Was »Demokratie« (uns) bedeutet

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Demokratische Philosophie – eine theoretische Quest

Demo­kra­ti­sche Phi­lo­so­phie ist übri­gens kein selbst­ver­ständ­li­cher Begriff. Philosoph*innen waren in der Geschich­te meis­tens nicht auf der Sei­te der Demo­kra­tie, allen vor­an der oft als tota­li­tär ver­schrie­ne Pla­ton, auf den ich mich para­do­xer Wei­se im Lau­fe mei­ner Unter­su­chun­gen immer wie­der bezie­hen wer­de. Phi­lo­so­phie und Demo­kra­tie pas­sen nicht gut zusam­men, so lan­ge man unter Phi­lo­so­phie die Suche nach der einen Wahr­heit über die Welt und allem dar­in ver­steht, wäh­rend Demo­kra­tie immer eine Aus­hand­lung zwi­schen vie­len ver­schie­de­nen Mei­nun­gen, Ansät­zen und Per­spek­ti­ven impli­ziert. Dabei kann kaum eine ähn­li­che »rei­ne Leh­re« her­aus­kom­men wie durch die Denk­ar­beit eines genia­len – ja, sagen wir es doch – Man­nes. Denn auch das sys­te­ma­ti­sche Aus­schlie­ßen nicht­männ­li­cher Per­spek­ti­ven ver­hin­der­te in der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te meist einen wirk­li­chen demo­kra­ti­schen Ansatz.

Mei­ne Theo­rie-Quest, die auf eine Grund­le­gung Demo­kra­ti­scher Phi­lo­so­phie zielt, möch­te ich heu­te mit einer Anschau des Bedeu­tungs­fel­des des Begriffs der Demo­kra­tie begin­nen.

Begriffsgeschichte – ein philosophischer Zaubertrick

Nun, nach­dem ich mir mei­nen phi­lo­so­phi­schen Eröff­nungs­zug aus­rei­chend ver­dor­ben habe, möch­te ich tat­säch­lich eine kur­ze Bestim­mung des Begriffs der Demo­kra­tie vor­neh­men – aus­ge­hend vom Alt­grie­chi­schen! 😉

Der Begriff der Demokratie

Zum kom­pli­zier­ten Geschäft der Phi­lo­so­phie gehört es, dass man für am Ende recht simp­le Aus­sa­gen oft gro­ße Umwe­ge gehen muss. Ein wenig liegt das natür­lich auch dar­an, dass man­che Philosoph*innen es als Teil ihrer Attrak­ti­vi­tät anse­hen, weit­schwei­fig, kaum ver­ständ­lich und tief­grün­dig zu wir­ken und – natür­lich – dicke Bücher zu ver­öf­fent­li­chen. Das soll­te man ihnen aber nach­se­hen. Ers­tens sind sie irgend­wie halt auch nur Nerds und wis­sen nicht so recht, wie man das Wort »Attrak­ti­vi­tät« sinn­voll auf sich selbst anwen­det (,denn als rück­sichts­vol­le Zeitgenoss*innen wol­len sie ja auch nicht eine der wich­tigs­ten Tro­pen der Pop-Kul­tur zer­stö­ren). Zwei­tens schaf­fen sie dadurch Arbeits­plät­ze. Denn Geisteswissenschaftler*innen sind in gewis­ser Wei­se die Jurist*innen der Geis­tes­welt. Sie lesen für ande­re Men­schen Philosoph*innen, weil die­sen die Zeit dazu fehlt und sie auch kaum etwas davon ver­ste­hen wür­den (aller­dings sind sie oft nicht ver­ständ­li­cher, was sie eben­falls mit Jurist*innen gemein haben). Drit­tens berech­ti­gen Philosoph*innen damit aber auch ihre eige­ne Exis­tenz. Wenn alle den­ken wür­den: »Ah, ach­so, na, das habe ich mir auch letz­tens auf dem Klo sit­zend aus­ge­dacht«, dann wäre der nächs­te Gedan­ke: »Ähm, wofür brau­chen wir dich noch gleich?« Das wäre natür­lich eine Kata­stro­phe!
Daher machen wir es phi­lo­so­phisch kom­pli­ziert. Ich wer­de eine gan­ze Wei­le brau­chen, einen neu­en Demo­kra­tie­be­griff zu ent­wi­ckeln, der im bes­ten Fal­le auch nur ein Ange­bot und eine Hil­fe sein kann, um die eige­ne Posi­ti­on im Demo­kra­ti­schen Feld bes­ser zu ver­or­ten und von dort aus Ver­bin­dun­gen zu ganz ande­ren Posi­tio­nen her­zu­stel­len.

