Aristoteles: Prototypen der Macht

»Mit energeia und dynamis nahm Aristoteles spätere Machtbegriffe vorweg. Er war der Diskursjockey, der mit »Akt und Potenz« einen nachhaltigen Hit landete.


Energeia und Dynamis
Es gibt Begriffe, die so tief in das Denken einer Epoche eingegraben sind, dass spätere Generationen nicht mehr wissen, woher ihre eigenen Grundkategorien stammen. Macht ist so ein Begriff. Wenn heute Politolog*innen von struktureller Macht sprechen, wenn Soziolog*innen zwischen Potenzial und Ausübung unterscheiden, wenn Philosophen fragen, was es heißt, etwas zu können, ohne es zu tun – dann bewegen sie sich, oft ohne es zu ahnen, in einem Gedankenraum, den Aristoteles vor mehr als zweitausend Jahren abgesteckt hat. Zwar formulierte er selbst nie eine Theorie der Macht. aber er führte zwei Begriffe in die Philosophie ein, die auch in der Machttheorie ihre Spuren hinterließen: dynamis und energeia.

Zwei Worte, die die Welt erklären sollten
Aristoteles lebte in einer Zeit, in der eine Frage die gesamte griechische Philosophie in Atem hielt: Wie ist Veränderung möglich? Sein Lehrer Platon hatte auf die unveränderlichen Ideen gesetzt – das Ewige, das Stabile, das Wahre. Die sichtbare Welt der Veränderungen war für Platon ein Abglanz, fast eine Täuschung. Aristoteles drehte diesen Gedanken um. Er wollte nicht hinter die Welt blicken, sondern sie selbst verstehen – in ihrer Bewegung, ihrem Werden, ihrem Wandel. Und für dieses Unternehmen brauchte er neue Begriffe.
Den ersten fand er nicht weit: dynamis kannte die griechische Sprache längst. Das Wort stammt vom Verb dynasthai, das so viel bedeutet wie »können«, »vermögen«, »imstande sein«. Im Alltag bezeichnete dynamis die Fähigkeit eines Menschen, körperliche Stärke, aber auch das Vermögen eines Arzneimittels zu heilen oder eines Fürsten zu regieren. Aristoteles übernahm dieses Alltagswort und füllte es mit philosophischer Präzision. In seiner »Metaphysik« macht er daraus einen Grundbegriff seiner Seinsphilosophie: dynamis ist die Möglichkeit, das noch nicht realisierte Potenzial, das Vermögen, das einer Sache innewohnt, noch bevor es sich entfaltet hat. Ein Samenkorn besitzt dynamis – das Vermögen, zum Baum zu werden. Ein Musiker, der schläft, besitzt dynamis – die Fähigkeit, Klavier zu spielen, auch wenn er es gerade nicht tut.

