratie« ist ein zusammengefügtes, altgriechisches Wort aus δῆμος (demos) und κράτος (kratos).
Der erste Wortteil δῆμος bezeichnete ursprünglich ein Gebiet oder Land und erst später ein Volk, das dort lebt. Früh hatte es einen abwertenden Beigeschmack wie »das einfache Volk« oder »das gewöhnliche Volk« oder »der Pöbel« – aus Sicht der damaligen Aristokrat*innen, was wohl auch heute eine im Kapitaladel weit verbreitete Sicht auf die »einfachen Menschen« sein dürfte. Demos war schließlich – im Unterschied zu ἔθνος (ethnos), was das Volk auf Basis von Verwandtschaftsverhältnissen bezeichnete – das Staatsvolk, die Gruppe von Menschen, die über die Geschicke der polis entschieden.
Der zweite Wortteil κράτος (kratos) bedeutet soviel wie Macht oder Stärke. Im Bedeutungsfeld Macht, Gewalt und Stärke gibt es im Altgriechischen viele verschiedene Wörter, wie wir weiter unten noch sehen werden.
Kratos ist das Ergebnis von Durchsetzungskraft, also eine Herrschaft oder Dominanz, die durch einen Sieg (ob durch Gewalt oder andere Mittel) errungen wurde.
Demokratie bedeutete also ursprünglich etwas ähnliches wie in der Moderne die »Diktatur des Proletariats«, das erfolgreiche Ergebnis eines Klassenkampfes – in diesem Fall zwischen dem einfachen Volk und der Aristokratie. So fantastisch das klingt, sollten wir uns aber erinnern, dass die Herrschaft des Volkes hier einige Gruppen ausschloss: Frauen waren aus der öffentliche Sphäre weitgehend verbannt. Ihre Sphäre war der οἶκος (oikos, dt. Haushalt). Daher stammt unser heutiger Begriff der Ökonomie. Auch Nicht-Bürger*innen und Sklav*innen waren ausgeschlossen. Ja, richtig gelesen. Die Attische Demokratische war eine Sklavenhalter*innengesellschaft. 😥
Abgesehen von den Unterschieden zwischen antiker und gegenwärtiger Gesellschaft: Inwiefern taugt der Begriff für unsere Zeit? Es wäre ein revolutionärer Begriff, der besagt, dass wahre Demokratie dann erreicht ist, wenn das »einfache Volk« im Kampf gegen die Aristokratie nachhaltig die Herrschaft erringt. Es ist nicht schwer, dies auf unsere Gegenwart zu übertragen. Die Demokratie kann nur wirklich funktionieren, wenn die Kapital-Aristokratie besiegt bzw. zumindest sehr stark eingeschränkt wird. Sie darf nicht mehr die Geschicke unserer formalen Demokratie entscheidend beeinflussen. Das ist nun keine besonders erhellende Erkenntnis, sondern eine Selbstverständlichkeit, ähnlich der antiken Handballweisheit: »Wenn unser Team mehr Tore wirft als das andere, dann werden wir wohl gewinnen.«

»Hypytynä« oder doch einfach »Demokratie«?

Auf diesen revolutionären Demokratiebegriff komme ich vielleicht später noch einmal zu sprechen. Im Moment suche ich aber erst einmal nach einem Begriff, der auch außerhalb von Klassenkampfszenarien mehr aussagt als: Das einfache Volk herrscht. Ich werde also einen anderen Zaubertrick aus dem Repertoire der Philosophie versuchen: Die Umdeutung bestehender Begriffe. Da unsere Sprache zwar ständig in Bewegung ist und auch regelmäßig neue Wörter hinzukommen, so ist doch die Anzahl der Wörter, die den Menschen irgendetwas sagen, abzählbar. Nun ist es recht mühsam, neue Wörter viral gehen zu lassen. Wenn ich als alternativen Begriff zu »Demokratie« zum Beispiel das wunderschöne neue und deshalb noch unbelegte Wort »Hypytynä« etablieren möchte, dann wird das den Menschen zuerst einmal gar nichts sagen. Also müsste es immer und immer wieder lang und breit erklärt werden und wahrscheinlich würden selbst dann die Leute ständig vergessen, wie das Wort noch einmal genau heißt. Hüpütünü?