Dazu gehört auch die Aus­ein­an­der­set­zung mit ande­ren Theoretiker*innen. Das wür­de jedoch den Rah­men die­ses Blog­ar­ti­kels spren­gen – was übri­gens in der Geis­tes­wis­sen­schaft die Stan­dard­tarn­flos­kel dafür ist, dass man kei­ne Lust / Zeit hat, sich mit einem bestimm­ten The­men­kom­plex zu beschäf­ti­gen. Ich ver­spre­che, mich spä­ter in ein­zel­nen Arti­keln damit zu beschäf­ti­gen. An die­ser Stel­le befas­se ich mich jetzt nur mit den Bedeu­tungs­fel­dern von Demos und Kra­tos.

Demos = Volk?

Demo­kra­tie heißt über­setzt so etwas wie »Herr­schaft des Vol­kes« (sie­he oben), wobei δήμος (Demos) hier zugleich zwei Din­ge bedeu­tet:

  1. Die ein­fa­chen Men­schen haben nach­hal­tig die Herr­schaft errun­gen. Das ist also ein poli­ti­scher Kampf­be­griff.
  2. Nun sind – poli­tisch gese­hen – alle Men­schen »ein­fa­che Men­schen«. Es ist also ein ega­li­sie­ren­der Begriff, der die Aris­to­kra­tie aus dem poli­ti­schen Pro­zess aus­schließt und deren Mit­glie­der als »ein­fa­che Men­schen« wie­der ein­schließt.

Um mir einen Über­blick zu ver­schaf­fen oder doch zumin­dest Inspi­ra­ti­on zu holen, was hier alles unter »Demos« oder »Volk« gemeint sein kann, möch­te ich ein­mal ein wenig in ihrem Bedeutungs(um)feld her­um­sto­chern.

Begin­nen wir mit dem Alt­grie­chi­schen, denn da kommt das Wort »Demo­kra­tie« nun ein­mal her – und … du weißt schon – sie­he oben.

δήμος (Demos) bezeich­ne­te ursprüng­lich gar kei­ne Ansamm­lung von Men­schen, son­dern einen Ort, an dem Men­schen leben, zum Bei­spiel einen Stadt­be­zirk. Dar­aus lei­te­te sich dann die Bezeich­nung für eine spe­zi­fi­sche Men­schen­grup­pe ab, die aus einem Demos stamm­te. Damit sind mit Demos immer Men­schen und ihr Ort gleich­zei­tig gemeint – eine ver­or­te­te Bevöl­ke­rung. Somit ist auch klar, wor­über ein Demos herrscht: über den eige­nen Ort.