Etymologie
Das altgriechische δύναμις (dynamis) wird abgeleitet von δύνασθαι (dynasthai) — »können«, »vermögen«. Es ist verwandt mit δυνάστης (dynastes, »Herrscher«). Unseren Wörter »Dynamo«, »Dynastie« gehen und natürlich »dynamisch/Dynamik« darauf zurück. Die Wurzel lebt im Lateinischen als potentia weiter, woraus unsere Wörter »Potenzial«, »Potenz« entstanden sind. In der lateinischen Übertragung beginnt die Begriffsgeschichte der Macht. Das lateinische Wort potentia, mit dem die Römer dynamis übersetzten, wurde zur Wurzel fast aller westlichen Machtbegriffe. Französisch pouvoir, englisch power, spanisch poder – alles Kinder des lateinischen potere, »können«, das selbst eine Übersetzung von dynasthai ist. Das deutsche »Macht« geht zwar auf eine germanische Wurzel zurück (magan, »können«, »vermögen«), trifft aber dieselbe Grundbedeutung: Macht ist ein Können. Ein Vermögen. Eine dynamis.
Den zweiten Begriff – energeia – prägte Aristoteles stärker selbst. Energeia ist in der Alltagssprache weniger verankert als dynamis; es ist ein philosophisches Kunstwort, das Aristoteles offenbar selbst geformt oder zumindest entscheidend geprägt hat. Es setzt sich zusammen aus en (»in«) und ergon (»Werk«, »Tat«, »Tätigkeit«). Energeia bedeutet also wörtlich so etwas wie »Im-Werk-Sein«, das Tätigsein, die Verwirklichung. Wenn der Musiker spielt, ist er in seiner energeia; wenn der Baum wächst, verwirklicht sich sein Wesen. Das deutsche Wort »Energie« und das englische Wort »energy« sind direkte Erben – aber in einer stark verblassten, physikalisch verengten Form. Bei Aristoteles ist energeia nicht bloß Kraft oder Energie im modernen Sinne, sondern die vollständige Verwirklichung eines Wesens in seiner eigentümlichen Tätigkeit.
Das altgriechische ἐνέργεια (energeia), gebildet aus ἐν (en, »in«) und ἔργον (ergon, »Werk«, »Handlung«) wir im Lateinischen als actualitas oder actus wiedergegeben — woraus unserer Wörter »Aktualität«, »Aktion«, »Akt« entstammen.
Wenn wir die Etymologie der Machtbegriffe durch die Sprachen verfolgen, stoßen wir immer wieder auf dieselbe Wurzel: Macht ist ursprünglich Können. Im Deutschen führt die Linie von magan (althochdeutsch, »können«, »vermögen«) über mittelhochdeutsch maht zum heutigen »Macht«. Im Lateinischen mündet potere in potentia, und von dort in alle romanischen Sprachen. Im Griechischen ist es dynasthai, das zur dynamis wird. Überall dasselbe: Macht ist kein Ding, das jemand besitzt wie ein Werkzeug. Macht ist zunächst ein Vermögen – eine Möglichkeit des Handelns, die noch nicht verwirklicht ist.
Diese etymologische Übereinstimmung ist kein Zufall. Sie zeigt, dass die aristotelische Unterscheidung nicht eine willkürliche philosophische Konstruktion war, sondern an etwas heranreichte, das von Menschen oft in dieser doppelten Form wahrgenommen und erfahren wird: als Vermögen, das wir jemandem zuschreiben, bevor er handelt – und als Wirklichkeit, die sich in der konkreten Handlung zeigt und bestätigt.
Aristoteles hat diese doppelte Form mit begrifflicher Schärfe herausgearbeitet und ihr eine philosophische Tiefe gegeben, die über die alltägliche Beobachtung weit hinausging. Sein entscheidender Schritt war die Einsicht, dass das Verhältnis zwischen Potenzial und Wirklichkeit nicht symmetrisch ist. Das Potenzial ist nicht einfach »weniger« als die Wirklichkeit – es ist eine andere, eigene Seinsweise. Ein Mensch, der schlafen kann, ist nicht weniger wirklich als einer, der gerade schläft. Und ein Herrscher, dessen Macht gerade nicht ausgeübt wird, ist nicht machtlos – er ist Inhaber einer dynamis, einer strukturell anderen, aber vollgültigen Form von Wirklichkeit. Wir werden an anderer Stelle, das diese wirkmächtige aristotelische Dichotomie auch ihre Grenzen hat und uns den Blick verstellt auf ein neues Verständnis von Macht im Anschluss, das wir im Anschluss an Michel Foucault entwickeln können: Macht als neutrale soziale Kraft, die wir niemandem individuell zuschreiben.

Das Verhältnis der beiden Begriffe – mehr als ein Gegensatz
Dynamis und energeia bilden bei Aristoteles kein einfaches Gegensatzpaar wie »schwarz und weiß« oder »kalt und warm«. Sie stehen in einem lebendigen, gerichteten Verhältnis zueinander: Die dynamis drängt zur energeia; das Potenzial sucht seine Verwirklichung. Die Natur, so Aristoteles, arbeitet nicht ziellos – sie entfaltet, was in den Dingen angelegt ist. Dieser Gedanke einer inneren Zielgerichtetheit, für die er den Begriff telos (Ziel, Zweck, Vollendung) prägte, durchzieht seine gesamte Naturphilosophie.
»Die Wirklichkeit ist früher als die Möglichkeit – nicht der Zeit nach, wohl aber dem Begriff und dem Wesen nach.« Aristoteles, Metaphysik IX, 8
Das ist ein radikaler Gedanke, den man leicht überliest. Aristoteles behauptet, dass die Verwirklichung in gewisser Weise »ursprünglicher« ist als das bloße Vermögen. Warum? Weil wir ein Vermögen immer nur verstehen, wenn wir wissen, wozu es dient. Was heißt es, Pianist zu sein? Wir begreifen es nur, wenn wir wissen, was Klavierspielen ist – also die realisierte Tätigkeit. Das Potenzial ist definiert durch die Wirklichkeit, die es anstrebt, nicht umgekehrt.