Da ist es viel leichter, einen der bereits bestehenden Begriffe zu wählen. Diese sind ohnehin selten klar definiert, sondern haben mit der Zeit eher ein ungefähres Bedeutungsfeld um sich herum angesammelt. Nun nehme ich einen solchen Begriff und verschiebe seine Bedeutung oder kombiniere bestehende Bedeutungen neu. So kann ich sagen: »Ich meine Demokratie, aber eben etwas anders, nämlich …« Dann haben alle direkt zu Beginn eine Vorstellung und damit ist die folgende Kommunikation deutlich leichter. Leider müssen wir dann aber auf »Hypytynä« verzichten, aber vielleicht finden wir ja später noch einmal eine schöne Bedeutung für dieses mögliche Kleinod unserer Sprache.

Das komplizierte Geschäft der Philosophie
Die Philosophie ist leider ein kompliziertes Geschäft – wenn man sie ernsthaft betreibt. Das führt dazu, dass sie heutzutage eher ein nerdiges Nischendasein fristet. Eine gute Freundin meinte einmal zu mir: »Du wirkst auf mich manchmal wie aus der Zeit gefallen, als wärst du ein Mensch aus dem 19. Jahrhundert, der sich in unsere Zeit verirrt hat.« Das 19. Jahrhundert war eine echt tolle Zeit für die Philosophie, vor allem für die deutsche – ich sage nur »Dichter und Denker«! Auch das 20. Jahrhundert war noch ziemlich ok: Philosoph*innen wie Wittgenstein, Foucault, Sartre, Adorno, Heidegger, Derrida, Deleuze, Arendt, Popper, Dewey, Rawls, Rorty, Habermas oder Butler waren zum Teil mediale Popstars. Naja, Wittgenstein sicherlich nicht. Über den bemerkte der berühmte Ökonom John Maynard Keynes: »Nun ja, Gott ist angekommen. Ich habe ihn im Zug um 17:15 Uhr getroffen.«
Zum komplizierten Geschäft der Philosophie gehört es, dass man für am Ende recht simple Aussagen oft große Umwege gehen muss. Ein wenig liegt das natürlich auch daran, dass manche Philosoph*innen es als Teil ihrer Attraktivität ansehen, weitschweifig, kaum verständlich und tiefgründig zu wirken und – natürlich – dicke Bücher zu veröffentlichen. Das sollte man ihnen aber nachsehen. Erstens sind sie irgendwie halt auch nur Nerds und wissen nicht so recht, wie man das Wort »Attraktivität« sinnvoll auf sich selbst anwendet (,denn als rücksichtsvolle Zeitgenoss*innen wollen sie ja auch nicht eine der wichtigsten Tropen der Pop-Kultur zerstören). Zweitens schaffen sie dadurch Arbeitsplätze. Denn Geisteswissenschaftler*innen sind in gewisser Weise die Jurist*innen der Geisteswelt. Sie lesen für andere Menschen Philosoph*innen, weil diesen die Zeit dazu fehlt und sie auch kaum etwas davon verstehen würden (allerdings sind sie oft nicht verständlicher, was sie ebenfalls mit Jurist*innen gemein haben). Drittens berechtigen Philosoph*innen damit aber auch ihre eigene Existenz. Wenn alle denken würden: »Ah, achso, na, das habe ich mir auch letztens auf dem Klo sitzend ausgedacht«, dann wäre der nächste Gedanke: »Ähm, wofür brauchen wir dich noch gleich?« Das wäre natürlich eine Katastrophe!
Daher machen wir es philosophisch kompliziert. Ich werde eine ganze Weile brauchen, einen neuen Demokratiebegriff zu entwickeln, der im besten Falle auch nur ein Angebot und eine Hilfe sein kann, um die eigene Position im Demokratischen Feld besser zu verorten und von dort aus Verbindungen zu ganz anderen Positionen herzustellen.
Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit anderen Theoretiker*innen. Das würde jedoch den Rahmen dieses Blogartikels sprengen – was übrigens in der Geisteswissenschaft die Standardtarnfloskel dafür ist, dass man keine Lust / Zeit hat, sich mit einem bestimmten Themenkomplex zu beschäftigen. Ich verspreche, mich später in einzelnen Artikeln damit zu beschäftigen. An dieser Stelle befasse ich mich jetzt nur mit den Bedeutungsfeldern von Demos und Kratos.

Demos = Volk?