Wie bereits gesagt, kam auch früh die abfäl­li­ge Bedeu­tung von Demos auf: »ein­fa­che Men­schen«, »ein­fa­ches Volk« oder »Pöbel«. Aus die­sem Grund wur­de die Demo­kra­tie immer wie­der von Philosoph*innen ange­grif­fen, die selbst meist im Bun­de mit Aris­to­kra­tie, Tyran­nis und Mon­ar­chie stan­den – wie zum Bei­spiel der »God­fa­ther of Phi­lo­so­phy« Pla­ton (viel­leicht auch God­fa­ther II). Seit Pla­ton und sei­ner halb rea­len, halb erfun­de­nen Dra­men­fi­gur Sokra­tes herrscht in der Phi­lo­so­phie eine beson­de­re Ver­bin­dung zwi­schen dem Stre­ben nach dem Guten durch tugend­haf­tes Ver­hal­ten und einer ent­spre­chen­den Eli­te, die durch phi­lo­so­phi­sche Erzie­hung – wenn nicht her­vor­ge­bracht, so doch – ver­edelt und legi­mi­tiert wer­den soll­te. Das »ein­fa­che Volk« muss nichts kön­nen oder wis­sen, es muss auch kei­nen beson­de­ren Ethos haben, es ist ein­fach nur da und darf trotz­dem mit­ent­schei­den! Ein wert(e)loser Hau­fen mensch­li­chen Flei­sches. Wenn Pla­ton davon spricht, dass der Kör­per das Gefäng­nis der See­le ist, dann schwingt hier auch ein poli­ti­scher Unter­ton mit. Das ein­fa­che Volk in all sei­ner plum­pen Kör­per­haf­tig­keit erstickt den Geist und die See­le der nach dem Guten stre­ben­den »Bes­ten« (Aris­to­kra­ten). Das ist nicht ganz ohne Iro­nie, denn eini­ge der Schü­ler des Sokra­tes, die Pla­ton in sei­nen phi­lo­so­phi­schen Dra­men vor­tan­zen lässt, haben in Wirk­lich­keit in der Poli­tik ziem­li­chen S****ß gebaut, um es vor­sich­tig aus­zu­drü­cken (vor allem Kriti­as, Charm­ides und Alki­bia­des).

Übri­gens hat­ten die Grie­chen noch ein ande­res abwer­ten­des Wort für den Pöbel: ὄχλος (óch­los, Men­schen­men­ge, Mas­se, Pöbel). Das wird spä­ter bei Poly­bi­os zur Ehren­ret­tung der Demo­kra­tie ein­sprin­gen müs­sen (Och­lok­ra­tie).

Anders als Demos bezieht sich ἔθνος (éth­nos) auf ein Volk, das auf Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen basiert, also das, was wir abge­lei­tet von die­sem Wort heu­te nicht mehr »Volk«, son­dern »Eth­nie« nen­nen. Das Wort bezeich­ne­te ursprüng­lich ein­fach eine Grup­pe gleich­ar­ti­ger Tie­re oder Men­schen, also einen Schwarm, eine Her­de oder eine Schar. Im Unter­schied zu Demos steht hier die Gleich­ar­tig­keit im Vor­der­grund.

Dann gibt es noch λαός (laós), wovon sich unser Begriff der »Lai­en« ablei­tet. Ein Laos ist das Volk oder Heer, das einem βασιλεύς (basi­leus, König) ver­pflich­tet ist. Es ist also kein Volk, das aus sich her­aus exis­tiert und es ist nicht an einen Ort, son­dern an eine anfüh­ren­de Per­son gebun­den.

Zu guter Letzt schau­en wir uns noch die πολῖται (poli­tai, Bür­ger der Polis) an. Im Prin­zip sind sie deckungs­gleich mit dem Demos, denn der Demos bestand aus­schließ­lich aus frei­en männ­li­chen Bür­gern der Polis, also den Poli­tai. Demos ist der Kol­lek­tiv­aus­druck für die­se Grup­pe, unter­stellt aber in sei­nen Neben­be­deu­tun­gen den Grup­pen­mit­glie­dern damit auch Attri­bu­te, die auf alle poli­tai anwend­bar sind. Daher ist es ein Unter­schied, wenn Pla­ton und Aris­to­te­les über die Poli­tai oder den Demos spre­chen. Aris­to­te­les ent­wi­ckel­te sogar eine Regie­rungs­form, die πολιτεία (poli­te­ia, Staat, Ver­fas­sung), was gewöhn­lich in die­sem Kon­text mit »Poli­tie« über­setzt wird.

Zum Abschluss mache ich im Bedeu­tungs­feld einen klei­nen Sprung, den ich mir als Thea­ter­phi­lo­soph ein­fach mal selbst gestat­te.