Warum das alles mit Macht zu tun hat
Aristoteles selbst hat das Wortpaar dynamis / energeia nicht zu einer Theorie der politischen Macht ausgebaut. In seiner »Politik« – dem einzigen Werk, das tatsächlich von Herrschaft, Bürgerschaft und staatlicher Ordnung handelt – tauchen diese Begriffe kaum in machttheoretischem Zusammenhang auf. Und dennoch: Die Struktur, die er beschreibt, ist genau die Struktur, die spätere Denker als »Macht« identifizieren werden.
Was ist Macht, wenn man sie mit aristotelischen Augen betrachtet? Sie ist zunächst ein Vermögen – eine dynamis. Jemand hat Macht, bevor er sie ausübt. Ein König schläft und ist dennoch König; seine Macht ruht, ist aber nicht verschwunden. Das ist kein Paradox, sondern genau das, was Aristoteles mit der schlafenden Fähigkeit des Musikers beschreibt. Die Macht besteht als Potenzial, als strukturelles Vermögen, das der Ausübung vorausgeht. Zugleich drängt dieses Vermögen zur Verwirklichung – zur energeia. Wer Macht hat, ohne sie je zu nutzen, stellt die ganze Bedeutung seines Vermögens in Frage. Macht will sich zeigen, bestätigen, reproduzieren.

Die Scholastik als Scharnierstelle: Potentia und Actus
Es waren die mittelalterlichen Denker*innen – allen voran Thomas von Aquin –, die das aristotelische Begriffspaar in das Zentrum der Philosophie rückten und damit zugleich die Brücke zur Machttheorie bauten. Thomas übersetzte dynamis konsequent als potentia und energeia als actus. Diese Unterscheidung – zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, zwischen Anlage und Vollzug – wurde zur Grundlage der gesamten scholastischen Philosophie, also der philosophisch-theologischen Denkschule des christlichen Mittelalters.
Was dabei geschah, ist für unsere Frage entscheidend: Potentia bezeichnete nicht mehr nur das natürliche Vermögen des Wachsens und Werdens, sondern auch das Vermögen Gottes, der Herrscher und der Institutionen. Die potentia Dei absoluta – die absolute Macht Gottes – wurde zum philosophischen Grundbegriff einer Theologie der Herrschaft. Und actus, die Verwirklichung, wurde zur Norm: Vollkommen ist, was vollständig verwirklicht ist. Gott ist actus purus, reine Wirklichkeit, ohne jede Unverwirklichtheit – das Gegenteil von dynamis. Dieser Gedanke ist aristotelisch in seiner Struktur, aber seine politischen und theologischen Implikationen gehen weit über das hinaus, was Aristoteles selbst formuliert hatte.

Der griechische Unterton im neuzeitlichen Machtdenken
Die großen Machttheoretiker der Neuzeit haben selten explizit auf Aristoteles verwiesen, wenn sie ihre Grundbegriffe entwickelten – und doch lassen sich ihre Kernunterscheidungen als Variationen des aristotelischen Themas lesen.
Thomas Hobbes, der im 17. Jahrhundert die Grundlagen des modernen Staatsdenkens legte, definiert Macht im »Leviathan« schlicht als »die gegenwärtigen Mittel, einen künftigen scheinbaren Nutzen zu erlangen«. Das ist eine dynamis-Definition: Macht als Vermögen, als Ressource, als Potenzial. Die Ausübung dieser Macht, ihre energeia, ist demgegenüber das, was der Staat durch sein Gewaltmonopol kanalisiert und bändigt. Bei Hobbes ist die Spannung zwischen Potenzial und Wirklichkeit zum Fundament einer ganzen politischen Ordnung geworden.
Hannah Arendt, die im 20. Jahrhundert den Machtbegriff gründlichst analysierte, kommt von einer ganz anderen Seite – und landet dennoch in derselben Struktur. Für Arendt ist Macht nicht das Vermögen eines Einzelnen, sondern entsteht nur im gemeinsamen Handeln: »Macht entspringt dem menschlichen Vermögen, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.« Diese Macht ist wesentlich energeia: Sie existiert nur in ihrer Verwirklichung, im tatsächlichen gemeinsamen Tun. Sie kann nicht gehortet, gelagert oder wie ein Rohstoff vorrätig gehalten werden. Eine Gruppe, die aufhört zu handeln, verliert ihre Macht – sie hatte bloß noch ein Potenzial, das sich auflöst, sobald es sich nicht mehr verwirklicht.