Demokratie heißt übersetzt so etwas wie »Herrschaft des Volkes« (siehe oben), wobei δήμος (Demos) hier zugleich zwei Dinge bedeutet:
- Die einfachen Menschen haben nachhaltig die Herrschaft errungen. Das ist also ein politischer Kampfbegriff.
- Nun sind – politisch gesehen – alle Menschen »einfache Menschen«. Es ist also ein egalisierender Begriff, der die Aristokratie aus dem politischen Prozess ausschließt und deren Mitglieder als »einfache Menschen« wieder einschließt.
Um mir einen Überblick zu verschaffen oder doch zumindest Inspiration zu holen, was hier alles unter »Demos« oder »Volk« gemeint sein kann, möchte ich einmal ein wenig in ihrem Bedeutungs(um)feld herumstochern.
Beginnen wir mit dem Altgriechischen, denn da kommt das Wort »Demokratie« nun einmal her – und … du weißt schon – siehe oben.
δήμος (Demos) bezeichnete ursprünglich gar keine Ansammlung von Menschen, sondern einen Ort, an dem Menschen leben, zum Beispiel einen Stadtbezirk. Daraus leitete sich dann die Bezeichnung für eine spezifische Menschengruppe ab, die aus einem Demos stammte. Damit sind mit Demos immer Menschen und ihr Ort gleichzeitig gemeint – eine verortete Bevölkerung. Somit ist auch klar, worüber ein Demos herrscht: über den eigenen Ort.
Wie bereits gesagt, kam auch früh die abfällige Bedeutung von Demos auf: »einfache Menschen«, »einfaches Volk« oder »Pöbel«. Aus diesem Grund wurde die Demokratie immer wieder von Philosoph*innen angegriffen, die selbst meist im Bunde mit Aristokratie, Tyrannis und Monarchie standen – wie zum Beispiel der »Godfather of Philosophy« Platon (vielleicht auch Godfather II). Seit Platon und seiner halb realen, halb erfundenen Dramenfigur Sokrates herrscht in der Philosophie eine besondere Verbindung zwischen dem Streben nach dem Guten durch tugendhaftes Verhalten und einer entsprechenden Elite, die durch philosophische Erziehung – wenn nicht hervorgebracht, so doch – veredelt und legimitiert werden sollte. Das »einfache Volk« muss nichts können oder wissen, es muss auch keinen besonderen Ethos haben, es ist einfach nur da und darf trotzdem mitentscheiden! Ein wert(e)loser Haufen menschlichen Fleisches. Wenn Platon davon spricht, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist, dann schwingt hier auch ein politischer Unterton mit. Das einfache Volk in all seiner plumpen Körperhaftigkeit erstickt den Geist und die Seele der nach dem Guten strebenden »Besten« (Aristokraten). Das ist nicht ganz ohne Ironie, denn einige der Schüler des Sokrates, die Platon in seinen philosophischen Dramen vortanzen lässt, haben in Wirklichkeit in der Politik ziemlichen S****ß gebaut, um es vorsichtig auszudrücken (vor allem Kritias, Charmides und Alkibiades).
Übrigens hatten die Griechen noch ein anderes abwertendes Wort für den Pöbel: ὄχλος (óchlos, Menschenmenge, Masse, Pöbel). Das wird später bei Polybios zur Ehrenrettung der Demokratie einspringen müssen (Ochlokratie).
Anders als Demos bezieht sich ἔθνος (éthnos) auf ein Volk, das auf Verwandtschaftsbeziehungen basiert, also das, was wir abgeleitet von diesem Wort heute nicht mehr »Volk«, sondern »Ethnie« nennen. Das Wort bezeichnete ursprünglich einfach eine Gruppe gleichartiger Tiere oder Menschen, also einen Schwarm, eine Herde oder eine Schar. Im Unterschied zu Demos steht hier die Gleichartigkeit im Vordergrund.
Dann gibt es noch λαός (laós), wovon sich unser Begriff der »Laien« ableitet. Ein Laos ist das Volk oder Heer, das einem βασιλεύς (basileus, König) verpflichtet ist. Es ist also kein Volk, das aus sich heraus existiert und es ist nicht an einen Ort, sondern an eine anführende Person gebunden.