Wie beim Demos in der Poli­tik gibt es im Bereich des Thea­ters einen Zusam­men­hang zwi­schen Ort und Grup­pe, näm­lich beim Ursprung der anti­ken Tra­gö­die (Props gehen raus an Fried­rich Nietz­sche), dem Chor: χορός (chorós). Ursprüng­lich bezeich­ne­te Cho­ros den Tanz­platz bei dio­ny­si­schen Fes­ten, auf dem Men­schen berauscht im Rei­gen tanz­ten und san­gen. Spä­ter ging der Name auf den Rei­gen und auf die tan­zen­den Men­schen selbst über. Dar­aus ent­stand dann der Chor, der in unter­schied­li­cher Stär­ke das Rück­grat von Tra­gö­die und Komö­die bil­de­te. Es gibt noch ein ent­fernt ver­wand­tes Wort: χώρα (cho­ra, Land, Fes­tung). Bei­de gehen wahr­schein­lich auf die glei­che indo­ger­ma­ni­sche Wur­zel zurück, die einen Raum bezeich­net, den man ein­nimmt. Lei­der wür­de es an die­ser Stel­le zu weit füh­ren, den genau­en Zusam­men­hang zwi­schen Poli­tik und Thea­ter in der grie­chi­schen Anti­ke dar­zu­stel­len. Das wer­de ich in einem eige­nen Arti­kel aus­füh­ren.

An die­ser Stel­le sei nur so viel ange­deu­tet: Das Thea­ter war die wirk­sams­te Art, auf die gesam­te Öffent­lich­keit der Polis direk­ten, kör­per­li­chen Ein­fluss zu neh­men und dar­um hat­te Pla­ton das Thea­ter noch vor den Sophis­ten zum Haupt­feind der Phi­lo­so­phie erklärt, da er davon aus­ging, dass die kör­per­li­che Ein­fluss­nah­me dem geis­ti­gen Dis­kurs der Phi­lo­so­phie in der Wir­kung über­le­gen war. Das war für Pla­ton eine Kata­stro­phe, denn er glaub­te, dass dabei ein fal­sches Ethos bei der Jugend ent­stand. Klingt wie eine Sor­ge aus der Gegen­wart. Pla­ton war aber auch übri­gens iro­ni­scher Wei­se ein Geg­ner der Schrift. Wäre er damals ein­fluss­rei­cher gewe­sen, hät­ten wir nie­mals etwas von ihm gehört, denn sei­ne Leh­ren sind nur durch die schrift­li­che Über­lie­fe­rung sei­ner Dia­lo­ge erhal­ten.

Ich selbst bin ganz ande­rer Mei­nung als Pla­ton. Ich glau­be, dass das Thea­ter eine wesent­li­che Rol­le dabei spielt, Phi­lo­so­phie und auch Demo­kra­tie neu zu den­ken. Doch dazu spä­ter mehr. Nach die­sem mys­te­riö­sen kur­zen Theo­rie­teaser sprin­ge ich wie­der zurück zur Poli­tik.

Im Deut­schen haben wir das Wort »Volk« in Volks­herr­schaft. Es kommt aus dem Alt­ger­ma­ni­schen: mhd. volc »Leu­te, Volk; Kriegs­schar«, ahd. folc »Hau­fe, Krie­ger­schar; Volk. Erst in der Neu­zeit im Zuge der Ent­ste­hung des moder­nen Natio­nal­be­wusst­seins erhält das Wort die Bedeu­tung von »Gesamt­heit aller Men­schen, die durch Spra­che, Kul­tur und Geschich­te ver­bun­den sind« und daher durch einen Staat ver­eint sein soll­ten. Auch die abwer­ten­de Bedeu­tung von Demos fin­det sich bei Volk: das (ein­fa­che) Volk in Abgren­zung zur Ober­schicht.