Michel Foucaults Revolution der Machttheorie mit und gegen Aristoteles
Michel Foucault schließlich, der das gesamte gesellschaftliche Leben als Netz von Machtbeziehungen beschrieb, arbeitet implizit mit einer Unterscheidung, die der aristotelischen strukturell verwandt ist: zwischen der Macht, die als Potenzial in Institutionen, Normen und Wissensstrukturen eingelassen ist, und der Macht, die sich in konkreten Handlungen, Gesten, Blicken, Beziehungen verwirklicht. Foucault hat die aristotelischen Begriffe nie benutzt – er war ein expliziter Kritiker des scholastischen Denkens –, aber die Tiefenstruktur seiner Analyse entspricht der aristotelischen Spannung zwischen dynamis und energeia. Michel Foucault setzt sich von der Geschichte der neuzeitlichen Theorie der Macht geradezu revolutionär ab, indem er versucht, die Macht physikalisch zu denken, als neutrale, soziale Kraft, die unsere soziale Wirklichkeit hervorbringt. Damit landet er wiederum erstaunlich nah an der relativen Physik, die Aristoteles begründet hat. Zudem wertet Foucault in seinem Spätwerk zudem auch mit der Ästhetik der Existenz wieder das Subjekt auf und entwickelt auch eine schwache Form des telos. Gerade diese telos-Frage ist ganz interessant und soll daher hier kurz eingeschoben werden (und weil mich niemand daran hindern kann 😉 ).

Das telos bei Michel Foucault
Foucault fügt in seinem Spätwerk ein schwaches telos in sein Theoriegebäude ein.
- Foucaults Techniken des Selbst im Spätwerk – askēsis, Tagebuchschreiben, Gewissensüberprüfung, Freundschaft als philosophische Praxis – sind nicht beliebig. Sie sind auf eine Transformation des Selbst gerichtet. Sie haben eine Richtung, wenn auch kein feststehendes Ziel.
- In späten Interviews spricht er explizit davon, dass Freiheit nicht Beliebigkeit ist, sondern eine Praxis, die sich an einer – wenn auch immer wieder zu befragenden – Haltung orientiert. Das hat eine evaluative Dimension.
- Foucaults Ästhetik der Existenz ist nicht wertfrei. Die Idee, das eigene Leben als Kunstwerk zu gestalten, setzt voraus, dass manche Gestaltungen gelungener sind als andere – auch wenn Foucault keine Kriterien expliziert.
Aber diese Annäherung ans telos hat auch Grenzen, die einen Unterschied zu Aristoteles markieren.
- Bei Aristoteles ist das telos in der physis des Menschen verankert: Der Mensch ist von Natur aus auf die Polis und auf das gute Leben hin angelegt. Foucaults Selbstsorge kennt keine solche naturale Fundierung. Es gibt kein ergon des Menschen, das aufgedeckt werden müsste. Das Ziel ist nicht vorgegeben, sondern selbst Gegenstand der Praxis.
- Aristoteles‹ Teleologie ist universalistisch: Was das gute Leben ist, gilt – zumindest für freie Männer – allgemein. Foucaults Ästhetik der Existenz ist radikal partikularistisch und kontingent. Es gibt keine allgemein verbindliche Form des gelungenen Lebens, nur die je eigene Arbeit an sich selbst.
- Foucaults Selbstsorge führt nicht auf einen Endpunkt hin, der den Prozess abschließt. Die aristotelische energeia kann zur vollständigen Verwirklichung kommen – etwa in der theōria, der theoretischen Kontemplation als höchster Form des Lebens. Bei Foucault gibt es kein solches Ankommen. Die Selbstsorge ist eine permanente, nie abgeschlossene Praxis.
- Aristoteles‹ telos ist politisch eingebettet: Der Mensch verwirklicht sich in der Gemeinschaft der Polis. Foucaults Selbstsorge scheint demgegenüber merkwürdig unpolitisch – oder genauer: das Verhältnis zur Gemeinschaft bleibt unterbestimmt, was ihm viele Kritiker, etwa von Habermas, als politischen Quietismus ausgelegt haben. Mit Platon (und nicht mit Aristoteles) versucht Foucault aus der Regierung des Selbst die Regierung der anderen abzuleiten: Nur wer sich um sich selbst sorgt, kann auch erfolgreich für andere sorgen.