Zu guter Letzt schauen wir uns noch die πολῖται (politai, Bürger der Polis) an. Im Prinzip sind sie deckungsgleich mit dem Demos, denn der Demos bestand ausschließlich aus freien männlichen Bürgern der Polis, also den Politai. Demos ist der Kollektivausdruck für diese Gruppe, unterstellt aber in seinen Nebenbedeutungen den Gruppenmitgliedern damit auch Attribute, die auf alle politai anwendbar sind. Daher ist es ein Unterschied, wenn Platon und Aristoteles über die Politai oder den Demos sprechen. Aristoteles entwickelte sogar eine Regierungsform, die πολιτεία (politeia, Staat, Verfassung), was gewöhnlich in diesem Kontext mit »Politie« übersetzt wird.
Zum Abschluss mache ich im Bedeutungsfeld einen kleinen Sprung, den ich mir als Theaterphilosoph einfach mal selbst gestatte.
Wie beim Demos in der Politik gibt es im Bereich des Theaters einen Zusammenhang zwischen Ort und Gruppe, nämlich beim Ursprung der antiken Tragödie (Props gehen raus an Friedrich Nietzsche), dem Chor: χορός (chorós). Ursprünglich bezeichnete Choros den Tanzplatz bei dionysischen Festen, auf dem Menschen berauscht im Reigen tanzten und sangen. Später ging der Name auf den Reigen und auf die tanzenden Menschen selbst über. Daraus entstand dann der Chor, der in unterschiedlicher Stärke das Rückgrat von Tragödie und Komödie bildete. Es gibt noch ein entfernt verwandtes Wort: χώρα (chora, Land, Festung). Beide gehen wahrscheinlich auf die gleiche indogermanische Wurzel zurück, die einen Raum bezeichnet, den man einnimmt. Leider würde es an dieser Stelle zu weit führen, den genauen Zusammenhang zwischen Politik und Theater in der griechischen Antike darzustellen. Das werde ich in einem eigenen Artikel ausführen.
An dieser Stelle sei nur so viel angedeutet: Das Theater war die wirksamste Art, auf die gesamte Öffentlichkeit der Polis direkten, körperlichen Einfluss zu nehmen und darum hatte Platon das Theater noch vor den Sophisten zum Hauptfeind der Philosophie erklärt, da er davon ausging, dass die körperliche Einflussnahme dem geistigen Diskurs der Philosophie in der Wirkung überlegen war. Das war für Platon eine Katastrophe, denn er glaubte, dass dabei ein falsches Ethos bei der Jugend entstand. Klingt wie eine Sorge aus der Gegenwart. Platon war aber auch übrigens ironischer Weise ein Gegner der Schrift. Wäre er damals einflussreicher gewesen, hätten wir niemals etwas von ihm gehört, denn seine Lehren sind nur durch die schriftliche Überlieferung seiner Dialoge erhalten.
Ich selbst bin ganz anderer Meinung als Platon. Ich glaube, dass das Theater eine wesentliche Rolle dabei spielt, Philosophie und auch Demokratie neu zu denken. Doch dazu später mehr. Nach diesem mysteriösen kurzen Theorieteaser springe ich wieder zurück zur Politik.
Im Deutschen haben wir das Wort »Volk« in Volksherrschaft. Es kommt aus dem Altgermanischen: mhd. volc »Leute, Volk; Kriegsschar«, ahd. folc »Haufe, Kriegerschar; Volk. Erst in der Neuzeit im Zuge der Entstehung des modernen Nationalbewusstseins erhält das Wort die Bedeutung von »Gesamtheit aller Menschen, die durch Sprache, Kultur und Geschichte verbunden sind« und daher durch einen Staat vereint sein sollten. Auch die abwertende Bedeutung von Demos findet sich bei Volk: das (einfache) Volk in Abgrenzung zur Oberschicht.
Da hier nur ein einziger Begriff immer wieder überschrieben worden ist, bedeutet Volk also Demos, Ethnos und Laos in einem. Die Nazis verwendeten den Begriff des Volkes, um den Nationalstaatsgedanken des 19. Jahrhunderts ins Extreme zu übersteigern: ein Volk, ein Reich, ein Führer. Volk bedeutet hier die Fiktion einer Art reinen Ethnie (Ethnos), die über ihren Führer (Laos) mit dem Staat verbunden ist (Demos). Durch den exzessiven Gebrauch des Wortes »Volk« bei den Nazis ist es schwierig geworden, ihn heute zu benutzen, ohne seine völkischen Konnotationen mit anklingen zu lassen. Daher redet man auch nicht mehr von Völkern und Völkerkunde, sondern von Ethnien und Ethnologie.