Da hier nur ein ein­zi­ger Begriff immer wie­der über­schrie­ben wor­den ist, bedeu­tet Volk also Demos, Eth­nos und Laos in einem. Die Nazis ver­wen­de­ten den Begriff des Vol­kes, um den Natio­nal­staats­ge­dan­ken des 19. Jahr­hun­derts ins Extre­me zu über­stei­gern: ein Volk, ein Reich, ein Füh­rer. Volk bedeu­tet hier die Fik­ti­on einer Art rei­nen Eth­nie (Eth­nos), die über ihren Füh­rer (Laos) mit dem Staat ver­bun­den ist (Demos). Durch den exzes­si­ven Gebrauch des Wor­tes »Volk« bei den Nazis ist es schwie­rig gewor­den, ihn heu­te zu benut­zen, ohne sei­ne völ­ki­schen Kon­no­ta­tio­nen mit anklin­gen zu las­sen. Daher redet man auch nicht mehr von Völ­kern und Völ­ker­kun­de, son­dern von Eth­ni­en und Eth­no­lo­gie.

Wenn wir Demo­kra­tie sinn­voll neu fas­sen wol­len, dann müs­sen wir wahr­schein­lich irgend­wie Alter­na­ti­ven zum Begriff des Vol­kes fin­den, denn die­ser bil­det in kei­ner Wei­se die viel­fäl­ti­ge Gesell­schaft ab, die ihre poli­ti­schen Geschi­cke demo­kra­tisch aus­han­delt. Auch die zusam­men­ge­setz­ten Begrif­fe »Wahl­volk« oder »Staats­volk« sind kei­ne Alter­na­ti­ve.

Kratos – Macht statt Herrschaft

Im Alt­grie­chi­schen fin­den wir neben κράτος (kra­tos, »Stär­ke, Kraft, Macht, Gewalt, Herr­schaft, Ober­be­fehl, Über­macht, Ober­hand, Sieg, Gewalttat«)noch eini­ge ver­wand­te Wör­ter, deren Bedeu­tun­gen fami­li­en­ver­wandt sind.
ἐνέργεια (ener­geia, »Tätig­keit, Wirk­sam­keit, Wir­kung, Kraft, Macht, Aktua­li­tät«), δύναμις (dyna­mis, »(kör­per­li­che) Kraft, Stär­ke, Streit­macht, Streit­käf­te, Hilfs­mit­tel, Fähig­keit, Talent, Wun­der­kraft, Mög­lich­keit, Macht, Ein­fluss, Anse­hen, Gel­tung, Macht­mit­tel, Wert, Betrag, Ver­mö­gen, Sinn«), ἰσχύς (ischus, »Stär­ke, Kraft, Fes­tig­keit, Dau­er, Tüch­tig­keit, Gewalt, Zwang, Macht, Hee­res­macht«), ῤώμη (rhome, »Kraft, Stär­ke, (poli­ti­sche) Macht, Streit­macht, Kolon­ne, Mut, Ent­schlos­sen­heit«), ἐξουσία (exou­sia, »Erlaub­nis, Recht, Befug­nis, Voll­macht, Frei­heit, Belie­ben, Will­kür, Macht, Gewalt, Obrig­keit, Behör­de, Amt, Macht­ha­ber, Reich­tum, Über­fluss«) und schließ­lich ἀρχή (archē, »Anfang, Beginn, Ursprung, Ende, Zip­fel, Ursa­che, Grund, Prin­zip, Ele­ment, Ober­be­fehl, Herr­schaft, Regie­rung, Amt, Behör­de, Obrig­keit, Reich, Gebiet, Statt­hal­ter­schaft, Pro­vinz, (himm­li­sche) Mäch­te«).

Neben »Herr­schaft« fin­den wir also auch Bedeu­tun­gen wie »Macht«, »Stär­ke«, »Kraft«, »Ver­mö­gen«, »Amt« oder »Möglichkeit«(und vie­le mehr). Das ist ein reich­hal­ti­ges Bedeu­tungs­an­ge­bot, aus dem man schöp­fen kann, wenn man Demo­kra­tie neu fas­sen möch­te.