Zwei Fallen, die Aristoteles vermeidet – und wir oft nicht
Foucault ist also nicht Aristoteles 2.0. Nichtsdestotrotz muss man Props an Aristoteles geben, dessen Denken bis zu Foucault wirksam bleibt. Dabei umgeht DER PHILOSOPH, wie ihn Thomas von Aquin nannte, in seiner Konzeption zwei Fallen, in die spätere Machtdenker*innen, die sich begrifflich bei ihm bedient haben, immer wieder getappt sind.
Die erste Falle ist die Substanzialisierung der Macht – also die Vorstellung, Macht sei ein Ding, eine Substanz, die man besitzen, anhäufen und verlieren kann wie Geld oder Nahrung. Diese Vorstellung liegt vielen populären Machtanalysen zugrunde: Wer hat wie viel Macht? Wie wird sie verteilt? Wer gewinnt, wer verliert? Aristoteles denkt nicht substanziell, sondern relational. Bei ihm geht es um ein Vermögen, das immer auf auf eine mögliche Wirklichkeit ausgerichtet ist.
Die zweite Falle ist der reine Aktualismus – die Idee, dass nur zählt, was sich gerade verwirklicht. Diese Vorstellung führt dazu, Macht nur dort zu sehen, wo sie sichtbar ist: in der Entscheidung, im Befehl, im Zwang. Aristoteles kennt diese Form der Verwirklichung – aber er weiß, dass sie ohne das zugrunde liegende Potenzial nicht möglich wäre. Übersetzt in die postaristotelische Sprache der Macht: Die verborgene, ruhende, latente Macht ist nicht weniger real als die ausgeübte. Sie ist ihre Bedingung.

Aristoteles neu lesen – eine philosophische Einladung
Was bedeutet es, Aristoteles‹ Begriffe heute ernst zu nehmen, wenn wir über Macht nachdenken? Es bedeutet zunächst, die Frage zu stellen, die er an alle Dinge stellte: Was ist das Vermögen dieser Sache, und was ist ihre Verwirklichung? Bezogen auf Macht: Welche Potenziale sind in einer sozialen Ordnung angelegt – in ihren Institutionen, Normen, Strukturen –, und wie, wann und für wen verwirklichen sie sich? Diese Frage ist nicht nur akademisch. Sie ist politisch.
Wenn wir eine Gesellschaft als Bündel von dynameis – von Vermögen – betrachten, dann fragen wir nicht nur, wer gerade Macht ausübt, sondern auch: Welche Möglichkeiten sind vorhanden und werden nicht verwirklicht? Welche Potenziale schlummern in Menschen, Gemeinschaften, Institutionen, die durch strukturelle Hindernisse an ihrer Entfaltung gehindert werden? Das ist eine Frage nach der verborgenen Macht der Möglichkeit – und sie ist aristotelisch durch und durch.
Zugleich erinnert uns der Begriff der energeia daran, dass Macht sich bewähren muss. Ein Vermögen, das sich nie verwirklicht, ist zwar real – aber es stellt sich die Frage, ob es auch wirksam ist. Recht ohne Durchsetzung, Autorität ohne Handeln, Kompetenz ohne Anwendung – das sind alles Formen von dynamis, die ihrer energeia harren. Eine Theorie der Macht, die nur das Potenzial analysiert, ohne nach der Verwirklichung zu fragen, bleibt abstrakt. Eine, die nur die Ausübung betrachtet, ohne das strukturelle Vermögen dahinter, bleibt oberflächlich.

Ein machtvolles Begriffspaar
Aristoteles hat selbst nie über Macht geschrieben. wie wir sie verstehen. Er hat über Bewegung und Ruhe nachgedacht, über Natur und Form, über das, was Dinge zu dem macht, was sie sind. Dabei hat er zwei Begriffe entwickelt, die – umgeformt, übersetzt, verfeinert und manchmal vergröbert – zur Tiefenstruktur westlicher Machtreflexion wurden. Dynamis und energeia: das Können und das Im-Werk-Sein, das Potenzial und seine Verwirklichung.
Wer diese Begriffe kennt und ihre Geschichte verfolgt, liest die großen Machttheoretiker anders. Er erkennt in Hobbes‹ »Mitteln« die aristotelische dynamis; in Arendts »gemeinsamem Handeln« die energeia; in Foucaults Netz von Beziehungen das aristotelische Bild eines Seinszusammenhangs, der aus Vermögen und Verwirklichungen gewoben ist. Er erkennt, dass die etymologischen Wurzeln der Machtbegriffe – Können, Vermögen, Wirksamkeit – nicht zufällig sind, sondern auf eine tiefe Wahrheit zeigen, die Aristoteles als erster mit philosophischer Präzision formuliert hat.
Und vielleicht erkennt er auch, dass das Denken über Macht noch immer von der Frage lebt, die Aristoteles stellte: Was vermögen die Dinge – und was wird aus diesem Vermögen? Was schläft in uns, in unseren Gemeinschaften, in unseren Ordnungen – und was erwacht, wenn die Bedingungen stimmen?