Wenn wir Demokratie sinnvoll neu fassen wollen, dann müssen wir wahrscheinlich irgendwie Alternativen zum Begriff des Volkes finden, denn dieser bildet in keiner Weise die vielfältige Gesellschaft ab, die ihre politischen Geschicke demokratisch aushandelt. Auch die zusammengesetzten Begriffe »Wahlvolk« oder »Staatsvolk« sind keine Alternative.

Kratos – Macht statt Herrschaft
Im Altgriechischen finden wir neben κράτος (kratos, »Stärke, Kraft, Macht, Gewalt, Herrschaft, Oberbefehl, Übermacht, Oberhand, Sieg, Gewalttat«)noch einige verwandte Wörter, deren Bedeutungen familienverwandt sind.
ἐνέργεια (energeia, »Tätigkeit, Wirksamkeit, Wirkung, Kraft, Macht, Aktualität«), δύναμις (dynamis, »(körperliche) Kraft, Stärke, Streitmacht, Streitkäfte, Hilfsmittel, Fähigkeit, Talent, Wunderkraft, Möglichkeit, Macht, Einfluss, Ansehen, Geltung, Machtmittel, Wert, Betrag, Vermögen, Sinn«), ἰσχύς (ischus, »Stärke, Kraft, Festigkeit, Dauer, Tüchtigkeit, Gewalt, Zwang, Macht, Heeresmacht«), ῤώμη (rhome, »Kraft, Stärke, (politische) Macht, Streitmacht, Kolonne, Mut, Entschlossenheit«), ἐξουσία (exousia, »Erlaubnis, Recht, Befugnis, Vollmacht, Freiheit, Belieben, Willkür, Macht, Gewalt, Obrigkeit, Behörde, Amt, Machthaber, Reichtum, Überfluss«) und schließlich ἀρχή (archē, »Anfang, Beginn, Ursprung, Ende, Zipfel, Ursache, Grund, Prinzip, Element, Oberbefehl, Herrschaft, Regierung, Amt, Behörde, Obrigkeit, Reich, Gebiet, Statthalterschaft, Provinz, (himmlische) Mächte«).
Neben »Herrschaft« finden wir also auch Bedeutungen wie »Macht«, »Stärke«, »Kraft«, »Vermögen«, »Amt« oder »Möglichkeit«(und viele mehr). Das ist ein reichhaltiges Bedeutungsangebot, aus dem man schöpfen kann, wenn man Demokratie neu fassen möchte.
Das deutsche Wort »Herrschaft« kommt aus dem Germanischen: hērscaf bzw. hērscaft (althochdeutsch): Würde, Hoheit, Obrigkeit, ehrenvolles Amt; hērschaft (mittelhochdeutsch): Amt, Hoheit, Obrigkeit, Stolz, Recht und Besitz eines Herrn, Herrenmacht, Herrenwürde, Herrlichkeit, vornehme Gesellschaft. Zusammengesetzt ist das Wort aus den althochdeutschen Bestandteilen »hēr« (ehrwürdig) und »scaft« (Erschaffung).
Nun, die offensichtliche Ableitung vom »ehrwürdigen« Mann und seinen unglaublichen Attributen verbietet uns spätestens seit der Einführung des Frauenwahlrechts um 1918, den Begriff der Herrschaft mit dem Begriff der Demokratie zusammenzubringen. Suchen wir nach einem besseren Kandidaten im Bedeutungsfeld.
Das deutsche Wort „Macht“ kommt vom althochdeutschen Wort „maht“, das um das 8. Jahrhundert herum gebraucht worden ist, um Bedeutungen wie „Anstrengung“, „Gewalt“, „Vollmacht“, „Menge“ oder „Fülle“ auszudrücken. Zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert findet sich noch die Bedeutung „männliche Genitalien“, was wir heute immer noch mit Gemächt ausdrücken. Das englische Wort „might“ kommt vom gleichen indogermanischen Wortstamm (altenglisch: miht, angelsächsisch: maht). Der Duden weist „Macht“ als Verbalabstraktum zu „mögen“ aus. Dieses gemeingermanische Verb findet sich im Mittelhochdeutschen (mügen), Althochdeutschen (mugan), Gotischen (magan), Englischen (may) und Schwedischen (må). All diese Formen gehen zusammen mit verwandten Wörtern aus anderen indogermanischen Sprachen auf die Wurzel magh- (»können, vermögen«) zurück. Von dieser alten Bedeutung leiten sich die Wörter „Macht“, „möglich“ (»ausführbar, erreichbar«, mittelhochdeutsch: müg[e]lich) und „Möglichkeit“ (mittelhochdeutsch: müg[e]lichkeit) ab.