Das deut­sche Wort »Herr­schaft« kommt aus dem Ger­ma­ni­schen: hērs­caf bzw. hērs­caft (alt­hoch­deutsch): Wür­de, Hoheit, Obrig­keit, ehren­vol­les Amt; hēr­schaft (mit­tel­hoch­deutsch): Amt, Hoheit, Obrig­keit, Stolz, Recht und Besitz eines Herrn, Her­ren­macht, Her­ren­wür­de, Herr­lich­keit, vor­neh­me Gesell­schaft. Zusam­men­ge­setzt ist das Wort aus den alt­hoch­deut­schen Bestand­tei­len »hēr« (ehr­wür­dig) und »scaft« (Erschaf­fung).

Nun, die offen­sicht­li­che Ablei­tung vom »ehr­wür­di­gen« Mann und sei­nen unglaub­li­chen Attri­bu­ten ver­bie­tet uns spä­tes­tens seit der Ein­füh­rung des Frau­en­wahl­rechts um 1918, den Begriff der Herr­schaft mit dem Begriff der Demo­kra­tie zusam­men­zu­brin­gen. Suchen wir nach einem bes­se­ren Kan­di­da­ten im Bedeu­tungs­feld.

Das deut­sche Wort „Macht“ kommt vom alt­hoch­deut­schen Wort „maht“, das um das 8. Jahr­hun­dert her­um gebraucht wor­den ist, um Bedeu­tun­gen wie „Anstren­gung“, „Gewalt“, „Voll­macht“, „Men­ge“ oder „Fül­le“ aus­zu­drü­cken. Zwi­schen dem 9. und 10. Jahr­hun­dert fin­det sich noch die Bedeu­tung „männ­li­che Geni­ta­li­en“, was wir heu­te immer noch mit Gemächt aus­drü­cken. Das eng­li­sche Wort „might“ kommt vom glei­chen indo­ger­ma­ni­schen Wort­stamm (alt­eng­lisch: miht, angel­säch­sisch: maht). Der Duden weist „Macht“ als Ver­bal­abs­trak­tum zu „mögen“ aus. Die­ses gemein­ger­ma­ni­sche Verb fin­det sich im Mit­tel­hoch­deut­schen (mügen), Alt­hoch­deut­schen (mugan), Goti­schen (magan), Eng­li­schen (may) und Schwe­di­schen (må). All die­se For­men gehen zusam­men mit ver­wand­ten Wör­tern aus ande­ren indo­ger­ma­ni­schen Spra­chen auf die Wur­zel magh- (»kön­nen, ver­mö­gen«) zurück. Von die­ser alten Bedeu­tung lei­ten sich die Wör­ter „Macht“, „mög­lich“ (»aus­führ­bar, erreich­bar«, mit­tel­hoch­deutsch: müg[e]lich) und „Mög­lich­keit“ (mit­tel­hoch­deutsch: müg[e]lichkeit) ab.

Macht aus­üben scheint also (im Indo­ger­ma­ni­schen) von jeher zwei Bedeu­tungs­aspek­te zu haben. Der eine ist das rei­ne Kön­nen, Ver­mö­gen zu etwas, die Mög­lich­keit zu han­deln. Der ande­re ist die Ver­wirk­li­chung die­ses Ver­mö­gens in Form von Gewalt oder durch recht­li­che Hand­lun­gen („Voll­macht“, s.o.). Die­se bei­den Aspek­te durch­kreu­zen ein­an­der bis hin­ein in den phi­lo­so­phi­schen Dis­kurs der Gegen­wart.

Ich schla­ge vor, den Wort­teil »Kra­tos« in »Demo­kra­tie« als »Macht« zu über­set­zen, was zunächst ein­mal legi­tim ist, da es zum Bedeu­tungs­spek­trum gehört. »Macht« deckt in sich ein viel wei­te­res Bedeu­tungs­feld ab, das wir rund um »Kra­tos« gefun­den haben, ist anschluss­fä­hig an moder­ne Sozi­al­theo­rien und lässt sich daher auch für eine pro­gres­si­ve Les­art von Demo­kra­tie ver­wen­den

Bedeutung, Familienähnlichkeiten und Mannigfaltigkeiten

Mit Witt­gen­stein kann man in den Bedeu­tungs­fel­der »Kra­tos« und »Macht« von Fami­li­en­ähn­lich­kei­ten der Wör­ter spre­chen. Sie sind nicht alle auf eine Bedeu­tung zurück­zu­füh­ren, über­schnei­den sich jedoch jeweils immer wie­der, wie ein lan­ges, geknüpf­tes Seil aus vie­len klei­ne­ren Strän­gen (auch ein Bild von Witt­gen­stein). Nun möch­te ich die­sen Exkurs nicht nut­zen, um eine heid­eg­ge­ria­ni­sche Sprach­me­di­ta­ti­on über das Wesen der Macht durch­zu­füh­ren. Auch geht es mir nicht dar­um, hier eine voll­stän­di­ge Ety­mo­lo­gie vor­zu­le­gen. So habe ich zum Bei­spiel die roma­ni­schen Spra­chen bis­her aus­ge­blen­det, obwohl die­ses für Bour­dieu und Fou­cault natür­lich bestim­mend sind (die wie­der­um zu mei­nen Haupt­ein­flüs­sen bei der Macht-Theo­rie gehö­ren). Hier nur eini­ge Andeu­tun­gen in die­ser Sache: Im Latei­ni­schen gibt es die potes­tas (Macht) und poten­tia (Kön­nen, Mög­lich­keit), damit ver­wandt pou­voir (Macht, Kön­nen) und puis­sance (Macht) im Fran­zö­si­schen, pos­si­bi­li­ty (Mög­lich­keit) im Eng­li­schen. Das latei­ni­sche for­tis (stark) bzw. For­tia (Stär­ke) führt zu force (Macht etc.) im Eng­li­schen und Fran­zö­si­schen.

Ich möch­te ledig­lich dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass die Macht in den Sprach­prak­ti­ken immer schon eine Viel­falt von mit­ein­an­der ver­wand­ten Aspek­ten beinhal­te­te, auf die ich immer wie­der zurück­kom­men wer­de. Gera­de in phi­lo­so­phi­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen erschei­nen ver­schie­de­ne Inter­pre­ta­tio­nen eines Begrif­fes oft als unver­ein­bar. Im Deu­tungs­kampf soll zumeist die Deu­tung des ande­ren negiert wer­den. Meist han­delt es sich aber nicht um gegen­sätz­li­che Inter­pre­ta­tio­nen, son­dern um ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven auf ein­zel­ne Aspek­te eines Begriffs.

Klar ist: Aus der bedeu­tungs­ge­schicht­li­chen Her­lei­tung kann kei­ne eigent­li­che Bedeu­tung eines Begriffs oder eine prä­zi­se Defi­ni­ti­on begrün­det wer­den, sie deckt im Gegen­teil eher his­to­ri­sche und seman­ti­sche Man­nig­fal­tig­kei­ten auf, die unser Den­ken in Bewe­gung brin­gen.

Der Witz von »Demo­kra­tie« ist, dass sie allen »Betei­lig­ten« etwas ande­res bedeu­tet. Demo­kra­ti­sche Wirk­lich­keit ent­steht erst im Zusam­men­spiel die­ser Posi­tio­nen.

Damit möch­te ich die­se kur­ze ety­mo­lo­gi­sche Fin­ger­übung been­den. Was hat sie mir gebracht? Für Demos habe ich noch kei­ne gute Über­tra­gung in die deut­sche Spra­che gefun­den, die mei­nem Bedürf­nis, eine pro­gres­si­ve Les­art der Demo­kra­tie zu fin­den, ent­sprä­che. Bei Kra­tos habe ich mit »Macht« einen guten Kan­di­da­ten gefun­den, mit dem ich wei­ter­ar­bei­ten kann.