Macht ausüben scheint also (im Indogermanischen) von jeher zwei Bedeutungsaspekte zu haben. Der eine ist das reine Können, Vermögen zu etwas, die Möglichkeit zu handeln. Der andere ist die Verwirklichung dieses Vermögens in Form von Gewalt oder durch rechtliche Handlungen („Vollmacht“, s.o.). Diese beiden Aspekte durchkreuzen einander bis hinein in den philosophischen Diskurs der Gegenwart.
Ich schlage vor, den Wortteil »Kratos« in »Demokratie« als »Macht« zu übersetzen, was zunächst einmal legitim ist, da es zum Bedeutungsspektrum gehört. »Macht« deckt in sich ein viel weiteres Bedeutungsfeld ab, das wir rund um »Kratos« gefunden haben, ist anschlussfähig an moderne Sozialtheorien und lässt sich daher auch für eine progressive Lesart von Demokratie verwenden

Bedeutung, Familienähnlichkeiten und Mannigfaltigkeiten
Mit Wittgenstein kann man in den Bedeutungsfelder »Kratos« und »Macht« von Familienähnlichkeiten der Wörter sprechen. Sie sind nicht alle auf eine Bedeutung zurückzuführen, überschneiden sich jedoch jeweils immer wieder, wie ein langes, geknüpftes Seil aus vielen kleineren Strängen (auch ein Bild von Wittgenstein). Nun möchte ich diesen Exkurs nicht nutzen, um eine heideggerianische Sprachmeditation über das Wesen der Macht durchzuführen. Auch geht es mir nicht darum, hier eine vollständige Etymologie vorzulegen. So habe ich zum Beispiel die romanischen Sprachen bisher ausgeblendet, obwohl dieses für Bourdieu und Foucault natürlich bestimmend sind (die wiederum zu meinen Haupteinflüssen bei der Macht-Theorie gehören). Hier nur einige Andeutungen in dieser Sache: Im Lateinischen gibt es die potestas (Macht) und potentia (Können, Möglichkeit), damit verwandt pouvoir (Macht, Können) und puissance (Macht) im Französischen, possibility (Möglichkeit) im Englischen. Das lateinische fortis (stark) bzw. Fortia (Stärke) führt zu force (Macht etc.) im Englischen und Französischen.
Ich möchte lediglich darauf aufmerksam zu machen, dass die Macht in den Sprachpraktiken immer schon eine Vielfalt von miteinander verwandten Aspekten beinhaltete, auf die ich immer wieder zurückkommen werde. Gerade in philosophischen Auseinandersetzungen erscheinen verschiedene Interpretationen eines Begriffes oft als unvereinbar. Im Deutungskampf soll zumeist die Deutung des anderen negiert werden. Meist handelt es sich aber nicht um gegensätzliche Interpretationen, sondern um verschiedene Perspektiven auf einzelne Aspekte eines Begriffs.
Klar ist: Aus der bedeutungsgeschichtlichen Herleitung kann keine eigentliche Bedeutung eines Begriffs oder eine präzise Definition begründet werden, sie deckt im Gegenteil eher historische und semantische Mannigfaltigkeiten auf, die unser Denken in Bewegung bringen.
Der Witz von »Demokratie« ist, dass sie allen »Beteiligten« etwas anderes bedeutet. Demokratische Wirklichkeit entsteht erst im Zusammenspiel dieser Positionen.
Damit möchte ich diese kurze etymologische Fingerübung beenden. Was hat sie mir gebracht? Für Demos habe ich noch keine gute Übertragung in die deutsche Sprache gefunden, die meinem Bedürfnis, eine progressive Lesart der Demokratie zu finden, entspräche. Bei Kratos habe ich mit »Macht« einen guten Kandidaten gefunden, mit dem ich weiterarbeiten kann.
